Alfred Dorfer: Als politisch denkender Mensch kann man beim Fußball gar nicht neutral bleiben. Ich frag mich ja, wie man als Bayern-München-Fan ...

Florian Scheuba: ... als Bayern-München-Fan musst du überhaupt viel ausblenden. Allein schon das offizielle Vereinsmotto. Das lautet "Mia san mia!" Unglaublich, oder? Bei uns gilt "Mia san mia" als Synonym für Engstirnigkeit und Provinzialismus, ich meine, da kannst gleich als Motto nehmen: "Geht’s doch bitte alle scheißen!"

Dorfer: Das heimliche Bayern-Motto lautet ohnehin: "Der Deutsche muss arbeiten, um erfolgreich zu sein."

Scheuba: Goebbels?

Dorfer: Nein, Franz Beckenbauer. Der war halt immer sehr deutsch für einen Bayern.

Scheuba: Stürmerfoul! Aufpassen bitte, wir machen hier sicher kein Deutschen-Bashing beim Fußball.

Dorfer: Das wär auch völlig anachronistisch, es hat sich ja längst der Wind gedreht. Deutschland-Fan sein ist heute fast schon eine von den Medien geforderte Pflicht.

Scheuba: Eh, aber grad wir, die wir jede Form von Rassismus ablehnen, sollten uns da ein bissl z'ammreißen. Bei den Deutschen verharmlosen wir Vorurteile, aber wir schreien empört auf, wenn's heißt: "Sinti und Roma sind kriminell."

Dorfer: Das ist auch empirisch unhaltbar, die offiziellen Statistiken über Ausländerkriminalität in Österreich führen seit Jahren unangefochten nicht die Sinti und Roma, sondern die Deutschen an.

Scheuba: Eben, genau, und deswegen darf man auch die Deutschen nicht pauschal als kriminell hinstellen.

Dorfer: Hab ich ja nicht gemacht. Ich hab auch vorher absichtlich nicht den Uli Höneß erwähnt.

Scheuba: Nein! Wir tun jetzt nicht über den Hoeneß ... das ist ... Geschichte – und es war auch nicht alles schlecht unterm Hoeneß.

Dorfer: Zum Beispiel hat er die Autobahn bis zur Allianz-Arena bauen lassen.

Scheuba: Zum Beispiel. Nein, bitte! Aus! Wir müssen da endlich unseren Minderwertigkeitskomplex überwinden.

Dorfer: Ja, auf den stößt man ja hierzulande ständig. Jetzt regen sich alle auf, dass von 26 Germanistik-Professoren in Österreich 18 Deutsche sind und dass eine deutsche Professorin auf dem Germanistikinstitut in Wien eine Dissertation über Doderer abgelehnt hat, mit der Begründung, das sei Regionalliteratur.

Scheuba: Das ist doch nur österreichische Wehleidigkeit. Hallo! Germanistik! Welches Wort steckt da drinnen? Wer hat’s erfunden?

Dorfer: Das ist auch das Selbstverständnis vieler Deutschen, sie haben’s erfunden, und zwar alles.

Scheuba: Und das gilt auch für Leute wie den Beckenbauer oder den deutschen Fußball an sich. Und deshalb sollten wir bei dieser WM zu Deutschland halten.

Dorfer: Echt? Warum?

Scheuba: Warum, warum... Weil das deutsche Team sympathischer ist als früher. Da spielt ja nicht mehr der Lothar Matthäus, dieser Dieter Bohlen des Fußballs, sondern freundliche Spieler.Ihr Fußball ist schön anzuschauen, der Trainer ist nett, deshalb werden sie mittlerweile auch von allen gemocht. Sie sind irgendwie ...

Dorfer: Undeutsch.

Scheuba: Genau. Kann man undeutsch vielleicht näher definieren?

Dorfer: Zum Beispiel, dass sie im Endeffekt nicht gewinnen.

Scheuba: Richtig. Das heißt aber, wenn man will, dass die Deutschen weiter so beliebt bleiben ...

Dorfer: ... müsste man eigentlich darauf hoffen, dass sie nicht Weltmeister werden.

Scheuba: Eigentlich ja.