Es ist der 29. November im Jahr 2008, der nun in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Ein wolkenverhangener Samstag, an dem das entscheidende Treffen der 20 mächtigen Männer stattfindet. Die letzten Schneereste sind gerade weggetaut. Die Temperatur: etwas über dem Gefrierpunkt.

Um exakt 13.07 Uhr begrüßt Georg Fahrenschon die Sitzungsteilnehmer. So steht es in der Niederschrift der 85. Sitzung des Verwaltungsrates der Bayerischen Landesbank (BayernLB). Fahrenschon ist gerade erst vom einfachen Staatssekretär zum bayerischen Finanzminister aufgestiegen. Er ist mit 40 Jahren das jüngste Kabinettsmitglied, seine Haut ist fast faltenlos; nur zwischen den Augenbrauen hat sich eine tiefe Furche ins Gesicht gegraben.

Es ist keine gute Zeit für die bayerische Staatsbank. Zwei Monate vor dieser Sitzung hatte die New Yorker Investmentbank Lehman Brothers Konkurs angemeldet. Seitdem bestimmte die Panik vor weiteren Bankpleiten und später sogar die vor Staatspleiten ganz Europa. Auch die BayernLB hatte durch Fehlinvestitionen viel Geld verbrannt – und brauchte jetzt Neues: Ihr fehlten 10 Milliarden Euro. So steht es auf Seite 7 des Protokolls.

Die 85. Sitzung war also eine Krisensitzung. Und eine, die entscheidend sein würde für die Zukunft der BayernLB – vor allem aber für die ihrer österreichischen Tochter, der Hypo Group Alpe Adria (HGAA). Die bayerische Staatsbank hatte die HGAA im Jahr 2007 übernommen – und sich damit in ein beispielloses finanzielles Desaster gestürzt, dessen Ausmaß bis heute bei Verlusten von sage und schreibe 3,6 Milliarden Euro liegt. Das Institut war, das stellte sich später heraus, zudem in kriminelle Machenschaften verstrickt, die österreichische Ermittler in einem der größten Kriminalfälle der Geschichte der Alpenrepublik bis heute aufarbeiten.

Gerade prüft ein Prozess vor dem Münchner Landgericht, ob sich die führenden Banker der BayernLB mit der Fehlinvestition in die HGAA strafbar gemacht haben. Dokumente, die der ZEIT vorliegen, zeigen, dass in dem Fall noch ein zweiter Skandal steckt: Ein Staat hat hier den anderen betrogen. Genauer: München hat Wien betrogen.

Fürs Geschäft sponsern die Bayern österreichischen Fußball

Ein zentraler Ausgangspunkt ist die Verwaltungsratssitzung vom 29. November 2008. Das Gremium trifft sich an diesem Tag in neuer Zusammensetzung. Als Wirtschaftsminister hat mit Martin Zeil nach der jüngsten Landtagswahl in Bayern, die die CSU in eine Regierungskoalition gezwungen hatte, nun auch ein FDP-Mann Zutritt. Außerdem ersetzt Georg Fahrenschon den kurz zuvor zurückgetretenen Erwin Huber (CSU). Bloß Michael Kemmer, der schmale Bankvorstand, dessen Gesicht es später wegen der vielen Gerichtsfotos zu einiger Bekanntheit bringen wird, ist eine der wenigen Konstanten.

In dieser Sitzung fallen weitreichende Entscheidungen. Das Gremium beschließt, die Osteuropa-Strategie der HGAA drastisch zu korrigieren, was kurze Zeit später zur Schließung von sechs der insgesamt zwölf Standorte der Bank führt. Ein Banken-Insider nennt diesen Kurswechsel vor allem deshalb "schicksalhaft", weil "die Hypo ja nicht viel anderes hatte als ihre Osteuropa-Geschäfte". Weiter wird an diesem Novembertag entschieden, die marode österreichische Tochter wieder "kapitalmarktfähig" zu machen – soll heißen: sie für den Verkauf vorzubereiten. Außerdem steht im Protokoll: "Die Gefahr, dass man sich auf Grund von EU-Auflagen" von der Bank trennen müsse, schätze "Herr Dr. Kemmer als hoch ein". Dazu passt auch eine Zeugenaussage vom Oktober 2013, die Stefan Ermisch, damals Finanzvorstand bei der Bayerischen Landesbank, vor einem Wiener Gericht abgibt. Ermisch nennt dieses Novembertreffen eine "wichtige Verwaltungsratssitzung", besonders deshalb, weil entschieden wurde, dass die HGAA in Zukunft nicht mehr zum Kern des bayerischen Bankgeschäfts gehören werde.

Man freundet sich also in dieser Münchner Sitzung sehr mit dem Gedanken an, das lästige Milliardending aus Klagenfurt loszuwerden.

Es gibt nur ein akutes Problem: Die HGAA plant, sich im Zuge der Finanzkrise um Staatshilfe zu bemühen, mit der die österreichische Regierung strauchelnde Institute unterstützt. Als an diesem Novembertag in München all diese folgenschweren Beschlüsse getroffen werden, steht die HGAA unmittelbar vor der Bewerbung um das sogenannte Partizipationsgeld. Es stehen Beihilfen in Höhe von bis zu 1,4 Milliarden Euro im Raum. Klar ist, die neuen Informationen aus der Münchner Verwaltungsratssitzung würden diese Beihilfeverhandlungen akut gefährden.