Und sie beginnen tatsächlich zu flattern, die Hände, sobald er sie hebt, zu zucken wie von tausend kleinen Stromstößen gejagt, zu zittern wie Espenlaub, als striche ein starker Wind durch ihre Finger. Befremdlich sieht das aus, befremdlich vage und unpräzise, und vielleicht sind Valery Gergievs Hände schon deshalb ein Mythos. Pure Magie, schwärmen die einen, zumal sich selbst erfahrene Orchestermusiker schwer damit tun, die Sprache dieser Flattergeister zu entziffern, ihnen einen Einsatz oder Auftakt abzuluchsen, zu wissen, wann sie Fortissimo meinen und wann nur Forte. Alles Show, entgegnen die anderen, Inszenierung, und wenn nichts mehr hilft, vor allem keine saubere Schlagtechnik, dann hilft die Verunsicherung der anderen. In den Dirigierklassen am St. Petersburger Konservatorium soll es regelrechte Karaoke-Wettbewerbe geben im Händeflattern. Spaß bringt das bestimmt. Und der Ikone Valery Abisalovich Gergiev, dem bedeutendsten russischen Dirigenten der Gegenwart, tut es keinen Abbruch.

An einem Sonntag Mitte April im Londoner Barbican Center hat der 61-Jährige selbst allerdings wenig Spaß. Müde und grau sieht er aus, grau und unlustig klingt alle Musik. Es ist das letzte Konzert des London Symphony Orchestra im Rahmen eines Skrjabin-Zyklus, alle vier Sinfonien des Moskauer Modernisten, wechselnd garniert mit Werken von Messiaen, Liszt oder Chopin, zu Hause und auf Europatournee. Seit 2007 ist Gergiev Chefdirigent bei den Londonern, ein eigenes Plattenlabel haben sie mit ihm gegründet und durchpflügen unter seiner Ägide nun Jahr für Jahr das russische Kernrepertoire. Denn das ist des Meisters schöpferische Strategie: nicht mehr nur russische Musik mit russischen Orchestern zu machen, französische Musik mit Franzosen, Deutsches mit Deutschen, sondern zu mischen, über Kreuz zu denken und zu disponieren. Gergiev ist sicher kein Konzeptmensch, als Kulturbotschafter ließe er sich trotzdem gut vermarkten. In Zeiten, in denen hüben wie drüben die Angst vor einem neuen Kalten Krieg geschürt werden, allemal. Und quantitativ sowieso.

Wenn da nur die Politik selbst nicht wäre, in die sich der gebürtige Nord-Ossete nach Kräften verheddert hat – aus vaterländischer, besser: mutterländischer Überzeugung, aus Männertreue und Pflichtgefühl, aus Chuzpe, aus Trotz, wer will das wissen. Gergiev, der in Sotchi die russische Fahne trägt; Gergiev, wie er sich von Wladimir Putin mit dem frisch reanimierten Sowjet-Orden "Held der Arbeit" dekorieren lässt; Gergiev, der gefühlt jede Pro-Putin-Petition unterschreibt, die man ihm unter die Nase hält. Inzwischen leide der Dirigent darunter, erzählt Andreas Mölich-Zebhauser, Intendant des Baden-Badener Festspielhauses und Gergiev seit 15 Jahren professionell verbunden, "dass das Politische so im Vordergrund steht". Was das Künstlerische betrifft, sei der Valery zwar kein "Meister des Probens", aber "ein unglaublicher Virtuose im intuitiven Erfassen emotionaler Werkverläufe". Und menschlich? "Ein waschechter Russe! Und ein absolut integrer Kerl."

In München ist der Bär los: Darf Gergiev laut sagen, was er denkt?

Gergiev persönlich zu treffen und zu sprechen erweist sich leider als unmöglich. Drei Ersuchen, drei prompte Absagen. In München, wo er 2015 Chefdirigent der Philharmoniker werden soll, in London und in St. Petersburg. Hat er Angst vor politischen Fragen? Oder interessiert ihn das ganze (westliche) Gerede über die Rolle der Kunst in der Gesellschaft und die politische Verantwortung des Künstlers nicht? Heften wir uns an seine Fersen, nur für zwei Tage, auch ohne Interview. Erst London, dann St. Petersburg, einmal Konzert, einmal Oper. Und machen wir uns unsere Gedanken.

Valery Gergiev gilt als "umstrittener Dirigent". Nicht weil ihm das Rüde und Schnoddrige in der Musik von Haus aus mehr liegt als alles feingeistig Durchwirkte und stilistisch Ausdifferenzierte (was auch ein Grund wäre!) oder weil er lieber um den Globus jettet, als zu proben – das tun andere auch. Gergiev ist umstritten, weil er sich aus dem Reservat der Kunst in die Untiefen der Macht gestürzt hat oder hat stürzen lassen. Von Anfang an. Dürfen Musiker das nicht? Tun sie es ungestraft? Und was macht ein Daniel Barenboim anderes, der sich den Mund nun wahrlich nicht verbieten lässt? Die Antwort fällt leicht: Barenboim, wenn er im Nahostkonflikt Partei ergreift, handelt nicht in ureigenstem Interesse. Er hat nichts davon. Der Russe Gergiev in Russland schon. Und er tut etwas dafür.

Mitte der neunziger Jahre soll Gergiev in einem persönlichen Gespräch mit Boris Jelzin sowohl das Moskauer Bolschoitheater als auch das Petersburger Mariinski-Theater, dessen künstlerischer Leiter und Intendant er seit 1988 ist, vor dem sicheren finanziellen Kollaps gerettet haben. 1998 verschaffte er seinem Haus weitere 30 Millionen Dollar Staatsgelder – Jelzins Unterschrift auf dem Vertrag, heißt es, sei so heftig ausgefallen, dass sie ein Loch ins Papier gestanzt habe. Vielleicht war der Präsident aber auch bloß betrunken.