Was genau Masci mit solchen Begriffen meint, ist nicht immer leicht zu verstehen, aber wer weiterliest, wird sich allmählich in diesen Sound einhören. Masci entdeckt in Berlin das Ende von Politik und Wirtschaft als historische Ausprägungen von Interessenkämpfen. Das wirkt einleuchtend, denn nirgendwo sonst scheinen beide Sphären so oft matt und ausgelaugt zu sein: "Hier, wo die Politik im Verlauf des 20. Jahrhunderts die sichtbarsten Spuren ihrer eigenen Niederlage hinterlassen hat, erscheint der Übergang zu einer neuen, durch die absolute Kultur bestimmten Herrschaftsform unaufhaltsam." Positiv meint er das keineswegs (und man muss sich erst einmal daran gewöhnen, dass Kultur bei ihm negativ besetzt ist), denn "anstelle der fröhlichen Koexistenz verschiedenartiger Stile ist das Nichts erschienen". Von der ominösen "absoluten Kultur" wird behauptet, sie sei der furchtbare Krake unserer Zeit, "ein ununterbrochener Strom von Bildern und Ereignissen, in dem die Unterschiede zwischen Moral und Ökonomie, öffentlich und privat, Verantwortung und Vergnügen vollkommen aufgehoben sind". An die Stelle von Auseinandersetzungen, Debatten und Entscheidungen sei das kurzlebige Nacheinander von News und Events getreten. Politische Kämpfe seien domestiziert als "Krawall" wie der 1. Mai, jener "Karneval mit politischer Verkleidung", wirkungslos einsortiert in den "sich zyklisch wiederholenden Zeitrhythmus von Erwartung und Eintritt des Ereignisses" in einer Stadt, in der selbst der Clubbesuch als Widerstandsakt gegen eine Welt daherkommt, die ohnehin nicht mehr existiere".

Mascis Traktat klingt, als ob er mit Botho Strauß und Giorgio Agamben durch Berlin spaziert wäre, unterbrochen von gemeinsamer Benjamin-Lektüre. So raunt es immer wieder kräftig, stilistische Eleganz wechselt mit verschwiemelten Verstiegenheiten und rhetorischen Gesten.

Aber Masci kennt die Stadt und ihre Clubs, Tresor, Berghain, Cookies Cream und Volksbühne tauchen auf, ja selbst Christiane F. und ihre "menstruationsrot gefärbten Haare". Er lässt Geschichte assoziativ aufblitzen, die gespaltene Stadt von einst: "auf den Ruinen dieser zwei Welten, die einerseits durch Zwang, andererseits durch das Versprechen zusammengehalten wurde", sei "eine Freiheit, die die Ordnung nicht gefährdet" entstanden. Diese totale Entpolitisierung ist für Masci ein globales Menetekel, und daher beschreibt er zwar Berlin, jedoch als Avantgarde eines viel größeren Verhängnisses, um das er sich eigentlich sorgt: die Stadt als "Vorposten einer kulturellen Welteroberung", in deren Verlauf sich Differenzen in sämtlichen Lebensbereichen in einer endlosen Abfolge von Distinktionen, Trends, Moden und Stilfragen auflösten.

Das ist nun nicht neu: das Leiden am Moloch Großstadt, gepaart mit dem Frontalangriff auf die verwerfliche Gegenwart. Doch wer heute eine spannende Form der Kulturkritik sucht, wird in Mascis Remix dennoch fündig. Masci entdeckt das Ende der Freiheit im Ordnungswillen des Berghain-Türstehers, der "mit einer einfachen Kopfbewegung über Einlass oder Abweisung Auskunft gibt". Spaßig ist seine Beschreibung der Berliner "Spezialisierung auf das Nachtleben, die wie eine Karikatur von Hitlers Plänen wirkt, Paris zum Bordell Europas zu degradieren". Zu viel eingeworfen hat er beim Clubben aber wohl doch, wenn er meint, die "Verzweiflung über die irrationale Trennung" der Stadt vor 1989 sei "dem Glück vorzuziehen, zu dem die Stadt heute verurteilt ist: dem wattierten Glück am Morgen nach dem Rave, der kein Ende nehmen will". Herrlich ironisch hingegen die Passage über ein besetztes Haus als entpolitisierte Touristenattraktion, das zudem den "Charme eines religiösen Refugiums" für einstige Aktivisten verströme.

"Fun ist ein Stahlbad", so tönten einst Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer Dialektik der Aufklärung. Francesco Masci will die Aktualität dieses Satzes mit aller Macht vorführen; das hat gewiss auch etwas Verbiestertes. Dennoch wünschte man sich, dass der neue, aus dem Musikentertainment stammende Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner Mascis Attacken auf die totale Entertainisierung der Stadt lesen würde – als Typus ist Renner ein perfekter Beleg zur Diagnose des Italieners: "Das Individuum ist nur noch ein von vielfältigen Bildern durchwandertes offenes Feld."

Wir verdanken Masci die Entzauberung herrschaftsblinder Partyseligkeit. Wenn wir uns aber am Kottbusser Tor ins Gewoge der Nacht stürzen oder durch die Straßen von Neukölln ziehen, wo mancherorts überwiegend englisch oder spanisch gesprochen wird, vorbei an den schummrigen Bars der hedonistischen Internationale, können wir das dann doch gar nicht so schlimm finden. Denn das tröstliche, nun schon jahrhundertealte Geheimnis der Stadt bleibt von alledem unberührt. Berlin überlebt wirklich alles – auch seine Deutungen.