Den Haag, niederländisches Parlament. Der Abgeordnete Geert Wilders bittet in einem sterilen Konferenzraum zum Interview. Sein Büro liegt in einem anderen, abgeschirmten Bereich des Gebäudes. Besucher dürfen dort nicht hinein. Wilders, ein scharfer Islamkritiker, wird seit Jahren bedroht. Sein Sprecher sagt, die Drohungen hätten in letzter Zeit wieder zugenommen – auch als Folge seiner Bemerkung, er wolle "weniger Marokkaner" in den Niederlanden. Wilders, 50, betritt den Raum streitlustig – ein Mann in Wahlkampflaune.

DIE ZEIT: Herr Wilders, Sie und Wladimir Putin bilden eine seltsame Allianz, finden Sie nicht?

Geert Wilders:(lacht) Nein, das stimmt nicht. Was der russische Präsident auf der Krim und in der Ostukraine tut, ist falsch. Die Ukraine ist ein souveränes Land. Ich unterstütze nicht Putin – ich bin kritisch gegenüber der Politik der Europäischen Union. Sie hat die Ukraine mit der Aussicht auf einen EU-Beitritt gelockt, obwohl es eine sehr wacklige Balance zwischen der West- und der Ostukraine gibt. Die EU hat unverantwortlich gehandelt. Sie hat, mehr als irgendwer sonst, die Lage eskaliert.

ZEIT: Sie sagten, die Hälfte der Demonstranten auf dem Maidan in Kiew seien "Faschisten". Das ist genau die Wortwahl, die auch Wladimir Putin benutzt.

Wilders: Habe ich die Hälfte gesagt?

ZEIT: Ja.

Wilders: Ich weiß nicht, ob es genau die Hälfte war. Es gab Schlägertypen – nicht wenige. Kann man diesen Typen wirklich zurufen: "Euer Kampf ist unser Kampf"? Damit haben Europas Politiker den falschen Leuten Mut gemacht.

ZEIT: Es war nicht die EU, die in Kiew friedliche Demonstranten erschossen hat. Sie machen sie trotzdem für die Eskalation verantwortlich?

Wilders: Ich war in der Vergangenheit viele Male in der Ukraine. Und auf jeden Ukrainer, der Sehnsucht nach Europa hat, kommt ein anderer, der genau das Gegenteil sagt. Diese empfindliche Balance hat die EU zerstört. Sie hätte sich raushalten sollen.

ZEIT: Worum geht es in dem Konflikt? Um Landesgrenzen, Einflusssphären oder Werte?

Wilders: Ich teile so viele Werte zum Beispiel mit den Australiern. Das heißt aber nicht, dass wir uns ein Haus teilen müssen. Die Eurokraten haben vor allem an sich selbst gedacht, als sie von gemeinsamen Werten mit der Ukraine sprachen. Wahrscheinlich glauben viele von ihnen ganz aufrichtig ihren eigenen Blödsinn.

ZEIT: Die bislang größte Eskalation hat Wladimir Putin betrieben, indem er die Krim annektierte. Er teilt wichtige westliche Werte offensichtlich nicht.

Wilders: Jedenfalls hat er nicht unseren Wert der Souveränität der Völker geteilt. Generell würde ich Ihre Aussage aber nicht unterschreiben.

ZEIT: Nehmen wir Werte wie Liberalismus und Pluralismus. Oder Homosexuellenrechte ...

Wilders: ... was Liberalismus und Pluralismus angeht, bin ich schon näher bei Ihrer Einschätzung. Ich selbst bin für Homosexuellenrechte und für die Homo-Ehe. Allerdings würde ich nicht sagen, dass jemand, der gegen Homosexuellenrechte ist, deshalb kein Demokrat ist.

ZEIT: Putin ist ein Demokrat?

Wilders: Das habe ich nicht gesagt. Sie versuchen, mich in eine Ecke zu stellen.

ZEIT: Wir sehen nur, dass Sie und Wladimir Putin ein gemeinsames Interesse verfolgen: Sie wollen beide die EU schwächen.

Wilders: Unsinn. Ich habe meine eigene Partei, brauche keine Unterstützung von Herrn Putin.