Der schmale, stille Mann Mitte vierzig sitzt an einem betagten mechanischen Webstuhl und bewegt ihn mit Händen und Füßen. Zwischen den Schnüren, Fäden und Balken entsteht ein Sari. Drei Tage braucht Anwar ul-Haq für die sieben Meter kunstvoll gemusterte Seide; der Händler, der sie ihm abkauft, zahlt dafür 300 Rupien, umgerechnet rund vier Euro.

Es ist ein Anblick wie in einem Museum, das zum Leben erwacht ist – vor hundert Jahren wurden die Saris in der heiligen Stadt Varanasi am Ganges nicht anders gewebt. Und wie seine Vorväter hat auch Anwar ul-Haq keine Schule besucht. Er kann keine Zeitung lesen, und von den ungezählten Politdebatten im indischen Privatfernsehen bekommt er nichts mit, denn er kann sich keinen Satellitenempfang leisten. Trotzdem wird er bei der indischen Parlamentswahl seine Stimme abgeben. "Es ist ein Recht", sagt Anwar ernst.

Der größte Teil des Landes hat schon abgestimmt, Anwars Wahlbezirk im Dorf Mangalpur kommt als einer der letzten am 12. Mai an die Reihe. In den Umfragen liegt Narendra Modi vorn, der Kandidat der hindunationalistischen Rechten. Etwa 290 der fast 815 Millionen wahlberechtigten Bürger Indiens sind Analphabeten wie Anwar. Kann eine Demokratie mit so vielen Menschen ohne Bildung überhaupt funktionieren? Oder sind Leute wie Anwar bloß Stimmvieh, das von Clan-Bossen, Feudalherren oder lokalen Meinungsmachern zu den Urnen geführt wird? Ist die "größte Demokratie der Welt" in Wahrheit eine Illusion?

Als 1952 die ersten Parlamentswahlen im unabhängigen Indien stattfanden, konnten etwa 85 Prozent der Bürger nicht lesen und schreiben. Damit sie die Stimmzettel ausfüllen konnten, bekamen die Parteien Symbole zugeordnet: ein Ochsengespann, eine Hütte, einen Elefanten. Ein indischer Maharadscha befürchtete: "Die Welt ist viel zu wacklig für so ein Experiment."

Das Experiment hat inzwischen fünfzehn Mal stattgefunden, ohne Fiasko. Hunderte Millionen Inder sind in der Moderne angekommen. Auch heute benutzen die Parteien noch Symbole. Aber die Frage, ob es eine echte Demokratie der Ungeschulten geben kann, ist nicht verschwunden. Sie ist aktuell in einem Augenblick, da die Volksherrschaft nicht mehr als weltweites Erfolgsmodell gilt und von den arabischen Revolutionen vor allem die Furcht vor dem Fanatismus der Massen übrig geblieben ist. Indien ist der Testfall für die Selbstregierung von Menschen, die dazu nichts qualifiziert als ihr Menschsein.

Anwar ul-Haq macht eine Pause und lässt sich auf ein Gespräch ein. Er hat sechs Kinder; die Familie zu ernähren ist schwer. Viele Junge geben ihr Handwerk auf und gehen als ungelernte Arbeiter in die Stadt. Dass die Politik daran etwas ändern wird, glaubt Anwar nicht.

Was wird er wählen? Die Kongresspartei, antwortet er. Warum? Die Dorfältesten in Mangalpur hätten immer erklärt: Wählt die Kongresspartei. Der Dorfälteste, ist er das Oberhaupt einer besonders angesehenen oder mächtigen Familie? Nein, zum Dorfältesten werde man gewählt. Er ist ein Ortsvorsteher, ein Bürgermeister. Wird Anwars Frau (die ebenso wenig lesen und schreiben kann wie er) auch wählen? Ja, sagt er, sie wählt, was er wählt – also die Kongresspartei.

Wir steigen ohne Anwar ins Obergeschoss des zweistöckigen Häuschens, wo Badrunisha ul-Haq mit ihren Töchtern kleine Perlen auf den Sari-Stoff stickt – die Arbeit der Frauen. Ein Tablett mit Keksen wird herbeigebracht. Auf die Frage, was sie wählen wird, lächelt Badrunisha und sagt leise: "AAP".