Krieg ist der permanente Ausnahmezustand – nicht nur im Schützengraben. Der amerikanische Historiker Roger Chickering hat geschildert, wie man im Deutschen Reich zwischen 1914 und 1918 an der "Heimatfront" sparte, um die Soldaten im Feld zu unterstützen: Ferngespräche und Eiscreme wurden verboten, Lebensmittel rationiert, sämtliche Fahrradreifen beschlagnahmt, Briefe zensiert. "Die Post", schrieb eine Professorengattin im Frühjahr 1918 an ihre Tochter, "ist jetzt so ziemlich die unzuverlässigste Sache in ganz Europa." Worauf war überhaupt noch Verlass im mörderischen Durcheinander des industrialisierten Kriegs und angesichts allmächtiger und undurchsichtiger Bürokratien?

Im Archiv des Schweizer Klosters Einsiedeln lagern rund 3.500 Briefe, die auf diese Frage eine Antwort geben. Während des Ersten Weltkriegs ans Kloster geschickt, zeigen sie, dass in dieser Zeit der Schutzlosigkeit der Glaube an die Magie gedieh. Adressiert waren die Briefe an das Gnadenbild der schwarzen Madonna, eine kerzenrußgefärbte Statue von Maria mit dem Jesuskind im Kloster Einsiedeln. Seit dem späten Mittelalter wird sie als wunderwirkend verehrt. Die Briefe enthielten Fotos von Soldaten, versehen mit der Bitte, sie direkt neben oder vor der Madonna zu platzieren, auf dass der abgebildete Soldat unversehrt aus dem Krieg heimkehre. Eine Art Tausch also: Man gab ein Foto, um einen lebendigen Körper wiederzubekommen.

Mehr als ein Drittel der Briefe stammen von Absendern aus dem damaligen Deutschen Reich, die meisten aus Baden, Württemberg, dem Elsass und Westfalen, einige auch aus Bayern und Berlin – viele der deutschen Soldaten hatten zuvor in der Schweiz gearbeitet und wussten daher von der Einsiedelner Madonna. Fast genauso zahlreich sind Österreicher vertreten. Aus Vorarlberg haben ganze Dörfer die Fotos ihrer eingezogenen Soldaten an das Kloster gesendet, ebenso aus Tirol und aus dem damals zur Habsburgermonarchie gehörigen Trentino. Auch aus Italien und Frankreich sowie vereinzelt aus England, Belgien und den Vereinigten Staaten schickte man Bilder.

Nicht selten sind direkt auf den Fotos Hinweise und Bitten notiert. "Otto Schäubli von Winterthur kämpft jetzt in Palästina", ist auf einem Foto zu lesen: "O Maria beschütze ihn und bring ihn der Mutter wieder heim." Die besorgte Mutter eines Soldaten namens Alfonso sandte ein Bild ihres Sohnes in italienischer Galauniform, darunter die Zeile "alla mia buona e cara mamma" . Womöglich hatte diese Worte, die nun der Muttergottes galten, einst der junge Mann selbst geschrieben – für seine "gute und teure Mama".

Einige schickten auch Kinderfotos der Soldaten – vielleicht in der Hoffnung, die Madonna damit umso wirkungsvoller zu rühren? Andere fertigten sorgfältig komponierte Gruppenbilder als Collagen an oder nähten mehrere Fotos zusammen – als magische Versicherung, dass auch der Krieg diese Brüder und Freunde nicht würde trennen können?

Besondere Verdienste wurden unübersehbar herausgestellt: "Zwei angehende Theologiestudenten", steht auf der Rückseite eines Bildes. Und ein gewisser August Bernauer – "Vater von neun Kindern und zur Zeit in Rußland", wie er auf der Rückseite des Fotos vermerkte – wandte sich von Mann zu Mann an den Klostervorsteher: "Hochwürdiger Herr Abt, hätten Sie vielleicht noch ein Plätzchen für mich in der Gnadenkapelle?"

In den Briefen, Widmungen und Beschriftungen wird eine himmlische Registrierungsbürokratie angerufen. Und ganz wie im Fall weltlicher Bittbriefe und Eingaben musste dabei möglichst genau mitgeteilt werden, um welche Person es denn gehe, mit sorgfältigen Angaben zu Name, Dienstgrad und Alter des betreffenden Soldaten. Genaue Hinweise auf den gegenwärtigen Einsatzort untersagte die Zensur. Das Ziel war die korrekte Identifikation: Wie konnte die Madonna einen Einzelnen so zuverlässig erkennen, dass sie ihn auch im Trommelfeuer zu beschützen vermochte? Die neue Technik der Fotografie bot sich als Lösung an.

Das Foto-Archiv des Klosters Einsiedeln dokumentiert auch die Entwicklungsschritte dieser Technik. Porträts nach dem Vorbild der cartes de visite, der aufwendigen Foto-Visitenkarten, die so etwas wie das großbürgerliche Facebook des 19. Jahrhunderts waren, wurden von etwa 1890 an zur erschwinglichen Massenware. Zudem begann die deutsche Fotoindustrie schon im zweiten Kriegsjahr, billige handliche Fotoapparate eigens für den Gebrauch an der Front herzustellen und zu vermarkten.

Die Einsiedler Soldatenfotos bilden daher ein breites soziales Spektrum ab: Im Klosterarchiv finden sich großformatige Atelierporträts von Männern aus hochadeligen Kreisen, aber auch selbst geknipste Amateurfotos. Sozial am unteren Rand rangieren die Bauern und Fabrikarbeiter, von denen kein individuelles Bildnis existierte und die deswegen nur als daumennagelgroße Schnipsel zur Muttergottes geschickt werden konnten – mit der Nagelschere herausgelöst aus Gruppenfotos oder mit einem Hinweispfeil versehen.

In den beigelegten Texten wird deutlich, dass die Fotos den Absendern als kostbare Objekte galten. Manche stecken in bereits fertig adressierten Rückumschlägen; andere tragen groß geschriebene Eigentumsvermerke auf der Rückseite: "Dieses Couvert ist mitsamt Inhalt unverzüglich nach amtlich bestätigtem Kriegsende und Friedensschluss an Frl. Gertrude von Mutach, Obere Dufourstr. 9, Bern, zu senden", schrieb eine Einsenderin streng.