Es ist verboten, wir wissen es genau. Keine Fotos von Uniformierten! Folgsam porträtierten wir das Land ohne die allgegenwärtige Polizei. Doch nun, in Samarkand, erscheint uns eine märchenhafte Szene. Durch die bunt gekachelte Pracht der Mausoleen-Stadt Schah-e-Sende schreitet, leuchtend grün, ein Polizeibataillon. Es strebt zum Heiligtum des allhier enthaupteten Mohammed-Cousins Kusam ibn Abbas. Die Staatsmacht im Anmarsch zum Gebet – wie von selbst hebt sich die Kamera. Was tut die Macht? Lacht und posiert.

Usbekistan ist eine nachsowjetische Diktatur, zugleich ein Sehnsuchtsziel der deutschen Orientverklärung. Die verdanken wir zu guten Teilen Goethe. Leiblich war er nie in "Bochara, dem Sonnenland" seines West-östlichen Divans. Aus Traumgefilden sandte er 1815 als Poet Hatem "tausend liebliche Gedichte / Auf Seidenblatt von Samarkand" an Suleika, Marianne von Willemer, in Frankfurt am Main.

Von dort fliegt man sechs Stunden gen Morgenland. Weit westlich zurück bleiben die Ukraine, die Krim, der Kaukasus. Das Kaspische Meer erscheint. Jenseits breitet sich Ust-Urt, kasachisch-turkmenisches Totland aus Lehm und Salz. Dann Usbekistan, zu zwei Dritteln Wüste. Die Hauptstadt Taschkent wurde 1966 durch ein Erdbeben zerstört.

Ein halbes Jahrhundert später durchstreifen wir eine Zweieinhalb-Millionen-Metropole. Weiträumig und grün ist Taschkent, nunmehr bebaut mit den schönsten Plattenblocks der Welt. So rühmt Mahmud, unser lokalpatriotischer Begleiter. Wir sehen mehrstöckige Volkskunst-Ornamentik und dass die Sowjetmoderne schon wieder bröckelt. Unterirdisch glänzt sie. Taschkents Metro-Stationen sind Majolika-Paläste, von Kronleuchtern illuminiert. Jeder Fahrgast wird eingangs polizeilich durchsucht. Es gab Anschläge, sagt Mahmud. Halt, nicht fotografieren!

Stattdessen betrinkt sich die Kamera an den Wimmelbildern des Basars. Tausend Gesichter. Teppiche, Seide, Spezereien. Granatäpfel, Datteln, Stalaktiten aus Zuckerkand, flammend leuchtendes Gewürz. Überall brodelt’s und brät’s. Wir futtern Hammelhack am Spieß zum grünen Tee. Aber warum sind wir hier?

Nicht nur wegen bunter Sehenswürdigkeiten. Wir wollen auch "den Spuren von Philosophen und Universalgelehrten" folgen und etwas erfahren vom "Kontakt zwischen der östlichen und westlichen Geisteswelt". Der Reiseveranstalter hat ein Themenjahr "Philosophie und Lebenswelten" ausgerufen, unsere Tour gehört dazu. Sie führt durch Chiwa, Buchara, Samarkand – zweieinhalbtausendjährige Sagenstädte eines 1991 gegründeten Staats. Usbekistan ist kein geschlossener Kulturraum, keine homogene Nation, sondern eine sowjetische Schöpfung, Stalins Kartenzeichnung aus dem Jahre 1926. Der bis dato einzige Präsident des jungen Staates, Islam Karimow, inzwischen 75, herrscht vermutlich auf Lebenszeit, unbedrängt von Opposition, machtkritischen Medien, Streiks und ähnlichen Missvergnügen. Mahmud sagt: Ich mag unseren Präsidenten.

Warum?

Er entspricht meinen persönlichen egoistischen Wünschen. Ich kann reisen, das Internet nutzen, eine Firma gründen ...

Aber wie konnte Karimow, der hiesige Honecker, als letzter Statthalter des Sowjet-Atheismus Marx und Lenin stürzen und fortan einen muslimischen Staat führen?

Er hat den Frieden bewahrt.

1991 drohten Zentralasien jugoslawische Verhältnisse, doch die sowjetgeschulten Präsidenten der fünf neuen -stan-Staaten vereinbarten, trotz überlappender Völker alle Grenzen zu belassen. Karimow bekämpfte die Islamisten. 2005 schlug sein Militär einen Aufstand von Separatisten nieder, die das Fergana-Tal zum gottesstaatlichen Kalifat machen wollten. Wohl 700 Menschen starben. Wir sind nicht fundamentalistisch, erklärt Mahmud. Bei uns ruft kein Muezzin vom Minarett.

Am Unabhängigkeitsplatz wich der weltgrößte Lenin, 40 Meter hoch, einem Obelisken, den ein goldener Globus krönt. Taschkenter Volksspott: Lenin hat ein Ei gelegt. Das einstige Lenin-Museum, eine Betonkommode, erzählt nun usbekische Geschichte. Man erfährt von der religiösen Polyfonie vor dem flächendeckenden Islam, vom Waren- und Wissenstransfer entlang der Großen Seidenstraße, von den Kriegswalzen Alexander und Dschingis Khan. Dem mongolischen Zerstörer folgte im 14. Jahrhundert dessen Bewunderer Tamerlan alias Timur Lenk. Mahmud, warum wurde dieser Nicht-Usbeke 1991 zum nationalen Ahnvater ausgerufen, obwohl er ein grausamer Machtmensch war?

Nicht obwohl, lächelt Mahmud. Weil. Das machte ihn berühmt.

Unweit steht die Hasrati-Imam-Moschee nebst der Koranschule Barach-Khan. Koranschulen, sogenannte Medresen, reproduzierten die winzige Elite der Feudalgesellschaft. Die Sowjetmacht ließ sie schließen. Dank allgemeiner Schulpflicht stieg die usbekische Alphabetisierungsrate von 1 auf 99 Prozent. Bildung, sagt Mahmud, ist auch ein Grund, warum wir uns nicht islamistisch aufhetzen lassen. Die Bibliothek der Medrese birgt den ältesten Koran der Welt, vor 13 Jahrhunderten auf Rehhaut geschrieben. Angeblich befleckt ihn das Blut des dritten Kalifen Osman, der, 656 beim Freitagsgebet erstochen, über dem Buchkoloss zusammensank. Seinem Tod folgte die Spaltung der Umma in Sunniten und Schiiten.