Als Chimamanda Ngozi Adichie mit 19 Jahren zum Studium in die USA ging, nannten die Afroamerikaner sie Schwester. Das war als Solidaritätsgeste unter Schwarzen gemeint. Innerlich schüttelte sie dann immer den Kopf: "Was soll das? Ich bin nicht schwarz, ich bin Nigerianerin!" Mit dem Konzept von Rasse konnte sie nichts anfangen. In Nigeria war Schwarzsein keine Kategorie mit politisch-sozialer Bedeutung. Natürlich hatte man seine kolonialen Erfahrungen gemacht und wusste um die Sklaverei, aber entscheidend war, dass – logisch: schwarze Nigerianer Machtpositionen innehatten. Das war (und ist) in Amerika trotz Barack Obama anders. Schwarze Hautfarbe wird in den USA mit Kriminalität und underachievement, also mit unterdurchschnittlichem Erfolg, verbunden.

Chimamanda Ngozi Adichie lernte in den USA, sich als Schwarze zu sehen. Und auch wieder nicht. Denn je mehr sie in die neue Gesellschaft eintauchte, desto klarer durchschaute sie die Mechanismen, nach denen Amerika rassisch funktioniert. Und natürlich ist ein Afro-American etwas ganz anderes als ein amerikanischer Afrikaner – also jemand, der in Afrika aufwuchs und dann zum Studium oder aus beruflichen Gründen in die USA geht.

Heute ist Chimamanda Ngozi Adichie mit ihren 36 Jahren eine international gefeierte Schriftstellerin, und sie lebt in beiden Ländern. Sie kommt direkt aus Lagos, als wir sie in Frankfurt treffen. Hier beginnt ihre deutsche Lesereise mit ihrem neuen Roman Americanah. "Chimamanda", hatte ihre Agentin geschrieben, "hasst es, wenn sie in Europa mittags nur eine kalte Mahlzeit bekommt. Am liebsten sind ihr Thailänder und Inder." Also sitzen wir in einem indischen Restaurant, trinken Mango-Lassi und essen Chicken Curry.

Chimamanda Ngozi Adichie ist eine bemerkenswerte Frau. Sie verbindet Intellektualität mit Glamour. Ihr Selbstbewusstsein ist so raumfüllend, dass einem die Luft um sie herum schon einmal dünn werden kann. Sie ist nicht die diplomatische Abwieglerin, die aus ihrem Herzen eine Mördergrube macht. Wenn man ihr zuhört, kann man sich gut vorstellen, wie sie mit der Kraft eines Wirbelsturms dem rassisch voreingenommenen Amerika klargemacht hat, dass sie persönlich jedem auf die Füße treten werde, der sich gemütlich in der Vorstellung von black underachievement einrichtet. Ihr sehr souveräner und fast schon überartikulierter Scharfsinn mag auch eine Reaktion auf Inferioritätsstereotypien über Schwarze sein, denen sie mit schneidenden Superioritätsgesten den Boden unter den Füßen wegzieht: In jedem IQ-Duell würde man den Kürzeren ziehen ...

Adichie ist eine Kämpferin, und Vagheit um des lieben Friedens willen liegt ihr nicht: "Wenn du in liberalen Kreisen in den USA über Rassismus redest", sagt sie, "musst du es immer so tun, dass sich keiner unwohl dabei fühlt. Dann ist es okay. Und wenn du einen Roman über Rassismus schreibst, dann bitte auf die Marcel-Proust-Art, also so, dass das Thema möglichst ambivalent erscheint. Wenn du zu direkt über Rassismus schreibst, giltst du als ›zornig‹, und es heißt, du würdest überreagieren."

"Americanah" nennen Nigerianer diejenigen ihrer Landsleute, die es nach Amerika geschafft haben. Die mit Geld, westlicher Bildung und ostentativ amerikanischem Akzent in die Heimat zurückkehren und sich dann darüber lustig machen, dass sie in Lagos kein gescheites vegetarisches Sandwich bekommen.Americanah heißt Adichies neuer Roman, und er ist ein großes Epos über eine Welt, die einerseits immer enger zusammenrückt, deren Grenzen aber andererseits immer schärfer bewacht werden.

"Die Miene von Leuten, die einen aus ihrem Stamm verloren haben."

Die Geschichte, die Adichie mit bewundernswerter Brillanz entfaltet, spielt in Nigeria, England und den USA. Ifemelu ist zum Studium in die USA gegangen. In Nigeria war sie mit Obinze zusammen, ihrer großen Liebe. Nach einem holprigen Start läuft ihr neues amerikanisches Leben ziemlich rund: Sie hat ein Stipendium, einen lukrativen Babysitterjob, bald einen neuen Freund, Curt, aus einer weißen Ostküstenfamilie mit altem Geld. Zwar ist da immer die Sehnsucht nach der Heimat und nach Obinze, gleichzeitig reizen sie die neuen Herausforderungen. Als sie realisiert, in welcher Weise das gesellschaftliche Leben in den USA von rassistischen Pauschalisierungen geprägt ist, beginnt sie, ein Blog darüber zu schreiben.

Das Blog wird ein großer Erfolg, weil sie als Nigerianerin eine interessante Drinnen-Draußen-Beobachterposition hat: Sie ist schwarz, aber sie hat eine andere Vorgeschichte als die Afroamerikaner. Für sie ist die Rassen-Hierarchie von den Afro-Americans über die Hispanics, die Latinos, die Juden bis zu den WASPs etwas völlig Neues. Und die Themen liegen auf der Straße: Helles Braun wird durchgewinkt, ist einer tiefschwarz, wird er noch immer angestarrt, als sei er King Kong. Latinos haben kein Problem im Showgeschäft, aber wann wird endlich, so schreibt Ifemelu in ihrem Blog, "eine schöne schokoladenfarbige Frau in einer teuren romantischen Komödie" besetzt werden? Und sie fügt hinzu: "Weil nämlich schöne dunkle Frauen in der amerikanischen Popkultur nicht existieren."

Oder: Eine schwarze Frau, die mit einem ärmlich dreinschauenden Weißen zusammen ist, fällt nicht auf. Aber wenn Weiße eine schwarze Frau mit einem Weißen entdecken, dessen Charme, Stil und Habitus nach Geld riecht, dann setzen sie gleich so eine gewisse Miene auf: "Die Miene von Leuten, die einen aus ihrem Stamm verloren haben."

Rassismus, das kann man von Ifemelu lernen, ist eben nicht das, was allen einleuchtet, sondern doch eher das, was nur der beobachtet, der ihn am eigenen Leibe erfährt.

Obinze ist indessen nach England ausgewandert, aber er hat kein Glück. Auf dem Weg zum Standesamt, um eine Scheinehe einzugehen, die seinen illegalen Aufenthaltsstatus endlich legalisieren würde, schnappen ihn sich die Behörden, und er wird abgeschoben. Was es heißt, sich in einem Land illegal durchschlagen zu müssen, beschreibt Adichie in psychologisch hinreißend raffinierten Szenen, stets ohne jede Weinerlichkeit, immer mit der harten Intelligenz untrüglicher Menschenbeobachtung.

Am Ende ist Ifemelus Sehnsucht nach der Heimat so groß, dass sie – allerdings ausgestattet mit einem amerikanischen Pass – nach Nigeria zurückkehrt. Hier trifft sie wieder auf Obinze, der die Aufbruchstimmung nach dem Ende der Militärdiktatur in Nigeria genutzt hatte und über Nacht zu einem der für das Land typischen Neureichen geworden ist, die ihre Frauen zum Shoppen nach New York schicken und einen weißen Generaldirektor für ihr Unternehmen einstellen, um ihre globale Kompetenz zu betonen.

Man kann gar nicht sagen, welche Szenen man stärker findet, die in Nigeria, die in England oder die in den USA: Adichie hat wahrhaft einen Weltroman geschrieben, der uns Begriffe einer Menschenkenntnis an die Hand gibt, die überall funktioniert, ohne je schablonenhaft zu sein.

Oft wird Adichies Name zusammen mit dem der Schriftstellerin Taiye Selasi genannt. Taiye Selasi hat nigerianisch-ghanaische Eltern, wuchs aber vor allem in den USA auf. Sie hat mit enormem diskursiven Erfolg den Begriff "Afropolitans" geprägt, um einen Afrikaner zu kennzeichnen, der in der Welt zu Hause ist, zur globalen Elite gehört, aber seine afrikanischen Wurzeln nicht vergessen hat. Ist sie, fragen wir Adichie, auch eine Afropolitin? Nein, sagt sie, mit diesem Begriff könne sie nichts anfangen. Es mache sie misstrauisch, dass es extra eines Begriffes bedürfe, um einen kosmopolitischen Afrikaner zu beschreiben. Einen Schweden in Washington D. C. würde ja auch niemand als "Europolitan" bezeichnen. Außerdem ersetze der Begriff nur das Stereotyp des armen, bemitleidenswerten Afrikaners durch das Stereotyp des affektierten Afrikaners, der über alle Register kultureller sophistication verfügt.

Trotzdem hat Adichie mit ihren Americanahs einige hinreißend schnöselhafte Afropolitans geschaffen, die der glückliche Leser so schnell nicht vergessen wird.