Als der Eurovision Song Contest (ESC) zum ersten Mal stattfand, lag der Zweite Weltkrieg erst elf Jahre zurück, und bisweilen hatte man den Eindruck, der Krieg werde bei diesem Großfest des Friedens unter Konfettistürmen und mit lächelnd zusammengebissenen Sängerlippen immer noch weitergeführt. Wie alle Zerstreuungen, die nach einer Epoche des Hasses stattfinden, war auch diese nicht ohne Verlogenheit: Man feierte auf dünnem Eis.

Wer etwa als ganz junger deutscher Mensch eine Übertragung des ESC im Kreise der reiferen Verwandtschaft miterlebte, dem fiel, als es gegen Ende des Abends ans Abstimmen ging, die Nervosität der Alten auf: Sie rutschten wie Schulkinder, die auf das Ergebnis einer Prüfung warteten, in ihren Sesseln nach vorn und hörten bang, wie der deutsche Beitrag in Finnland, Belgien, Italien, England aufgenommen wurde. Denn es wurde, so schien es den Alten, von diesem anonymen europäischen Musikparlament in Wirklichkeit gar nicht über irgendwelche flauen Schlager abgestimmt, sondern über die Beliebtheit der jeweils dahintersteckenden Länder. Und so hatte dieses dauernde "Allemagne: zéro points" auf viele heranwachsende Deutsche, die die Zusammenhänge eher ahnten als begriffen, eine geradezu traumatische Wirkung: als seien sie selbst durchgefallen in der großen Sympathiewahl. Als werde ihnen, obwohl doch wieder gelitten in Europa, eigentlich gesagt, sie sollten lieber draußen bleiben.

Im Lauf der Jahre hat der ESC diese Nachkriegsspannung verloren, und man begann, die Abstimmungsergebnisse mit demonstrativer Heiterkeit auf eventuell dahintersteckende Verschwörungen, Abhängigkeiten, Loyalitäten abzuklopfen: Gab es da nicht doch Stimmhandel zwischen den Ostseeanrainern? Oder den katholischen Ländern? Oder den Balkanstaaten? Es herrschte allgemeine Gelassenheit. Nun aber, nach dem ESC 2014, hört man Sprüche, die aus dem finstersten Nachkriegseuropa heraufzutönen scheinen. Die Grenzzäune werden verstärkt, rhetorische Schutzwälle werden errichtet. Was ist geschehen? Den Wettbewerb hat ein bekennend schwuler Mann gewonnen, der auf der Bühne in Kopenhagen in der Gestalt einer schönen jungen Frau auftrat. Dass er gewonnen hat, wird namentlich von den westlichen Medien als Widerstandsgeste und Protestnote des aufgeklärten liberalen Westens gegen das rigide, schwulenfeindliche Russland gedeutet – ja, letzten Endes als eine Art große europäische Abstimmung gegen Putin.

Schnell haben sich russische Stimmen gefunden, die diese Deutung der Geschehnisse unterstützen. Das Ergebnis des Song Contest zeige "Anhängern einer europäischen Integration, was sie dabei erwartet – ein Mädchen mit Bart", twitterte der Vizeregierungschef der Russischen Föderation Dmitri Rogosin. Und der nationalistische Abgeordnete Wladimir Schirinowski, seit Jahrzehnten die reaktionärste Wolfsstimme des russischen Reichs, wird folgendermaßen zitiert: "Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas. Da unten (Schirinowski meint Westeuropa, speziell Österreich, Anm. d. Red.) gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern stattdessen ein Es" – womit er den jungen Mann meint, der als Frau auftritt. Und weiter: "Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen." Die zitierten Russen reagieren wie Haifische, denen man ein blutiges Stück Fleisch zuwirft: Sie zeigen sich als Marionetten ihrer finstersten Reflexe. Sie tun, was man von ihnen erwartet. Das "Es", von dem Schirinowski spricht, ist die Kunstfigur Conchita Wurst, welche den Wettbewerb mit dem Song Rise Like A Phoenix gewonnen hat. Conchita Wurst hat die seidigen Haare, das laszive Mienenspiel, die Wimpernschläge und die Kleidung einer schönen, in einen luxuriösen Abend davonrauschenden Frau, aber sie trägt den Vollbart eines jungen Mannes (wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass dieser Bart so teerschwarz aufs Gesicht lackiert ist, wie es der Schnauzer des großen Komikers Groucho Marx war). Sie ist, rein äußerlich, eine Mischung aus Barbie und Pirat. Hinter dieser öffentlichen Figur steckt ein 25-jähriger Mann vom oberösterreichischen Traunsee mit Namen Tom Neuwirth, der sich die Rolle der schönen Conchita erschaffen hat, um der eigenen Diskriminierung als Schwuler offensiv zu entkommen. Conchita widmete ihren Sieg auf der Bühne in Kopenhagen "allen, die an eine friedliche und freie Welt glauben. Wir sind nicht aufzuhalten!"

"12 Punkte von Israel – man könnte heulen vor Freude"

Und wie in einem Scharmützel des Kalten Krieges folgen auf die verachtungsvollen Kommentare der Russen die Lobreden, ja sogar Liebesbezeugungen der westlichen Eliten für Conchita. "Eine Ohrfeige für alle Homophoben in Europa" sei diese Wahl, schrieb die schwedische Zeitung Aftonbladet. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth twittert: "Conchita ist ohne Wenn und Aber meine Königin der Herzen!" Die CSU-Politikerin Dagmar Wöhrl, eine ehemalige Miss Germany, schreibt: "Europa hat heute für Vielfalt und gegen Vorurteile gestimmt! I love it! 12 points to Europe." Gar nicht zu halten sind die Österreicher. Niki Lauda: "Sensationell und einfach geil!" André Heller: "So ein Talent kommt alle 25 Jahre vor." Unsere Nachbarn können ihr Glück kaum fassen: Endlich ist die alte Schande gelöscht! Endlich gibt es einen Österreicher mit Bart, der von ganz Europa als Führerfigur geliebt wird. Wolfgang Fellner, mächtiger Herausgeber des Gratisblatts Österreich, schreibt: "12 Punkte von Israel – ein Traum, 12 Punkte von Italien und Griechenland, 12 Punkte vom Mutterland der Popmusik, England, von Irland und Spanien – man könnte heulen vor Freude."

Dazu muss man sagen, dass es in Österreich viel Widerstand gegen Conchita Wursts Teilnahme am ESC gegeben hatte; Heinz-Christian Strache von der rechtsgerichteten FPÖ nannte Wursts Nummer "lächerlich", und auf Facebook formierte sich eine Gruppe namens "Nein zu Conchita Wurst beim Song Contest"; sie fand Zehntausende von Unterstützern.

Conchita als Traumgestalt, Freiheitskämpferin, Wunschbild

Was bedeutet der Künstlername Wurst? Vielleicht dies: egal. Dass nämlich die sexuelle Orientierung eines Menschen, sein Äußeres, seine Kleidung "wurst" sein müssen, wenn es darum geht, ihn zu beurteilen. Allerdings wird im Netz auch die Übersetzung "Wurst = Penis" diskutiert, und wenn man nun bedenkt, dass conchita im Spanischen unter anderem ein vulgäres Kosewort für die Vagina ist, so könnte Tom Neuwirths Künstlername auch dies sein: die verbale Verkoppelung des weiblichen und des männlichen Geschlechtsteils, die Überschreitung als Programm. Und genau so wird die Kunstfigur Conchita Wurst in konservativen Blogs auch "gelesen". Kaum tritt sie auf, da entsichert das rechte Milieu seinen gesunden Menschenverstand. Der einstmals linke, nun scharf rechts segelnde Autor Jürgen Elsässer schreibt in seinem Blog: "Würg! Gender Mainstream gewinnt die Eurovision" und wird dann gleich sehr persönlich: "Bei Conchita Wurst wirken bei mir nicht nur politische Abwehrreflexe, sondern meine jahrmillionenalte DNS rebelliert." Kurzum: Frau Wurst, so wird hier befunden, stellt sich wider die Natur. Die Meinungslage in manchen reaktionären Foren lässt sich so zusammenfassen, dass Wurst eine Art Steigerungsform der von den Nazis verfolgten "entarteten Kunst" sei: nämlich gewissermaßen eine "entartete Kunstfigur". Andere nennen sie eine Symbolgestalt der "sexuellen Umerziehung" in dem von allen guten Geistern verlassenen Westeuropa, jener schwachen Weltregion, welche sich von Minderheiten terrorisieren lasse, während in Russland die guten alten Familienwerte und die bewährte Geschlechtertrennung heroisch verteidigt würden.

Dies ist, kurz gesagt, das Schlachtfeld, auf welchem Frau Wurst sich nun zurechtfinden muss. Zur Linken sieht sie ihre Verteidiger, welche sie, durchaus betört, für die Courage ihres Lebensentwurfs, für die utopische Potenz ihrer Rolle feiern: Conchita als Traumgestalt, Freiheitskämpferin, Wunschbild, ja sogar als ein Wesen, welches, frei nach Platon, die von den Göttern getrennten "Halbmenschen" wieder zu einem erotischen Ganzen zusammenfügt. Zur Rechten sieht Conchita all jene, die sie, eher angewidert, als Schreckfigur empfinden, als schauderhafte Ausgeburt der Political Correctness, als Diva des europäischen White Trash.

Und wenn man den Bilderrahmen ein wenig größer aufzieht und den Google-Earth-Weitwinkel verwendet, sieht man Folgendes: Während in den USA und in Russland die harschen weltpolitischen Notwendigkeiten vorangetrieben werden, hebt Westeuropa eine Gestalt ins Licht, welche uns verheißt, dass wir das eigene Geschlecht stets neu wählen können – als könne Identitätsfindung, zumindest in unseren Breiten, ein heiterer, demokratischer Vorgang sein. Der kleine, alte, verschlungene und verschlagene, als ewiger Kriegsherd berüchtigte Kontinent Europa hat sich endlich auf eine Kunstfigur geeinigt, von welcher er sich wilden Herzens repräsentieren lassen möchte: eine bärtige Frau im Abendkleid, die ein wenig so singt wie Shirley Bassey. Vielleicht ist das gar nicht das Schlechteste, was Europa passieren konnte.

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Anmerkung der Redaktion, 23. Mai 2014: Versehentlich stand in der gedruckten Fassung "European Song Contest" statt "Eurovision Song Contest". Wir haben das hier korrigiert.