Singer begründete eine neue wissenschaftliche Teildisziplin: die Tierethik. In der angelsächsischen Philosophie hat sie heute einen festen Platz. Niemand wundert sich da, wenn prominente Vertreter des Fachs wie die in Chicago lehrende Denkerin Martha Nussbaum ihr Begründungskonzept der Menschenrechte auch auf Tiere anwendet. Und kaum einer tut es als Irrsinn ab, wenn – wie im vergangenen Dezember geschehen – das Nonhuman Rights Project den Besitzer eines Schimpansen verklagt, weil er den Affen in "Einzelhaft" halte.

Inzwischen denken auch bei uns immer mehr Juristen, Soziologen und Politikwissenschaftler über Tierrechte nach. Einige von ihnen prophezeien schon das Ende der anthropozentrischen Perspektive der Wissenschaft auf das Tier. Sie sprechen vom "animal turn". So auch Anne Peters, Direktorin am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg. Sie beobachtet nicht nur eine explosionsartige Ausbreitung von Aufsätzen, Zeitschriften und Konferenzen zu diesem Thema. Vielmehr stellt sie fest, dass sich der grundsätzliche Blick der Wissenschaft verschoben hat: Tiere stehen nicht mehr bloß als Objekte von Beobachtung, Versuch oder Schutz im Mittelpunkt, sondern als Subjekte, mit potenziellen Rechten und einem Platz in der Gesellschaft.

Der ganz normale Bürger kennt diese Überlegungen und Aufsätze nicht, aber ganz wohl ist auch ihm nicht mehr. 800.000 Deutsche sind Mitglied im Tierschutzbund, dem Dachverband der Tierschutzvereine und Tierheime. Zum Vergleich: Der Deutsche Kinderschutzbund zählt 50.000 Mitglieder. Nirgends in Europa werden Haustiere so aufwendig umsorgt wie hierzulande, über 30 Millionen sind es insgesamt, die Zierfische nicht mitgezählt. Statistisch besitzt jeder dritte Deutsche eine Katze, ein Kaninchen oder einen Kanarienvogel. Nicht selten werden die zu richtigen Familienmitgliedern – geliebt, gepflegt und zuletzt auf Friedhöfen bestattet. 183 Euro kostet in Hamburg die Einäscherung eines Pudels. Eine letzte Begegnung im "Raum des Abschiedes" noch mal 50 Euro extra.

Widersprüchlich ist unser Verhältnis zu Tieren. Jeder kennt das. Da bringt der Nachbar seinen Labrador tagsüber in die teure Hundetagesstätte, bezahlt extra für Gymnastik und homöopathische Behandlung. Und er selbst geht auf die Jagd und knallt Rehe ab – oder streunende Katzen. Die Kollegin verschmäht das Fleisch von "Tierkindern", also Kalb oder Lamm, schlägt die Zähne aber freudig in ein saftiges Steak. Und im Zoo freuen sich die Besucher über den knuddeligen Eisbärennachwuchs und ignorieren dabei hartnäckig, dass solche Tiere bei uns nichts zu suchen haben. Sie gehören in die Unendlichkeit der Arktis, nicht in ein paar Quadratmeter Tiergarten.

Doch letztlich spiegelt diese moralische Verwirrung nur wider, worüber die Wissenschaft streitet: Darf man Menschenrechte für Menschenaffen fordern, aber Schweine vertilgen? Braucht es nicht vielmehr bessere Tierrechte für alle Lebewesen – zugeschnitten auf die jeweilige Spezies? Die Biologie hilft bei der Suche nach Antworten nur bedingt. Sie erkennt zwar: Tiere sind uns ähnlicher, als wir lange glaubten, und Affen haben mehr drauf als manches dreijährige Kind. Doch was folgt daraus? Sicher nicht, dass der Mensch weiterhin hemmungslos alles tun darf, was er kann. Als der Kopenhagener Zoo kürzlich überzählige Giraffen tötete und an die Raubtiere verfütterte, gab es einen weltweiten Aufschrei.

Die Tierrechtler setzen darauf, dass diese Mixtur aus Mitgefühl und Inkonsequenz, wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Unwohlsein der Bürger ihre Bewegung befeuern könnte. Die Missstände sind schließlich mit Händen zu greifen. Es leiden nicht bloß ein paar Menschenaffen in Zoos. Viel schrecklicher ist die Lage der Schweine, Hühner oder Rinder. Und das macht die neue Diskussion über Tierrechte so politisch. Und so gefährlich für ganze Branchen der Wirtschaft.

"Wer etwas für Tiere tun will, muss bei der Massentierhaltung anfangen. Dort sind die Zustände wirklich miserabel!", sagt Felix Prinz zu Löwenstein, und er spricht das Ausrufezeichen deutlich mit. Löwenstein ist Landwirt – früher hätte man "Gutsherr" gesagt – und Vorsitzender des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft. Er betreibt ein Hofgut im Odenwald, auf dessen Feldern Kartoffeln, Ackerbohnen und Heilpflanzen wachsen. 200 Legehennen gibt es hier und fünf Schweine, die sich im Dreck suhlen dürfen. Mit Fotos von Gut Habitzheim lässt sich Werbung machen für Urlaub auf dem Bauernhof.

Wer etwas für Tiere tun will, muss bei der Massentierhaltung anfangen. Dort sind die Zustände wirklich miserabel.
Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft

Prinz zu Löwenstein verbringt seine Tage auf Demos, Sitzungen und Vorträgen. Dort führt er dem Publikum das Leid in den Ställen vor Augen: "Hühner müssen ohne Tageslicht leben. Puten werden die Schnäbel kupiert. Kühe werden zu Hochleistungsmaschinen gezüchtet ..." Seine Liste der Qual nimmt kein Ende. Ein reiches Land wie unseres, findet Löwenstein, dürfe so etwas nicht zulassen. Löwenstein ist Fleischesser: "Sogar gern". Aber er isst nur Tiere, die artgerecht gehalten wurden, die ein Leben hatten vor dem Tod.

Artgerecht – in dem Wort steckt die Grundannahme, dass der Mensch den Tieren gerecht werden und sie gleichzeitig nutzen, ja töten kann. Davon geht auch das deutsche Tierschutzgesetz aus. Es erlaubt beispielsweise die Tötung von Tieren bei "vernünftigen" Gründen. Viel entscheidender sind jedoch unzählige Verordnungen. Denn in denen geht es nicht nur um die konkrete Frage, was der Mensch mit Tieren tun darf. Sondern auch darum, wer das bestimmt.

Der Bauernpräsident Joachim Rukwied hat dazu viel zu sagen. Er vertritt die gesamte konventionelle Landwirtschaft, und er findet die Welt der Nutztiere eigentlich in Ordnung. Für ihn gibt es "in Deutschland keine Massentierhaltung". Gespräche mit Vertretern der Tierproduktion verlaufen nach einem eingefahrenen Muster. Sie beginnen mit der Feststellung: "Den Tieren geht es gut." Es folgt ein kurzes Bedauern über den Preisdruck und die harte Konkurrenz, die nun mal kein Hofidyll möglich machten. Und sie enden mit ökonomischen Erfolgsmeldungen: weiteres Wachstum von Produktion und Umsatz, von Exporten und neuen Märkten. Dass das alles ohne die industrielle Ausbeutung von Lebewesen so nicht möglich wäre, wird verdrängt.

Tatsächlich ist Deutschland für die Fleischindustrie ein guter Standort. Zwar stagniert der Verbrauch im Inland, doch der Export boomt. Als globale Produzenten von Schnitzeln und Hühnerschenkeln sind die hiesigen Landwirte kaum zu schlagen. Der Fleischatlas der Böll-Stiftung hat die ökonomische Erfolgsbilanz in Todesfälle umgerechnet: 627.941.000 Hühnchen wurden 2012 in Deutschland geschlachtet, 37.000.000 Puten; 25.460.00 Enten, 58.350.000 Schweine. Das ist mehr als in jedem anderen EU-Land. Tendenz steigend.

Genervt seufzt deswegen ein Lebensmittelfunktionär auf der Grünen Woche, der internationalen Messe für Ernährung und Landwirtschaft – allerdings erst, als die Mikrofone aus sind: Er habe die Nase voll von all der romantischen Verklärung. Tier sei Tier und Mensch sei Mensch. Und Fleischproduktion sei nun mal ein Wirtschaftszweig, der wachsen wolle. Wie alle anderen auch. Da gehe es um Effizienz. Deswegen gebe es neuerdings gezüchtete Tierrassen, die nur in Quarantäne überlebten. Diese Spezial-Schweine würden auf der Wiese sofort krank. Diese hochgezüchteten Puten könnten gar nicht mehr frei herumlaufen. Bei denen sei die fleischige Brust viel zu schwer. Sie kippten nach vorn um und brauchten deshalb ihren Käfig als Halt. Bei Wörtern wie "Würde" und "Tierrechte" lacht der Funktionär nur kurz und trocken.