Der junge Osten gehört jetzt zur Upperclass, das kann jeder sofort sehen: Die Dritte Generation Ostdeutschland, dieses Bündnis von Menschen, die den Mauerfall als Jugendliche erlebten, residiert seit einigen Wochen fürstlich. Das frisch bezogene "Hauptstadtbüro" hat die Anschrift: Unter den Linden 12. Es wird gesponsert von einem Beratungsunternehmen. Prunk und Pracht in der feinen Mitte Berlins! Klassizistische Sandsteinfassade, unendlich hohe Decken. Schwere Holztüren, im Treppenhaus Marmor und die Büste eines Grafen, eines Herrn mit gezwirbeltem Schnurrbart … Nach oben, in die fünfte Etage, reist man im vergoldeten Fahrstuhl. Sind wir hier wirklich richtig?

"Aber ja", sagt Adriana Lettrari, geboren 1979 in Neustrelitz, Mecklenburg: Sie wartet schon am Lift, im blauen Businesskostüm, sie blickt ein bisschen besorgt. Lettrari ist eine der Gründerinnen der Dritten Generation. "Wir haben wirklich überlegt", sagt sie, "ob diese Lage hier nicht zu dekadent wirken könnte. Dann aber dachten wir: Unter den Linden, das ist auch ein Statement. Und jetzt sind wir eben hier."

Ein Statement, da hat sie recht! Zur Wahrheit gehört aber auch: Wenn Revolutionäre beginnen, selbst wie die Fürsten zu leben – dann ist es mit der Revolution schnell vorbei. Was wiederum gut den aktuellen Zustand der Dritten Generation Ostdeutschland beschreibt, die neue Gesetztheit dieser einst forschen Bewegung. Man hatte diesem Bündnis ja durchaus zugetraut, eine Art Revolution im Kleinen auszulösen. Ein ostdeutsches Miniatur-1968 – eine tiefe Auseinandersetzung mit der Generation der eigenen Eltern, nur weniger konfrontativ. Leider gelingt das offenbar nicht.

Man muss wissen: Es ist gerade vier Jahre her, dass erstmals der Begriff "Dritte Generation Ost" die Runde machte. Ein Begriff, der zweierlei bedeuten soll: Einerseits bezeichnet er eine Gruppe von Aktivisten, die sich zum Ziel gesetzt haben, ihren Ost-Hintergrund zum Thema zu machen, ihre Erfahrungen der Wende- und Nachwendezeit. Zu dieser Gruppe gehört Lettrari. Andererseits bezeichnet der Begriff all jene, die genauso alt wie diese Aktivisten sind und aus den neuen Ländern stammen – also tatsächlich eine komplette Generation. Alle jene, die ungefähr zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. 2,4 Millionen Menschen, die den SED-Staat in den letzten Zügen erlebten; die in den neunziger Jahren, den turbulentesten Zeiten des Postsozialismus, erwachsen geworden sind. Zwischen dieser Gruppe und ihren Eltern gibt es häufig eine tiefe Sprachlosigkeit: Die Dritte Generation ist jene, der nach 1990 die ganze Welt offenstand. Viele aus der zweiten DDR-Generation, der Elterngeneration, sahen dagegen mit der Einheit ihr komplettes Leben entwertet, verzweifelten schier an der neuen Welt.

"Hey, wir sind ostdeutsch!" Das war das selbstbewusste Statement der Dritten Generation. Sie prägte damit in den vergangenen Jahren den Diskurs über den Osten mit, wurde vom Bundespräsidenten gelobt und von Kommentatoren in den Himmel geschrieben. Nun, im Jahr 2014, ist sie stumm geworden, vom Radar der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verschwunden.

Was ist da passiert? Es gibt eine eher banale Erklärung – und eine substanzielle. Die eher banale lautet: Es hat zuletzt zu viel Streit gegeben um die Ausrichtung der Initiative, die immer nur ein loser Zusammenschluss war, nie ein fester Verein oder gar eine Art Partei. Die Dritte Generation hat sich gespalten. Die meisten ihrer ein bis zwei Dutzend prägenden Figuren sind in den zurückliegenden Monaten fortgegangen, viele von ihnen im Streit. Diese haben einen neuen Verein gegründet, sozusagen als Gegenveranstaltung, er heißt "Perspektive hoch 3". Vom Ursprungsteam der Dritten Generation sind neben Adriana Lettrari nur noch ein, zwei weitere geblieben. Lettrari sagt dazu: "Es ist zu einer Ausdifferenzierung gekommen." Das ist die etwas verbrämte Formulierung für: Nicht vieles ist mehr wie früher. Die Dritte Generation hat ein Schisma hinter sich.

Wollen sie mehr sein als eine Werbeagentur für die neuen Länder?

Wer sich nach der inhaltlichen Erklärung für dieses Schisma umhört, der erfährt aber zunächst eine Wahrheit über den Osten. Sie lautet: Historisch mag dieser Teil des Landes leicht zu fassen sein. Aber wie diffus ist das Bild heute! Von einer Region, die fortwährend im Umbruch ist. Gibt es diesen Osten noch? Und wie? Das ist die Frage. Auf ihre gemeinsame Herkunft konnten sich die Mitglieder der Dritten Generation noch einigen. Aber wohin sie wollen? Darüber hat diese Initiative so viele Meinungen wie Köpfe. "Was uns alle verbindet", sagt Adriana Lettrari, "das ist der Blick zurück. Wir wissen: Unsere Biografien unterscheiden sich von denen der Gleichaltrigen im Westen. Aber was machen wir aus unseren Erfahrungen? Wollen wir Umbruchsberater für ganz Europa sein? Oder eine Werbeagentur für die neuen Länder? Das ist die spannende Frage." Über die man sich zerstritten hat.

"Hier komm ich her!"

Diese Dritte Generation, dazu kann theoretisch jeder gehören, der zwischen Ostsee und Erzgebirge aufgewachsen und heute etwa 30 bis 40 Jahre alt ist: von der Schauspielerin Anna Maria Mühe, geboren 1985 in Ost-Berlin, bis zur Linken-Politikerin Katja Kipping, geboren 1978 in Dresden. Vom Sänger Clueso, geboren 1980 in Erfurt, bis zum Fußballtorwart René Adler, geboren 1985 in Leipzig. In allen Bereichen der Gesellschaft sind diese Ostdeutschen inzwischen erfolgreich.

Das verändert etwas: "Osten", das mag lange ein Wort von irgendwie schlechtem Nachhall gewesen sein. Ein Wort von Nachwendefrust und Wendeverlust. Aber die Westsicht auf die neuen Länder – und die Sicht der neuen Länder auf sich selbst – hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert, ins absolut Gute verkehrt, auch wegen dieser erfolgreichen Jüngeren. Die Ostdeutschen, erprobt in Krisen und Umbrüchen, sind in unsicheren Zeiten zu einer Avantgarde geworden. Ein Ostdeutscher ist inzwischen Bundespräsident, eine Ostdeutsche ist Bundeskanzlerin, die Ossis haben die Republik erobert. Die Dritte Generation, das sind Ostdeutsche, die selbstbewusst rufen: Hier komm ich her!

Sie riefen das 2012 auf einer "Bustour" durch die neuen Länder mit Diskussionen und Lesungen. Sie riefen das auf "Generationstreffen" in Berlin mit Hunderten von Besuchern. Sie schrieben das fest in einem Manifest der Dritten Generation, in einem Buch von 250 Seiten, das ebenfalls 2012 erschien (Wer wir sind, was wir wollen) . Der Höhepunkt des Ruhms war eine Einladung des Bundespräsidenten: Bei Joachim Gauck diskutierte man über das Leben nach der Wende, ein Ritterschlag für diese Bewegung, ein Adelsbeweis: Der Bürgerpräsident trifft seine Enkel. "Dass Sie sich artikulieren als Dritte Generation", sagte Gauck, "das empfinde ich als etwas Heilsames."

Aber schon damals wusste die Dritte Generation ihre Aufmerksamkeit kaum zu nutzen. Die Autorin Andrea Hünniger, 1984 in Weimar geboren, schrieb Anfang 2013 noch auf der großen Welle des Erfolges: dass es nicht ausreiche, wenn die Dritte Generation proklamiere, sie wolle lediglich "überhaupt mal in Erscheinung treten". Denn, so Hünniger: "Eine Bewegung, die nichts ändern will – ist das eine Bewegung?"

So ähnlich sieht es wohl auch Johannes Staemmler, geboren 1982 in Dresden. Stammler hat gerade an der Hertie School of Governance in Berlin promoviert, er galt lange Jahre als eine Art Vordenker der Dritten Generation. Aber er gehört ihr heute nicht mehr an, aus eigenem Entschluss.

"Spätestens nach dem zweiten Generationstreffen, nach dem Erfolg mit dem Buch hätten wir politischer werden müssen", sagt Staemmler. Der Gruppe gingen die Konzepte aus. Anfangs habe man ein riesiges Protestgefühl verspürt. "Das hat uns auch zusammengeschweißt", sagt er. "Aber wir wussten auch nicht so recht, gegen wen sich der Protest eigentlich richten soll. Gegen einen westdominierten Diskurs? Gegen die älteren Ostdeutschen?" Zu wenig in einer Zeit, in der der Diskurs immer mehr auch vom Osten dominiert wird.

Dabei könnte die Dritte Generation vieles sein und tun, weiß Staemmler. Sie könnte Konzepte für die Bewältigung des demografischen Wandels ersinnen, sie könnte soziale Fragen neu diskutieren, sie könnte im Zweifel sogar mit jungen Spaniern über das Leben in der Krise diskutieren. Allein – es fehlt der Furor. Manchen in der Bewegung ging es ohnehin viel eher darum, sich zu schmücken: Das Label "Dritte Generation" empfanden sie als schick, als Ego- und Karriere-Booster, als schönes Emblem: die Coolness des Ostens für den Lebenslauf. Der Kern derer indes, die sich wirklich als Bewegung verstanden, blieb überschaubar: "Die Idee, den Diskurs über den Osten zu verändern", sagt Staemmler, "die ist noch immer gut. Aber sie ist zu groß, als dass eine kleine Gruppe von zehn, später 30 oder 40 aktiven Leuten das allein bearbeiten könnte. Der Funke hätte stärker auf andere überspringen müssen."

Die einen reden nur. Die anderen wissen nicht, was sie tun sollen

Zwischendurch versuchten die Gründungsmitglieder, durch feste Strukturen mehr Mitstreiter einzubinden. Schon vor Jahren hatte Adriana Lettrari, um für die Dritte Generation Fördermittel bei Verbänden und Behörden erhalten zu können, eine gemeinnützige Mini-GmbH gegründet, die Wendekind gUG. Der Plan des Generationsnetzwerks war es, zusätzlich einen Verein ins Leben zu rufen, einen "Dritte Generation Ost e.V." – aber schon dessen Gründung scheiterte.

Weil Lettrari nicht in den Vorstand gewählt worden sei, habe man sich plötzlich bei ihrem Anwalt wiedergetroffen, das behaupten ihre Gegner: Lettrari habe klargemacht, dass sie nicht bereit sei, einem Verein, dessen Vorstand sie nicht angehöre, die Rechte am Label "Dritte Generation Ost" zu überlassen. Das sei Quatsch, entgegnet Adriana Lettrari: Sie habe nichts gegen den Verein unternehmen wollen, sondern sich lediglich dagegen verwahrt, dass dessen Vorstand versucht habe, handstreichartig ihre Wendekind gUG abzuwickeln. Ihr angeblicher Anwalt sei ein neutraler Mediator gewesen.

Müßig, aufzuklären, wer hier im Recht ist: Am Ende stritt sich die Dritte Generation aber eben auch darum, wem der Erfolg eigentlich gehört. Die gescheiterte Vereinsgründung war für Johannes Staemmler der Moment, in dem er beschloss, sich ganz zurückzuziehen aus der Arbeit für das Netzwerk. "Ich habe meinen Kampf gekämpft", sagt er. "Es war schön, aber es gibt auch andere interessante Dinge in der Welt."

Die meisten derer, die einst die Dritte Generation mitgegründet hatten, haben sich inzwischen von ihr losgesagt. Viele von ihnen gehören jetzt besagtem Verein Perspektive hoch 3 an. Sie treffen sich in Friedrichshainer WG-Küchen. Mit dem Luxusbüro Unter den Linden haben sie nichts zu tun. Dort sitzt Adriana Lettrari, aber auch sie fragt sich: Wie lange noch? Die Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin beendet gerade ihre Dissertation, "danach fängt für mich ein neues Leben an", sagt sie. "Ich könnte mir vorstellen, dass wir unsere Arbeit dann auf die Essenz reduzieren: Ein jährliches Treffen der gesamten Generation und mehr nicht."

Der Osten ist größer als die Dritte Generation

So eine Bewegung muss nichts für die Ewigkeit sein, das sagt auch Raj Kollmorgen. Der Soziologieprofessor, 1963 in Leipzig geboren, wurde bekannt durch seine Forschung über ostdeutsche Eliten. "In so einer Bewegung wie der Dritten Generation", sagt Kollmorgen, "ist es wie in einer guten Ehe: Nach vier, fünf Jahren fängt es einfach an zu knirschen." Kollmorgen lehrt an der Hochschule Zittau-Görlitz. Er frage sich, sagt er, ob in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch aus größeren Gruppen von Gleichaltrigen dauerhafte Bewegungen zu formen seien. So groß die Zäsur 1989 auch war, so sehr sie auch eine gemeinsame Erfahrung gewesen sein mag: "Je vielfältiger und individualistischer Gesellschaften sind", sagt Kollmorgen, "desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Hunderte Leute auf lange Sicht hinter einer Idee versammeln können. Was im 19. Jahrhundert noch funktionierte, ist heute fast unmöglich geworden." Jemand, der etwa aus der Uckermark zur Dritten Generation stoße, sagt Kollmorgen, "der hat heute ganz andere Probleme und Interessen als jemand, der in Jena groß geworden ist." Der Osten ist größer als die Dritte Generation.

Diese ist offenbar in drei Teile zerfallen, die man nicht mehr einfach zusammenfügen kann. Es gibt die Aufarbeiter. Es gibt die ratlosen Revoluzzer. Und es gibt die, denen es schon immer vor allem um ihr Ego ging.

Die Aufarbeiter sahen die Dritte Generation eher als eine Art kostenlose Psychotherapie, als Katalysator ihrer Nachwendebefindlichkeiten, als Gelegenheit, mit Mutti und Vati zu reden, wie das bislang nie geklappt hat. Aber Aufarbeitung ist nichts für die Ewigkeit.

Die ratlosen Revoluzzer wollten eine Bewegung sein. Nur fiel ihnen nicht ein, wofür und wogegen ganz konkret.

Die dritte Untergruppe wollte einfach Karriere machen, und weil Personaler gern interessante Ost-West-Geschichten hören, gingen sie eben zur Dritten Generation. Drei Strömungen, alle drei ohne weitreichende Zukunftsideen. Deshalb ist der große Rausch der Wendekinder nun erst einmal vorbei. Es war schön.