Stadtentwicklungssenatorin Jutta Blankau fand sie bloß "hässlich". Die Bild jubilierte schon vor zwei Jahren: "Endlich: St.-Pauli-Schandfleck kommt weg!" Die angegilbten Plattenbaufassaden, die kleinen Wohnungen, die schäbigen Balkone, die Kiez-Tanke, vor der Punks, Tätowierte und Trinker abhingen, die Ladenzeile aus Sex- und Westernshop, Autohotel und holzvertäfelter Bierspelunke: Die Esso-Häuser schienen ein leichter Gegner zu sein. Kaufen, abreißen, neu bebauen – die Manager der Bayerischen Hausbau dürften im Jahre 2009, als sie das Areal erwarben, noch geglaubt haben, dass das zack, zack geht.

Verständlicherweise. Warum sollte der Immobilienkonzern aus München hier nicht machen dürfen, was allen anderen möglich war? Der privatisierte Spielbudenplatz mit seinen "Vattenfall-Bühnen", das altehrwürdige Café Keese als Fischimbiss-Franchise, die einfältige Mottoarchitektur der "Tanzenden Türme", das fälschlicherweise Brauereiquartier genannte Neubauviertel (es gibt dort keine Brauerei mehr) mit seinen hochpreisigen Mietwohnungen und seinen gläsernen Bürotürmen: St. Pauli war ja längst zum Kiez der Investorenprojekte geworden.

Doch dann wurde aus dem angeblichen Schandfleck ein Widerstandssymbol. Weil das Maß eben voll war. Abgesehen davon, dass selbst für die Mittelschicht das Leben in der Innenstadt bald nicht mehr zu finanzieren ist: Die Mischung aus Gentrifizierung und hochtouriger Eventisierung, die St. Pauli in den letzten Jahren überrollt hat, fängt an, die Substanz des Stadtteils anzugreifen. Mit den charakteristischen Wohnriegeln am Eingang der Reeperbahn droht ein Menschenschlag zu verschwinden, der den Kiez besonders macht.

Wer das Geklingel um die "Marke Hamburg" ernst nimmt und um die "Kreativen", die angeblich die Nähe der Subkulturen suchen, muss zugestehen: Gerade die Kiez-Originale sind es, die das Leben hier eigen und den Ort besonders machen. Die Bardame oder Prostituierte im Rentenalter, die brasilianische Transsexuelle, die zotteligen oder tätowierten Vögel, die in der subkulturellen Ökonomie irgendwie ihr Auskommen gefunden haben: In der Astra-Werbung dürfen sie ihre Tattoos und ihre Zahnlücken vorzeigen. Aber hier leben – das ist nicht mehr drin?

Ironie der Geschichte: Die Esso-Häuser selbst waren Anfang der Sechziger ein Neubauprojekt, das den Durchschnittsbürger in den verrufenen Stadtteil locken sollte – mit Müllschlucker, Tiefgarage, Tankstelle, Autowaschanlage und einer Ladenzeile. Das hat nicht funktioniert, statt mittelständischer Familien zogen Menschen aus dem Milieu ein und genossen erst mal den Komfort.