Die Geschichte lässt keinen Zweifel daran, dass Sinn und Zweck staatlicher Überwachung die Ausübung von Zwang und Kontrolle über die ganze Gesellschaft ist. Der Hollywood-Drehbuchautor Walter Bernstein, der in der McCarthy-Ära auf der schwarzen Liste stand und beobachtet wurde, sodass er sich gezwungen sah, unter Pseudonym zu schreiben, um weiterarbeiten zu können, beschrieb die Dynamik der Selbstzensur, die aus dem Gefühl erwächst, überwacht zu werden: "Alle waren auf der Hut. Das war nicht die Zeit, Risiken einzugehen (...) Manche Autoren, die nicht auf der schwarzen Liste standen, machten, wie soll ich sagen, ›Pionierarbeit‹, aber nichts Politisches (...) Sie hielten sich von der Politik fern (...) Ich denke, es herrschte allgemein das Gefühl, sich bloß nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen."

Das Problem besteht darin, dass die Überwachung nicht nur Konformität fördert, sondern auch Misstrauen und Angst. Eine Regierung, die ihre Bevölkerung unter Beobachtung stellt, erzeugt ein Klima, in dem sich die Menschen dazu gezwungen, nicht jedoch wirklich motiviert fühlen, mit den Behörden zu kooperieren. Sowohl am Arbeitsplatz als auch bei der Regierungsführung aber ist Vertrauen zwischen Angestellten/Bürgern einerseits und Chefs/Regierung andererseits ein Schlüsselelement für die Kooperationsbereitschaft der Menschen aus freiem Willen.

Selbst im intimsten aller Lebensbereiche, in der Familie beispielsweise, erscheinen unbedeutende Handlungen durch Beobachtung bedeutend. Bei einem Experiment in Großbritannien statteten die Forscher die Teilnehmer mit Peilsendern aus, mit denen sie ihre Angehörigen kontrollieren konnten. Damit ließ sich zu jeder Zeit der Aufenthaltsort jedes Angehörigen feststellen, wobei dieser Angehörige, wenn er angepeilt worden war, eine Botschaft erhielt. Außerdem wurde ihm ein Fragenkatalog geschickt, und er musste Auskunft darüber geben, warum er an dem betreffenden Ort war. Dann wurde ihm mitgeteilt, ob seine Antwort den Erwartungen entsprach.

Beim Nachgespräch sagten die Teilnehmer, sie hätten es zwar manchmal als beruhigend empfunden, auffindbar zu sein, aber auch befürchtet, ihre Familienangehörigen könnten voreilige Schlüsse über ihr Verhalten ziehen, wenn sie sich an einem unerwarteten Ort aufhielten. Und die Option, sich "unsichtbar zu machen" – indem sie die Funktion deaktivierten –, löste diese Angst nicht: Viele Probanden meinten, allein dieses Ausschalten der Überwachung könnte Verdacht erregen. Die Forscher kamen zu folgendem Schluss:

"Im Lauf unseres Alltagslebens folgen wir gelegentlich Wegen, die wir nicht erklären können und die vielleicht völlig unbedeutend sind, ihr Auftauchen in einem Aufspürgerät jedoch (...) verleiht ihnen Bedeutung und verlangt scheinbar nach Rechenschaft in einem außerordentlich hohen Maß. Das erzeugt Ängste, insbesondere in engen Beziehungen, wo man einen großen Druck verspürt, Dinge zu erklären, die man einfach nicht erklären kann."

Die Untersuchung zeigte, dass Menschen alle möglichen Dinge vor der Öffentlichkeit verbergen möchten, auch wenn sie überhaupt nichts "Schlimmes" tun. Privatheit ist für ein breites Spektrum menschlichen Handelns unabdingbar. Wenn jemand eine Hotline für Suizidgefährdete anruft, eine Abtreibungsklinik aufsucht oder immer wieder eine pornografische Website aufruft, wenn ein Whistleblower einen Journalisten kontaktiert – in all diesen Fällen gibt es vielfältige Gründe, solches Handeln geheim zu halten, obwohl es keineswegs illegal ist.

Kurz gesagt, jeder hat etwas zu verbergen.

Auf die eigene Privatsphäre zu verzichten, um vermeintlich absolute Sicherheit zu erlangen, ist für die gesunde Entwicklung des Einzelnen ebenso schädlich wie für die politische Kultur. Für den Einzelnen bedeutet die Überbetonung von Sicherheit ein Leben in Lähmung und Furcht; es liefe darauf hinaus, niemals ein Auto oder ein Flugzeug benutzen zu können, niemals etwas zu unternehmen, was ein Risiko in sich birgt, niemals die Qualität des Lebens über die Quantität stellen zu können und jeden Preis für die Vermeidung von Gefahren zu zahlen.

Angstmacherei ist eine beliebte Taktik der Mächtigen, weil sich mit Angst so überzeugend Machterweiterung und Beschneidung von Rechten begründen lassen. Seit dem Beginn des Kriegs gegen den Terror ist den Amerikanern immer wieder erzählt worden, sie müssten auf fundamentale politische Rechte verzichten, wenn sie nicht in eine Katastrophe hineinschlittern wollten. So erklärte beispielsweise Pat Roberts, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Senats: "Ich bin ein eiserner Verfechter ... der Bürgerrechte. Aber man hat keine Bürgerrechte mehr, wenn man tot ist."