Ein Punkt ist nicht einfach nur ein Satzzeichen. "Der Punkt", schwärmt Wolfgang Schäffner, "ist eine kleine Maschine, die das Rechnen, Schreiben und Zeichnen erst möglich macht." Er ist Wissenschaftshistoriker an der Berliner Humboldt-Universität (HU) und hat die Geschichte des Zeichens erforscht. Doch veröffentlicht hat er seine Erkenntnisse bislang nicht – dafür fehlt ihm die Zeit.

In den vergangenen Jahren war der Hochschullehrer mehr damit beschäftigt, Geld für seine Forschung zu beschaffen, als zu forschen und zu publizieren. Drei Jahre lang hat Schäffner zusammen mit dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp an einem Antrag für ein Exzellenzcluster gearbeitet: Die beiden wollten ein interdisziplinäres Projekt mit dem Namen "Bild, Wissen, Gestaltung" auf die Beine stellen, in dem 120 Architekten, Natur- und Geisteswissenschaftler gemeinsam die schöpferische Kraft der Bilder erforschen.

Bredekamp und Schäffner investierten enorme Energie in ihr Projekt. "In der Antragsphase flossen Tränen aus schierem Schlafmangel", erinnert sich der 66-jährige Kunsthistoriker Bredekamp an durchgearbeitete Nächte. Aber würden sie das Geld auch bekommen? Dass sie jahrelang umsonst arbeiten könnten, war von Anfang an nicht unwahrscheinlich. Denn nicht nur Schäffner und Bredekamp brauchen das Geld.

Weil die Länder bei der Grundfinanzierung für ihre Hochschulen knausern, müssen Wissenschaftler immer öfter zusätzliche Mittel für Forschungsprojekte von anderen Geldgebern einwerben: von Unternehmen, Stiftungen, aber vor allem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Diese sogenannten Drittmittel, die so heißen, weil sie nicht zur Grundfinanzierung durch die Länder gehören, sind mittlerweile ein gewichtiger Posten im Haushalt der Unis. Sie machen im Schnitt ein Viertel des gesamten Budgets aus, bei großen technischen Unis sogar noch mehr. Das sind über 200 Prozent mehr als noch 1995. Im gleichen Zeitraum wuchs die Grundfinanzierung nur um 42 Prozent. "Ohne Drittmittel könnten wir unsere Aufgaben in Forschung und Lehre nicht mehr erfüllen", sagt der Präsident der HU, Jan-Hendrik Olbertz.

Doch weil es allen Universitäten so geht, herrscht ein heftiger Wettbewerb um das zu verteilende Geld. Er zwingt die Unis zu Höchstleistungen in der Wissenschaft, befördert aber auch die Bürokratie: Es müssen viele Projekte ausgelotet, Fördertöpfe gefunden und Anträge geschrieben werden. Der Aufwand, den Professoren und Universitäten dafür betreiben, ist enorm. "Alle Hochschulen klammern sich an den Strohhalm Drittmittel. Die Maßstäbe werden strenger, der Aufwand steigt", sagt Olbertz. Schon heute müsse die HU Drittmittelanträge aus ihren Grundmitteln finanzieren. Olbertz sorgt sich, "dass wir die Grundmittel künftig noch stärker angreifen müssen, um Drittmittelanträge mit Erfolgsaussicht vorzubereiten". Den Wettbewerb will der Uni-Präsident trotzdem nicht missen: "Er sichert Qualität."

Wer im Kampf um Fördergelder versagt, verliert Forschungsfreiräume, Nachwuchswissenschaftler und Prestige. Wie weit der Kampf um Drittmittel selbst renommierte Hochschulen treiben kann, zeigte jüngst die New Yorker Columbia University. Sie feuerte zwei Professoren. Der Grund: Die beiden hatten zu wenig Fördergelder eingeworben.

Deutsche Hochschulen reagieren zwar weniger rabiat, aber ähnlich entschlossen. In den Präsidien und Rektoraten werden Stabsstellen eingerichtet, eine Heerschar von Mitarbeitern soll Fördertöpfe finden und anzapfen sowie Professoren beim Formulieren von Anträgen unterstützen. Doch der Zuschlag am Ende ist auch damit noch lange nicht garantiert. "Drittmittelanträge sind Psychodramen, fast immer", sagt Bredekamp.