"Mich gibt es nicht mehr. Ich bin nicht mehr existent. Das geht ja allen so, die in der Güllegrube von Hartz IV sind."

"Ein Schweineland ist das, in dem wir leben. Eine neoliberale Abfucknummer."

"Ich finde Ein-Euro-Jobs scheiße. Ich finde, wenn man Ein-Euro-Jobs annimmt, unterstützt man diese Scheiße noch."

Hamburg, weit unten. Gesprächsfetzen eines Wahlkampfs in einer reichen Stadt, von der Hinterbühne. Von dort, wo sich sonst nicht oft jemand blicken lässt, um ernsthaft zuzuhören.

"Die Jobcenter wollen uns doch alle zu billigen Sklaven machen."

Inge Hannemann sitzt im Stadtteilhaus Lurup und hört ernsthaft zu. Es ist ein Abend Ende April, Bürgerfragestunde der Linkspartei Altona. Ein Dutzend Menschen ist gekommen, um Hannemann zu treffen, viele schleppen dicke Ordner mit, voller Dokumente. Voller Demütigungen, finden sie. Es sind Menschen, die Sorgen haben, Nöte, aber keine Arbeit. Hartz-IV-"Betroffene" nennen sie sich.

Die Geschichten, die sie Inge Hannemann an diesem Abend erzählen, handeln von Ohnmacht und Wut. Vom Gefühl, aussortiert worden zu sein. Ausgespuckt. "Seit April bekomme ich nitsche, nada. Die wollen mich verhungern lassen", ruft ein Mann. Hannemann nickt. "Okay. Das hab ich verstanden", sagt sie und greift in den Bücherstapel vor sich. Grundgesetz, Sozialgesetzbuch, Leitfaden zu Arbeitslosengeld II. Ihre Bastion aus Papier. "Was plant dein Anwalt denn jetzt?" Sie findet heraus: nicht genug, blättert in ihren Papieren, gibt dem Mann eine Adresse. Und das Programm der Linkspartei.

Es ist Wahlkampf in Hamburg, Bezirkswahlkampf, Europawahlkampf. Es gibt viele, die sagen, das seien schleppende Wochen, die Bürger seien wahlmüde, politikmüde. Bislang war es einfacher, da segelte die Bezirkswahl im Windschatten der Bürgerschaftswahl mit, da ließen sich Wähler gut motivieren. In diesem Jahr aber fällt die Bezirkswahl erstmals mit der Europawahl zusammen. Das ist vor allem für linke Parteien schwierig: Ihren Anhängern – vor allem den weniger gebildeten – ist die eine Abstimmung eine Nummer zu klein, die andere eine Nummer zu groß.

Selbst für die Überflieger von der SPD ist das eine Herausforderung, am Wahltag am 25. Mai könnten sie erstmals einen Dämpfer bekommen. Aber für die Linkspartei ist es ein echtes Problem. Dachte man.

Dann kam die Linke mit ihrer Überraschungskandidatin um die Ecke: Inge Hannemann.

Plötzlich mischt eine kleine, drahtige Frau den Wahlkampf auf. Die Hannemann kennen selbst Menschen, die sich sonst nichts aus linker Politik machen. Hannemann, die "Hartz-IV-Rebellin", hat es 2013 in die Tagesschau geschafft, in die Süddeutsche Zeitung, in den Spiegel: eine Hamburger Jobcenter-Mitarbeiterin, die sich weigerte, Arbeitslosen den Hartz-IV-Satz zu kürzen, wenn sie Termine verpasst hatten. "Wie viele Tote, Geschädigte und geschändete Hartz-IV-Bezieher wollen Sie noch auf Ihr Konto laden?", fragte sie die Bundesagentur für Arbeit in einem offenen Brief. Daraufhin wurde sie vom Job freigestellt, klagte dagegen und wurde bundesweit bekannt. Sie trat im Bundestag auf und sprach vor Tausenden Demonstranten. Ihren Arbeitsprozess gegen das Jobcenter begleiten an jedem Verhandlungstag mehr als hundert Anhänger und Journalisten.


Und jetzt geht die Rebellin in die Politik: Inge Hannemann ist Spitzenkandidatin der Linkspartei in Osdorf für die Bezirksversammlung Altona. Die Frau, deren Parole "Hartz IV abschaffen" so weit oben angesetzt hatte, ist ganz unten angekommen.