DIE ZEIT: Herr Triegel, Sie sind ein Künstler der Überraschungen. Erst wurden Sie berühmt als der Atheist, der den Papst malen durfte. Und nun sind Sie plötzlich gar kein Atheist mehr. Wie kam das?

Michael Triegel: Ich habe jahrelang mit mir gerungen – auf der Suche nach dem Glauben. Jetzt fand ich ihn. In der Osternacht habe ich mich in der Dresdner Hofkirche taufen lassen.

ZEIT: Dabei haben Sie sich doch häufig als armes Heidenkind bezeichnet, das so gern glauben würde, es aber nicht kann.

Triegel: Lange Zeit war es so. Ich ahnte, dass es gut sein muss, nicht alles selbst in der Hand zu haben, nicht alles selbst zu bestimmen. Ich wollte, dass etwas über mir ist. Daher fing ich einst an, biblische Motive zu zeichnen. Daher auch war ich sehr glücklich darüber, Papst Benedikt porträtieren zu dürfen. Dahinter steckte eine große Sehnsucht.

ZEIT: Was stand Ihrem Glauben so lange im Weg?

Triegel: Vielleicht meine Ratio, doch ich wartete auch auf ein spektakuläres Erweckungserlebnis.

ZEIT: Sie dachten an eine filmreife Bekehrung?

Triegel: Ja, absolut. Ich kenne diese Geschichten aus der Bibel: Saulus fällt vom Pferd, wird blind und hört eine Stimme. Vor einigen Jahren wollte ich so einen pathetischen Moment sogar erzwingen. Ich besuchte zu Ostern den Markusdom in Venedig und hoffte, schon diese Kulisse würde mich überwältigen. Aber das ist nicht passiert.

ZEIT: Was ist nun anders geworden?

Triegel: Es ist einigermaßen banal, der Jesuitenpater der katholischen Studentengemeinde hier in Leipzig hat mich gefragt, ob ich an Exerzitien teilnehmen möchte. Da sagte ich spontan Ja. Der Plan sah vor, 30 Tage lang intensiv ausgewählte Texte der Bibel zu studieren und zu meditieren. Das hat mich gepackt. Auch wenn das jetzt pathetisch klingt: Ich habe gemerkt, wie mir der Glaube vom Kopf ins Herz gerutscht ist. Das war auch ein Erweckungserlebnis, nur eben nicht so, wie ich es mir erwartet hatte. Im Dezember habe ich dann beschlossen, dass ich so weit bin, dass ich getauft werden möchte.

ZEIT: Und von da an waren Sie sich sicher?

Triegel: Mir wurde im Februar noch einmal klar, dass ich viel zu lange nur das Glanzvolle gesucht habe. Ich durfte in Rom bei der Ernennung der neuen Kardinäle dabei sein. Gerhard Ludwig Müller, der frühere Bischof von Regensburg, hatte mich eingeladen. Wir kennen uns, weil er mich einst beauftragt hatte, den Papst zu malen. Vorn im Petersdom also predigte Papst Franziskus, ich saß in Reihe zwei, gleich hinter den neuen Kardinälen, und unter der Kuppel von Michelangelo. Unerwartet betrat auch noch Benedikt XVI. die Kirche. Eigentlich ein perfekter Moment. Trotzdem war mir klar, dass ich das alles nicht suche. Es berührte vielleicht den Künstler in mir, nicht den Gläubigen. Wissen Sie, ich war auch mit ganz praktischen Problemen beschäftigt: Wann soll ich niederknien, wann stehe ich wieder auf? Benehme ich mich richtig?

ZEIT: Das kann man ja üben.

Triegel: Hab ich auch. Um zu sehen, wie ein Gottesdienst in Rom abläuft, besuchte ich dort zuvor eine kleine Kirche. Es saßen rührend wenige Menschen auf den Bänken, vielleicht acht oder neun. Der Priester am Altar suchte verzweifelt nach der richtigen Stelle im Messbuch, und als er sie endlich hatte, las er in einem radebrechend schlechten Italienisch daraus vor. Das alles war so rührend, dass es mich beruhigt hat. Das war die Kirche, die ich suchte: nicht perfekt, aber wahrhaftig.