Die Veranstaltung mag ja tatsächlich ein "Schas" gewesen sein, wie der Moderator des österreichischen Fernsehens meinte, die Musik stellenweise nur schwer erträglich und die Inszenierung eine bombastische Materialschlacht ohne erkennbaren Sinn. Einerlei. Nicht ein Lied hatte sich da beim europäischen Songcontest am Samstag durchgesetzt, sondern eine Wertvorstellung, die von einer bärtigen Diva verkörpert wird: jene der Akzeptanz eines selbstbestimmten Daseins.

Über Nacht ist so die Dragqueen Conchita Wurst in großen Teilen des Kontinents zur Bannerträgerin für ein liberales und weltoffenes Europa aufgestiegen. Mit ihrem kurzen Auftritt hat sie scheinbar mehr erreicht als jahrzehntelange Überzeugungsarbeit homosexueller Aktivisten. Die Kunstfigur einer Frau mit Bart wird als Selbstverständlichkeit hingenommen, als eine von vielen, gleichberechtigten Erscheinungsformen der menschlichen Existenz. In Österreich begreift nun auch die Volkspartei, dass ihr hinhaltender Widerstand gegen die volle Gleichberechtigung homosexueller Lebensgemeinschaften auf die Dauer politisch nicht aufrechtzuerhalten ist. Das ließ der Parteichef am Dienstag bereits erkennen.

Heißt dies nun, dass es selbst äußerst konservativen Leuten plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen ist und sie einsehen, wie vernagelt ihre Ressentiments all die Zeit gewesen sind? Wohl kaum. Vielmehr ducken sie sich unter dem aufbrandenden Jubel und erkennen, wie wenig opportun es ist, in der allgemeinen Begeisterung die alte Überzeugung aufblitzen zu lassen. Aber etwa im streng katholischen Milieu wird auch künftig der unschuldige Augenaufschlag der Travestiekünstlerin kein Herz rühren können, und der Salzburger Weihbischof Andreas Laun wird vermutlich auch weiterhin Homosexualität für eine Krankheit halten, die nach einem Heiler ruft. Man wird nun nur eine Zeit lang aus seinem Herzen eine Mördergrube machen müssen.

Ganz im Gegenteil zu jenem Teil Europas, in dem Homophobie zum kulturellen Standard der Öffentlichkeit gehört und Toleranz als ein gefährlicher Virus aus dem Westen gilt. Insbesondere in Russland wird nun der große Triumph der Conchita Wurst sogar im Konflikt um die Ostukraine instrumentalisiert. Eine erstaunliche Karriere für eine schrille Schlagerprinzessin, die nur mit ihren Kunstwimpern klimpern will. Es ist der Bart, der die Welt bewegt.

Insgeheim hatte das patriotische Studiopublikum des russischen Staatssenders Rossija 1 während der Übertragung des Songcontests noch auf einen Sieg ihrer Schwestern Tolmatschowa gehofft. Als sich dann die Freudentränen in den Augen der bärtigen Siegerin sammelten, brach im Studio ein Höllentribunal los. Besonders der schauspielerisch begabte Rechtsaußen Wladimir Schirinowski war nicht zu beruhigen: "Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas, es ist verrottet. Europa hat Durchfall mit Blut ..."

"Kann Donbass in so einem Europa sein? Nein!", sagte Schirinowski später.

Schon seit geraumer Zeit konzentriert sich die staatliche russische Propaganda auf einen vermeintlichen europäischen Werteverfall, der in der Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben einen Höhepunkt erreicht hätte. Nach diesem Vorbild setzten auch der ukrainische Expräsident Viktor Janukowitsch und seine Leute auf diese Thematik und erklärten gegenüber ihrer Klientel, dass sie deshalb eine Annäherung an die EU abgelehnt hätten. Mykola Asarow, damals Premierminister, behauptete etwa im Dezember 2013 auf einer Demonstration in Kiew: "Was waren die Bedingungen für die Unterzeichnung des EU-Assoziierungsabkommens? Wir hätten die Homo-Ehe zulassen müssen, wir hätten ein Gesetz zur Gleichberechtigung sexueller Minderheiten beschließen müssen. Ist unsere Gesellschaft für so etwas bereit?" Die Menge brüllte: "Nein!"