Wer plötzlich alles RB-Leipzig-Fan sein will! Beziehungsweise immer schon Red-Bull-Fan gewesen sein will. Das ist ja fast wie mit den Wendehälsen, wer hat dieses Wort eigentlich kreiert, vor fast 25 Jahren? Da waren und sind mir unverbesserliche Rote wie meine alte Direktorin, die bis heute treu hinter der Fahne steht, einfach viel sympathischer. Ich erinnere mich an den Pionierleiter unserer Schule, der bis ins Jahr 1990 hinein den Sozialismus propagierte und dann plötzlich auf einem Zeitungsfoto zu sehen war, ganz vorne in der Schlange vor der Sparkasse, als die Ostmark verschwand, das neue D-Mark-Lächeln im alten Pionierleitergesicht. Wahrscheinlich war das aber nur menschlich.

Und kürzlich, nach dem historischen Aufstieg RBs, sehe ich auf der Sportseite einer großen überregionalen Tageszeitung den Weltchef der Dosen im Leipziger Stadion jubeln, den großen Dieter M., Dieter der Gebieter, mit seiner Freundin, aber wer jubelt hemmungslos hinter den beiden? Im Red-Bull-Trikot? Und, wie ich später auf dem noch größeren Foto unserer Lokalzeitung sehe, auch im Red-Bull-Höschen? Unser Michael Fischer-Art. Was ist das denn? Eine Allianz des Bösen?

Mitte der neunziger Jahre fand man es irgendwie noch neu und interessant oder Hundertwasser-mäßig, wie der Mischa die Fassaden mit seinen Schablonenmännchen bemalte. Mittlerweile wissen wir es besser. Will er nun etwa noch das Stadion verschandeln? Mit geflügelten Schablonen? Ehre, wem Ehre gebührt. Oder: Willkommen in Leipzig!

Auch unser Prinz, der Sebastian Krumbiegel, fand RB schon immer toll.

Nun muss ich sagen, dass ich RB nicht verdamme, ihnen den Erfolg gönne, dass ich vielleicht sogar mal ein Spiel anschauen werde, wenn mich die gegnerische Mannschaft interessiert. Aber mit Dosen-Devotionalien und öffentlich? Da gehe ich doch lieber zu Chemie in die siebte Liga! (Die sechste Liga wahrscheinlich dann im nächsten Jahr!)

Obwohl ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich bei der 50-Jahr-Feier der 64er-Meisterschaft am 10. Mai nicht dabei sein konnte. Da las ich in der Fremde, bei Kassel, aus meinem Buch. Und verdiente Geld. Trank dort einen nordhessischen Apfelschaumwein auf Chemie, auf die Stadt, auf die Standhaften und die Wendehälse und die dazwischen.