DIE ZEIT: Herr Sielert, wie gut ist der Sexualkundeunterricht an unseren Schulen?

Uwe Sielert: Er deckt die biologischen Fakten zu Schwangerschaftsverhütung, Zeugung und Geburt ab, an vielen Schulen wird das inzwischen durch Präventionsprogramme zum sexuellen Missbrauch ergänzt. Einzelne engagierte Lehrkräfte machen das sicher hervorragend, aber insgesamt ist das Angebot ausgesprochen dürftig. Empirisch gesichert wissen wir über die Qualität gar nichts. Lesen, Schreiben, Rechnen werden rauf und runter getestet – die sexuelle Bildung interessiert nicht.

ZEIT: Was hat das für Folgen?

Sielert: Die Schäden einer unzureichenden sexuellen Bildung werden nicht sofort offenbar, sie verstecken sich in persönlicher Unzufriedenheit mit dem Lebenslauf, privaten Identitätskrisen, gescheiterten Beziehungen, sexueller Gewalt und Depressionen.

ZEIT: Eltern machen sich Sorgen, dass ihre Kinder durch Internet, Fernsehen und Werbung zu stark mit Nacktfotos, Pornografie und Körperkult konfrontiert werden. Sind diese Ängste berechtigt?

Sielert: Die meisten Kinder und Jugendlichen können sehr wohl zwischen pornografischem Fantasialand und Realität unterscheiden. Wir sprechen von einem sexuellen Skript, das jedes Kind schon vor der Konfrontation mit den Medien erwirbt. Normalerweise enthält dieses entsprechende Filter, um Bizarres und Gewaltsames auszublenden. Aber das gilt nicht für alle. Gerade in der Jugendhilfe haben wir ein bestimmtes Klientel mit beschädigten Skripten. Die ziehen sich auch aus Pornografie ihr Futter für Lust und Gewalt. Das kann Auswirkungen auf das reale Sexualleben haben und auf ihre Muster von Männlichkeit und Weiblichkeit. Und über die Langzeitfolgen der medialen Dauerberieselung wissen wir noch gar nichts.

ZEIT: Wie sollte der Sexualkundeunterricht darauf reagieren?

Sielert: Er muss sich neben dem Standardprogramm zu Körper, Liebe, Sinnlichkeit und Freundschaft gerade jetzt besonders kritisch mit dem Warenhausangebot sexueller Kultur und Unkultur auseinandersetzen können. Dabei sollte Sexualerziehung nicht nur "Gefahrenabwehrpädagogik" sein. Sie muss mehr leisten, als vor ungewollten Schwangerschaften oder HIV zu warnen, auch wenn das wichtige Funktionen sind. Doch die Schüler haben ganz andere, drängende Fragen. An die kommt eine Lehrkraft aber nicht ran, wenn sie selbst eigentlich keine Lust hat, das Thema zu unterrichten.

ZEIT: Warum haben Lehrer so wenig Lust darauf?

Sielert: Weil sie oft Angst haben vor den Fragen der Kinder und der Kritik der Eltern. Und weil die meisten nie gelernt haben, wie ein guter Unterricht zur Sexualität funktioniert.

ZEIT: Wie werden die Lehrer ausgebildet?

Sielert: In der Regel gar nicht. Wer Glück hat, landet an einer Universität, in der Sexualpädagogik zumindest punktuell im Wahlpflichtbereich angeboten wird. Dort sind die Seminare stets hoch frequentiert. Eine Vorlesung im Studium zu diesem Thema sollte Pflicht sein. Aber von dieser Minimalforderung sind wir weit entfernt.

ZEIT: Warum ist die Sexualpädagogik an den Universitäten so schwach vertreten?

Sielert: Bislang gab es keine einzige Professur für Sexualpädagogik in Deutschland. Das Fach hat keine Lobby. Erst der Runde Tisch zur Prävention des sexuellen Missbrauchs hat dazu geführt, dass seit 2012 fünf, auf sechs Jahre befristete, Juniorprofessuren eingerichtet wurden. Jedoch nur hier in Kiel befasst sich die neue Professur direkt mit Sexualpädagogik.

ZEIT: Wird das die Lehrerbildung verändern?

Sielert: Die Stellen sind in erster Linie für die Forschung da, sollen aber zum Teil auch Curricula entwickeln. Die Umsetzung ist dann allerdings wieder Sache der Länder und der Unis. Wenn die Sexualpädagogik weiterhin so gering geschätzt wird, bleibt die Bundesinitiative wirkungslos.

ZEIT: Könnte jeder Lehrer lernen, einen guten Sexualkundeunterricht zu geben?

Sielert: Gesunder Menschenverstand und guter Wille sind nützlich, reichen aber nicht mehr aus. Lehrkräfte brauchen ein gehöriges Maß an sexueller Bildung, Faktenwissen, aber auch kultivierte Gefühle und einen ethischen Standpunkt. Leider fehlt es in der Ausbildung völlig an Persönlichkeitsbildung oder einer Diskussion über den Umgang mit Nähe und Distanz in der Kommunikation mit den Jugendlichen. Was auch nicht stattfindet, für Sexualkundelehrer aber besonders wichtig wäre, ist die Selbstreflexion über die eigene sexuelle Biografie.

ZEIT: Eltern stehen dem Sexualkundeunterricht zunehmend skeptisch gegenüber, auch weil zurzeit viel über Inhalte wie sexuelle Vielfalt und Geschlechteridentität diskutiert wird. Ist die rein biologische Aufklärungsarbeit verzichtbar?

Sielert: Nein, die Aufklärung über Körpervorgänge, Geschlechtsorgane und Geschlechtsverkehr passiert ja sowieso. Und nur, weil die gesellschaftlich vorhandenen Alternativen zur klassischen Familie endlich thematisiert werden, ist die Vater-Mutter-Kind-Familie noch längst nicht infrage gestellt. Eltern sollten stärker einbezogen und über den Sexualkundeunterricht ihrer Kinder informiert werden. Klar ist aber auch, dass die Schulen ein eigenes Bildungsrecht in diesem Bereich haben. Sie müssen bilden, dürfen aber nicht indoktrinieren.

ZEIT: Es wirft bei Eltern jedoch einige Fragen auf, wenn sie hören, dass in aktuellen Lehrbüchern zur Sexualpädagogik Aufgaben vorgeschlagen werden, in denen 15-Jährige einen Puff umbauen und so bewerben sollen, dass er allen sexuellen Orientierungen gerecht wird. Ein anderes Beispiel: Schüler sollen ihr "erstes Mal" pantomimisch darstellen. Zur Auswahl steht unter anderem Analverkehr ...

Sielert: Das sind zwei provokante Anregungen aus einer Materialsammlung mit über 70 Übungen, von denen alle anderen die klassischen Themen der Sexualpädagogik abdecken. Sicherlich kann man darüber trefflich streiten, aber eine erfolgreiche Didaktik kommt manchmal an der provokanten Jugendsprache und den gesellschaftlich existierenden Realitäten nicht vorbei. Mit Analverkehr wird zumindest die Mehrheit der Jungen in Pornos konfrontiert. Also sollten sie darüber reden dürfen. Und durch die Übung zum "Puff für alle" lässt sich über sexuelle Ausbeutung genauso diskutieren wie über die sexuellen Liebesmöglichkeiten von Menschen in sehr verschiedenen Lebenslagen, weil Sexualität als Lebensenergie allen zusteht.