ZEIT: Dennoch sind Tierversuche viel stärker reglementiert.

Grimm: Das ist in der Tat paradox, wie so vieles in unserem Umgang mit Tieren. Aber auch in der Landwirtschaft ist einiges für das Tierwohl geschehen. Früher etwa wurden Kühe im Stall prinzipiell angebunden, heute sind Laufställe der Standard. Die traditionelle Käfighaltung von Hühnern ist seit 2009 verboten, und bald wird es – wie es scheint – nicht mehr erlaubt sein, Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren. Und kennen Sie das Zweinutzungshuhn?

ZEIT: Das was?

Grimm: Das Zweinutzungshuhn ist ein Haushuhn, bei dem die männlichen Tiere zur Fleischproduktion aufgezogen werden. Bislang werden ja sämtliche männlichen Küken aus den Legelinien nach dem Schlüpfen getötet. Das kann man mit dem Zweinutzungshuhn umgehen. Bei uns in Österreich können Sie diese Eier und das Hühnerfleisch im Supermarkt kaufen.

Schmitz: Das heißt aber nur: Die Hühner werden nicht am ersten Tag, sondern eben nach wenigen Wochen umgebracht. Wo ist da der Fortschritt?

Grimm: Zumindest im Respekt gegenüber den Tieren. Es ist schon etwas anderes, ob ein Tier, weil es "zu nichts nutze" ist, vergast oder geschreddert wird oder ob es als Nahrung dient.

Schmitz: Das betrifft doch nur die Einstellung der Menschen – die Tiere haben davon wenig.

Grimm: All unser Bemühen, Tiere zu schützen, ist vom Menschen aus gedacht.

Schmitz: Erkenntnistheoretisch schon, aber vom Ergebnis her muss das nicht sein. Die Harvard-Philosophin Christine Korsgaard hat eine gute Maxime entworfen, um diesem Dilemma zu entkommen: Danach ist im Umgang mit Tieren das erlaubt, wovon wir plausibel annehmen können, dass die Tiere dem zustimmen würden. Plausibel finde ich es, anzunehmen, dass die männlichen Hühner leben wollen.

ZEIT: Noch mal: Die meisten Menschen wollen, dass es Tieren besser geht. Wieso sind dennoch nur wenige bereit, ihr Konsumverhalten umzustellen?

Schmitz: Neben der Bequemlichkeit der Leute spielt die Verschiebung von Verantwortung innerhalb des gegenwärtigen Wirtschaftssystems eine Rolle. Die Konsumenten sagen, sie können an den Produktionsverhältnissen nichts ändern; die Produzenten sagen, die Leute wollen ihr Fleisch möglichst billig einkaufen. Und die Politik will es sich weder mit den einen noch den anderen verderben. Das sind keine guten Voraussetzungen, um ethisch reflektierte Entscheidungen zu treffen.

Grimm: Im Gegenteil, wir schwimmen in Moralin. Ob wir Kleidung kaufen, uns fortbewegen oder in den Urlaub fahren: Als Bürger sind wir die ganze Zeit damit beschäftigt, gute Menschen zu sein. Nur wie? Unsere moralischen Ansprüche einerseits und die Komplexität der Verhältnisse andererseits überfordern zunehmend.

Schmitz: Für mich zeigt diese Überforderung gerade, dass es einer grundsätzlichen Kritik der Verhältnisse bedarf. Es sollte uns doch zu denken geben, dass unsere Gesellschaft auf eine Weise organisiert ist, die es uns praktisch unmöglich macht, uns richtig zu verhalten.

Grimm: Hier stimme ich voll zu: Wenn es in einer Gesellschaft unmöglich ist, moralisch richtig zu handeln, dann muss man sich gegen geltende Rahmenbedingungen stellen. Aber haben wir an dieser Stelle wirklich Gewissheit?

ZEIT: Essen Sie denn Fleisch, Herr Grimm?

Grimm: Ich würde mich als "flexiblen Vegetarier" bezeichnen. Ich esse also sehr wenig Fleisch ...

Schmitz: (lacht) ... das sagen alle!

Grimm: Bei mir stimmt es aber. Eigentlich kaufe ich nur noch Fleisch, wenn wir Gäste haben. Dabei achte ich darauf, unter welchen Bedingungen die Tiere gelebt haben und wie sie geschlachtet wurden. Dennoch wird beim Essen oft den ganzen Abend nur über das eine Thema geredet.

Schmitz: Wenn ich Gäste habe, nutze ich die Chance, ihnen die Vielfalt von veganen Gerichten zu zeigen. Und ist es nicht besser, über unser Verhältnis zu Tieren zu diskutieren, ohne auf ihnen herumzukauen?

Lesen Sie dazu weitere Stücke der Titelgeschichte "Ich bin wie du", z.B. "Schaut hin! - Menschenrechte für Menschenaffen? Das wäre ein Fehler. von Andreas Sentker