Im Verhältnis zu den 750 Millionen Lebewesen, die in Deutschland jährlich für den Fleischkonsum gemästet und geschlachtet werden, machen die Versuchstiere bloß ein halbes Prozent aus. Doch Tiere zu essen ist gesellschaftlich deutlich akzeptierter, als sie für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zu nutzen. Das ist eine Tatsache, auch wenn es irrational ist.

Ein Leben ohne Fleisch wäre für die Menschen nämlich problemlos möglich, ein Verzicht auf hohe Standards bei Impfstoffen, Medikamenten und Chemikalien hingegen nicht. Doch die Macht der Bilder ist stärker. Die größte Empörung lösen Tierversuche mit – uns nahe verwandten – Affen aus oder mit – uns vertrauten – Haustieren wie Hund oder Katze. Die Menschen fühlen sich ihnen verbunden und identifizieren sich mit ihrem Leid.

Und leiden müssen die Versuchstiere fast alle: An der Hälfte werden Medikamente und Chemikalien getestet, oft in Dosierungen, die zu schweren Vergiftungen oder zum Tode führen. Der Großteil dieser Versuche dient der Erfüllung gesetzlicher Vorschriften für Zulassung und Qualitätsprüfung. Die Zahl der dafür eingesetzten Tiere ist seit Jahren relativ konstant.

Die andere Hälfte der Versuchstiere wird in der medizinischen und biologischen Grundlagenforschung verbraucht. Dieser Bereich wächst stark. Doch bei den in Mitleidenschaft gezogenen Tierarten ändert sich gerade einiges: Es werden (entgegen der öffentlichen Wahrnehmung) immer weniger Hunde, Katzen, Hamster, Kaninchen und Affen in der Grundlagenforschung eingesetzt, mit gut 2.000 Tieren machen sie nur noch 0,2 Prozent der Versuchstiere aus. Einen starken Anstieg gibt es dagegen bei Mäusen, die 2012 schon fast drei Viertel aller Labortiere darstellen. In der Grundlagenforschung sind es sogar 86 Prozent.

Die Ursache für den Trend hin zur Maus ist der Fortschritt in der Gentechnik. Sie ermöglicht es, das Erbgut der Mäuse so zu verändern, dass Krebs, Stoffwechsel-, Infektions- oder Nervenerkrankungen und andere schwere Leiden, die beim Menschen vorkommen, auch bei ihnen zielgerichtet ausbrechen können. 40 Prozent aller Labormäuse sind solche transgenen Lebewesen. Besonders häufig werden sie zurzeit in der Demenzforschung eingesetzt.

Doch nicht die 890.000 transgenen Labormäuse bestimmen die öffentliche Auseinandersetzung um Tierversuche, sondern zwei Dutzend Rhesusaffen des Bremer Kognitionsforschers Andreas Kreiter. Um zu verstehen, wie aus Sehen Erkennen wird, untersucht Kreiter das Zusammenspiel einzelner Gehirnzellen. Dazu lässt er den Tieren eine Zugangsröhre in die Schädeldecke operieren und eine Halterung an den Hinterkopf montieren. Im Experiment sollen die Affen mit der Bewegung eines Joysticks auf Figuren reagieren, die ihnen auf einem Computerbildschirm gezeigt werden. Dabei ist ihr Kopf im Versuchsstuhl fixiert. So können ins Hirn eingeführte Sonden die Aktivität ausgewählter Zellen exakt messen. Zur Belohnung bekommen die Versuchstiere einige Tropfen Apfelsaft. Das motiviert sie. Denn in der Nacht und am Morgen vor dem Experiment haben sie nichts zu trinken bekommen.

Diese Versuche waren von Anfang an umstritten. Über hundert Hochschullehrer der Bremer Universität hatten sie "aus ethischen Gründen als unverantwortlich" abgelehnt. Der Bremer Tierschutzverein sammelte über 100.000 Protestunterschriften gegen die "Affenschande". 2007 forderte sogar der Bremer Landtag in einem einstimmigen Beschluss das Ende der Experimente.

Gleichzeitig erhielt der Hirnforscher Kreiter die Unterstützung der Universitätsleitung. Die VolkswagenStiftung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gewährten ihm mehrere Millionen Euro Fördermittel. "Der Fortschritt in den Lebenswissenschaften wäre ohne den Einsatz von Tierversuchen nicht denkbar", heißt es in einer DFG-Grundsatzerklärung.

Die zuständige Bremer Behörde, die eine Fortsetzung der Versuche mehrfach genehmigt hatte, lehnte 2008 einen weiteren Antrag ab, weil der mögliche Nutzen in keinem ethisch vertretbaren Verhältnis zum Tierschutz stehe. Kreiter zog zusammen mit der Universität vor Gericht und bekam in allen Instanzen recht. Das Grundrecht auf Forschungsfreiheit wiege stärker als der seit 2002 als Staatsziel im Grundgesetz verankerte Tierschutz, und die Versuche im Primatenstuhl seien eine "allenfalls mäßige Belastung" der Tiere, urteilte das Oberverwaltungsgericht und schloss eine Revision aus. Eine Beschwerde dagegen wies das Bundesverwaltungsgericht Anfang Februar 2014 ab.

Das Urteil werfe "den Tierschutz um 20 Jahre zurück", erklärte der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, und drohte: "Unser Kampf gegen die Tierversuche wird jetzt wieder auf die Straße verlagert." Mit der Zuspitzung ihrer Kampagnen auf den Bremer Professor hatte die Organisation hoch gepokert – und verloren. Schröder forderte seine Mitglieder deshalb zum Austritt aus den Tierschutzkommissionen der Bundesländer auf, und viele folgten seinem Aufruf.

Nun müssen neue Tierschutzvertreter für die Kommissionen gesucht werden, nach dem Gesetz müssen sie mindestens ein Drittel der Mitglieder stellen. Sie werden vor jeder Entscheidung über die Genehmigung eines Tierversuchs angehört. In etwa jedem zweiten Fall gibt es Rückfragen oder Veränderungsvorschläge. Dann werden Anträge manchmal zurückgezogen, Ablehnungen aber sind extrem selten und nach dem höchstrichterlichen Urteil nun auch noch schwieriger zu begründen. "Diese Alibi-Funktion ist keinem Tierfreund mehr zuzumuten", findet Schröder.

Schönheitsoperationen erhöhen die Zahlen der Tierversuche

Für jene Versuche, die routinemäßig zu Ausbildungszwecken, zur Herstellung und Prüfung von Impfstoffen und Medikamenten sowie zur Erfüllung gesetzlicher Auflagen stattfinden, sind die Kommissionen ohnehin nicht zuständig. Sie müssen nicht genehmigt, sondern lediglich gemeldet werden. Trotzdem werden hier die meisten Alternativmethoden entwickelt und angewandt.

Das liegt auch am Verbot der Tierversuche in der Waschmittelherstellung, der Tabak- und Kosmetikindustrie. Meistens sind die Alternativen aber kein vollständiger Ersatz, sie reduzieren lediglich die Zahl der benötigten Tiere und deren Belastung. Oder sie führen dazu, dass auf niedere Arten zurückgegriffen wird. Anstatt an Fischen wird die Schadstoffbelastung von Abwasser dann etwa an Wasserflöhen getestet. Die tauchen in keiner Statistik auf, denn dort werden nur Wirbeltiere erfasst.

Rund 200 Anfragen im Jahr beantwortet die 1989 gegründete Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (Zebet). "Wir beobachten, dass Alternativmethoden immer öfter für gesetzlich vorgeschriebene Tierversuche zugelassen werden", sagt Barbara Grune, die als Tierärztin bei der Zebet arbeitet. Allerdings gibt es auch Rückschläge. Die Zunahme der Schönheitsoperationen mit Botox hat zu einem starken Anstieg sogenannter LD50-Tests an Mäusen geführt, weil jede neue Charge des Nervengifts überprüft werden muss. Sorgen macht sich Grune auch um die Folgen von Reach, der europäischen Chemikalienverordnung. Die verlangt neue toxikologische Untersuchungen auch an längst eingeführten Stoffen.

"Etwas Selbstbeschränkung" fordert die Landestierschutzbeauftragte von Baden-Württemberg, Cornelie Jäger. "Manche Fragestellung, mit der auch noch das allerletzte Quäntchen eines Forschungsfelds ausgeleuchtet wird, sollte besser offen bleiben." Denn trotz aller Bemühungen um Ersatzmethoden ist die Zahl der statistisch erfassten Versuchstiere zwischen 2000 und 2012 kontinuierlich angestiegen – um volle 70 Prozent.

Dazu kommen noch all die transgenen Mäuse und Ratten, die nach der Geburt getötet werden, weil sie nicht die gewünschte genetische Ausstattung aufweisen. Wie viele es sind, hat bisher niemand gezählt. Der Bundesrat fordert jetzt, diese Kollateralopfer (waste animals) künftig in der Versuchstierstatistik mit aufzuführen.

Denn auch wenn diese Tiere nicht im Labor enden, sind sie doch Teil einer hochumstrittenen Gruppe.

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