Die Hannover-Connection – Seite 1

Es ist ungerecht, Geschichte von ihrem Ende her zu betrachten – selten aber so verlockend wie im Fall der Könige von Hannover. Ihre Regentschaft fand im Jahr 1866 ein atemraubend dramatisches Ende, als ihnen die Preußen unter König Wilhelm I. und seinem Kanzler Otto von Bismarck kurzerhand ihr Land und ihr Vermögen wegnahmen. Was für ein dreister Raubzug, und was für ein schmachvolles Ende für das Land der traditionsreichen Welfen! "So ist nun das Schlimmste geschehen", schrieb deprimiert die letzte Königin Marie ihrem Mann Georg V. "Unser schönes, theures Land, es ist uns geraubt!"

Damit trat 1866 ein Herrscherhaus ab, das im Jahrhundert zuvor den wohl glanzvollsten Aufstieg aller deutschen Fürstenhäuser erlebt hatte. Zwischen 1714 und 1837 stellten die Welfen in Personalunion nicht nur den heimatlichen Kurfürsten von Hannover (respektive Braunschweig-Lüneburg, wie die offizielle Bezeichnung lautete), sondern zugleich auch den König von Großbritannien. Das Haus Hannover hatte damit alle Trümpfe in der Hand, sich als machtvolle Dynastie und bleibende politische Macht auf dem Kontinent zu etablieren. Doch dazu ist es nicht gekommen, vielmehr sind die stolzen Welfenkönige jener Zeit heute fast vergessen. Wie konnte das geschehen?

Den Sprung von der Leine an die Themse, von der Regional- in die Weltpolitik vor 300 Jahren verdankten die Welfen einer Frau: Sophie von Hannover. Die gebürtige Prinzessin von der Pfalz hatte im Jahr 1658 Ernst August von Braunschweig-Lüneburg geheiratet, was zunächst nicht gerade nach dem Beginn einer dynastischen Karriere aussah. Der Gemahl besaß nämlich kaum Aussichten auf eine bedeutsame Position, ehe er dann immerhin regierender Herzog wurde und der Kaiser ihn 1692 in den Kurfürstenstand erhob. Damit verbunden war das Recht, den König des Heiligen Römischen Reiches zu wählen. Kurhannover hatte also im Reich einen gewissen Einfluss – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und die junge Sophie hatte vielleicht keine beeindruckende finanzielle Mitgift mit in die Ehe eingebracht, aber sie war die Tochter einer Prinzessin aus dem Hause Stuart, das seit 1603 über das britische Reich herrschte.

Georg I. kommt nicht mit seiner Frau, sondern mit seiner Mätresse

Die Herkunft der stolzen Sophie gewinnt mit den Jahren an Bedeutung, denn im ausgehenden 17. Jahrhundert neigt sich die Regentschaft der Stuarts dem Ende entgegen. Der regierende König Wilhelm III. und seine Frau haben keine Kinder, und die mögliche Nachfolgerin verliert im Jahr 1700 ihren einzigen lebenden Sohn. Nun macht man sich in England daran, in der weitverzweigten Familie einen Thronfolger zu finden. Die Sache ist indes kompliziert, nicht zuletzt weil Großbritannien tief vom Gegensatz zwischen den Religionen geprägt ist. Der letzte katholische König – Jakob II. – hatte 1688 während der Glorious Revolution das Land verlassen müssen, die nicht nur das Königtum auf eine verfassungsrechtliche Grundlage stellte, sondern auch die Zeit der religiösen Toleranz beendete. Wer künftig in England die Krone aufsetzen wollte, musste protestantisch sein.

1701 gießt das einflussreiche britische Parlament dies in Gesetzesform und verabschiedet – schon damals konnten Gesetze eindrucksvoll lange Namen tragen – An Act for the further Limitation of the Crown and better securing the Rights and Liberties of the Subject, also etwa: ein Gesetz zur weiteren Einschränkung der Krone und zur besseren Sicherung der Rechte und Freiheiten der Untertanen. Dieser Act of Settlement schließt Katholiken von der Thronfolge aus und bindet den Herrscher vergleichsweise eng an das Parlament – auch weil die Einsetzung ausländischer Könige möglich ist: So werden im Gesetzestext ausdrücklich die inzwischen verwitwete Sophie von Hannover und ihre protestantischen Nachkommen zu legitimen Nachfolgern der englischen Herrscher erklärt.

Eine Delegation aus London bricht alsbald zu einem offiziellen Besuch bei der alten Dame auf und überreicht dieser im Sommer 1701 im Schloss Herrenhausen die Sukzessionsurkunde. Schon im folgenden Jahr stirbt in London Wilhelm III., und die kinderlose Anna wird Königin. Jetzt heißt es im fernen Hannover abwarten: Die nächste Regentin könnte nun tatsächlich die Witwe aus Braunschweig-Lüneburg sein.

Doch es kommt anders als von Sophie erhofft. Als die 83-Jährige am 8. Juni 1714 mit ihren Hofdamen den üblichen Spaziergang durch den Garten des Schlosses Herrenhausen unternimmt, bricht sie unvermittelt zusammen und stirbt (just an dieser Stelle hat ihr die Nachwelt übrigens ein Denkmal aufgestellt). Aber sie hat ja legitime protestantische Nachfahren, und so ist nun ihr ältester Sohn Hannovers Kandidat für London: Georg Ludwig, seit 1698 regierender Kurfürst. Er gilt als fleißig, ordnungsliebend und sparsam, und er hat innen- wie außenpolitische Erfahrung. Sein großer Moment kommt am 1. August 1714, als er nach dem Tod Annas als Georg I. zum neuen König von Großbritannien und Irland proklamiert wird. Die Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien ist besiegelt.

Der 54-Jährige macht sich auf zur Insel und lässt daheim die sogenannten Geheimen Räte zurück, die das Kurfürstentum in seiner Abwesenheit verwalten sollen. Sie haben fortan London über die Vorgänge in der Heimat zu berichten und in wichtigen Fragen auf die Entscheidungen des Welfen zu warten. Aber der hat erst einmal genug in England zu tun. Die rivalisierenden Parteiungen der Whigs und der Tories erfordern seine volle Aufmerksamkeit und sein politisches Geschick. Überdies gilt es noch immer, katholische Widerstände gegen seine Thronbesteigung zu überwinden.

Seine neue Aufgabe in England tritt Georg I. übrigens ohne eine Königin an seiner Seite an: Von seiner Frau Sophie Dorothea hat er sich bereits zehn Jahre zuvor scheiden lassen – er hatte Zerstreuung und Zuwendung bei Mätressen gesucht, seine Frau hatte sich einen Liebhaber zugelegt. Damit war die Gemahlin untragbar geworden. Sie verbrachte ihr Leben fortan unter Hausarrest. Statt ihrer nimmt Majestät kurzerhand seine langjährige Mätresse mit über den Kanal.

Der Spagat zwischen London und Hannover hat erkennbare Folgen: In Hannover harrt man oft der Entscheidungen aus dem fernen England, immer wieder stagniert die Landespolitik. Georg I. spielt deshalb schon nach einigen Jahren mit dem Gedanken, die einst so verlockende Personalunion wieder zu beenden. Entsprechende Pläne finden sich später auch in seinem Testament – aber die werden nach seinem plötzlichen Tod 1727 von seinem Sohn Georg II. ignoriert, der zu seinem Vater ohnehin ein mehr als gespanntes Verhältnis hat, wie es im Haus Hannover auch in Zukunft des Öfteren der Fall sein wird.

Hannover wird zum Land ohne Herrscher

Der König wechselt, aber das Grundproblem der Personalunion bleibt: Auch Georg II. muss erfahren, wie schwer es ist, gleichermaßen den Interessen des Kurfürstentums Hannover wie des englischen Königreiches gerecht zu werden. Beispielhaft dafür ist der preußische Einmarsch in der österreichischen Provinz Schlesien 1740 nach dem Tod Kaiser Karls VI.: Für Hannover als eines der deutschen Kurfürstentümer tritt nun eigentlich der Bündnisfall an der Seite Wiens ein. Doch Georg II. scheut den Konflikt, weil Frankreich als Verbündeter Preußens damit automatisch zum Kriegsgegner Londons würde. Der englische König zieht sich vermeintlich geschickt aus der Affäre: Er verpflichtet sich, nicht gegen französische Verbündete zu marschieren, also auch nicht gegen Preußen, und erhält dafür die Zusage Frankreichs, Hannover nicht anzugreifen. Zudem verspricht Georg II., bei der anstehenden Wahl des deutschen Kaisers den französischen (und preußischen) Favoriten Karl Albrecht zu wählen – einen Wittelsbacher.

Dieses Entgegenkommen gegenüber dem Rivalen Frankreich verschont zwar Hannover, doch in Großbritannien löst Georg II. damit Empörung aus. Und am Ende lässt sich auch der Konflikt mit Frankreich nicht verhindern. Im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) besetzen französische Truppen Hannover. Zugleich stehen sich in diesem erstmals weltweit ausgetragenen Konflikt Frankreich und England als Feinde um die Kolonien vor allem in Nordamerika und Indien gegenüber.

Es ist bekanntlich schwer, der Diener zweier Herren zu sein. Noch schwerer ist es zu diesem Zeitpunkt für die Welfen, als Herren zweier Reiche ihren Aufgaben gerecht zu werden. Hannover scheint dabei den Kürzeren zu ziehen: Eine eigenständige Außenpolitik kann das Kurfürstentum als "Anhängsel" Englands nicht betreiben, zuweilen sieht es sich dem Treiben der großen Mächte hilflos ausgeliefert. Kein Wunder, denn so mancher hält Hannover für die verwundbarste Stelle des englischen Königreiches. Zudem wird das Kurfürstentum unter der Regentschaft Georgs III., die 1760 beginnt, vollends zu einem Land ohne Herrscher: Der neue Welfenkönig wurde bereits in England geboren, ist also sozusagen der erste britische Welfe – und er wird in seiner 60 Jahre währenden Regentschaft das Reich seiner Vorfahren kein einziges Mal betreten.

In dieser Zeit regieren die Geheimen Räte Kurhannover – wenn es gute Jahre sind. In weniger guten wird das Land lediglich verwaltet. So oder so fehlt es dem Fürstentum oft genug an Impulsen, seinen politischen Einfluss innerhalb des Reiches auszudehnen. Dasselbe gilt für die wirtschaftliche Entwicklung: Auch für sie wäre die Anwesenheit eines Fürsten notwendig. Das wusste schon Georg I., der bereits ein knappes Jahrhundert zuvor erwogen hat, die Personalunion wieder zu beenden.

Die Göttinger Universität gilt als eine der besten des Kontinents

Dabei gibt es vor allem in der Kultur und den Wissenschaften durchaus Chancen, Kapital aus der Verbindung nach London zu schlagen. Der kurfürstliche Kapellmeister Georg Friedrich Händel ist der Prominenteste, der von Hannover in die britische Hauptstadt zieht (bereits 1712 hat er sich dort niedergelassen) und mithilfe des Königshauses Karriere macht. England braucht indes nicht nur Musiker, sondern als global operierende Kolonialmacht gut ausgebildetes Personal für die Entdeckung und Vermessung der Welt. Das stammt bald auch aus Göttingen. Die Universität, die dort unter Georg II. 1737 eröffnet wird, gilt als eine der modernsten Forschungs- und Lehreinrichtungen auf dem Kontinent. Doch angesichts der Strukturprobleme der Personalunion fallen solche Erfolge letztlich kaum ins Gewicht.

1803 kommt es dann tatsächlich zur Trennung von England – unerwünscht jedoch und mit Gewalt: Napoleons Truppen besetzen in diesem Jahr das Kurfürstentum und kappen alle politischen Verbindungen nach London. Hannover steht nun für einige Jahre allein da. Zwischenzeitlich wird es dem neu geschaffenen Königreich Westphalen unter Napoleons Bruder Jérôme einverleibt. Erst nach dem Untergang Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 greift die Personalunion mit England wieder. Und dessen König bekommt nach dem Wiener Kongress sogar eine neue Würde dazu, denn Hannover wird zum Königreich erhoben.

Im 1815 gegründeten Deutschen Bund steht das Land hinsichtlich der Bevölkerungszahl immerhin an fünfter Stelle: Es hat knapp 1,5 Millionen Einwohner. Die neue Königswürde aber bringt kein Glück, denn als Georg III. 1820 stirbt – längst blind, taub und geistig umnachtet –, findet sich kein Nachfolger mehr, der das Land zu führen versteht. Zwei seiner Söhne folgen ihm auf den Thron, die man als weitgehend ungeeignet bezeichnen darf: Georg IV. und Wilhelm IV. Als Letzterer am 20. Juni 1837 in Schloss Windsor stirbt, endet nicht nur eine wenig glanzvolle Regentschaft, sondern auch die seit 123 Jahren bestehende Personalunion: Wilhelm IV. hinterlässt keine erbberechtigten männlichen Nachkommen, weshalb ihm nach englischem Recht seine Nichte nachfolgen soll – die welfische Erbfolgeregelung indes schließt Frauen von der Thronfolge aus.

Ab sofort gehen England und Hannover also wieder getrennte Wege. Und zwar denkbar unterschiedliche: In London besteigt 1837 die 18-jährige Victoria den Thron, die das Empire mehr als sechs Jahrzehnte lang führen und eine ganze Epoche prägen wird – das Viktorianische Zeitalter. Hannover unterdessen kommt unter die Regentschaft von Ernst August I., einem Bruder der beiden letzten englischen Könige. Und der ist nun wahrlich nicht das große Los.

Kaum hat der als konservativ bekannte Herrscher sein neues Reich betreten, verweigert er den Eid auf das geltende Staatsgrundgesetz und erklärt die Verfassung für ungültig. Gegen diesen monarchischen Staatsstreich meldet sich umgehend prominenter Protest: Die sogenannten Göttinger Sieben, allesamt Professoren der dortigen Universität, fühlen sich weiterhin an ihren Eid auf die Verfassung gebunden. Ihrer Protestation des Gewissens begegnet Ernst August unnachsichtig. Er belegt die Professoren mit Berufsverbot und verweist drei von ihnen des Landes: den Historiker und Politiklehrer Friedrich Christoph Dahlmann, den Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinus und den Germanisten Jacob Grimm. Spottend ruft ihnen der König hinterher, und das peinlicherweise auch noch in Anwesenheit des großen Alexander von Humboldt: "Professoren, Huren und Balletttänzerinnen kann man für Geld überall haben."

Während die Göttinger Sieben in den kommenden Jahren zu Helden des deutschen Liberalismus aufsteigen, konsolidiert Ernst August zwar seine Macht, doch nach seinem Tod 1851 naht das Ende der welfischen Herrschaft. Georg V., der nun den Thron besteigt, ist der letzte König von Hannover. Während der deutschen Einigungskriege begeht er den Fehler, sich im preußisch-österreichischen Konflikt auf die Seite Wiens zu schlagen. Friedrich der Große hatte einst in seinen politischen Testamenten überlegt, wie man Hannover am besten annektieren könnte. Nach dem Sieg über Österreich 1866 setzen seine Nachfahren diese Gelüste in die Tat um.

Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck lässt das Privatvermögen der Dynastie beschlagnahmen. Diesen "Welfenfonds" nutzt er fortan als geheime Geldquelle für unterschiedliche Zwecke – unter anderem zur "Bestechung" des bayerischen Königs Ludwig II. Der ist wegen seiner ausufernden Bauprojekte bekanntlich notorisch klamm und lässt sich mit Zahlungen dazu "überreden", dem Aufstieg des Königs von Preußen zum deutschen Kaiser zuzustimmen. So leistete das Reich der Welfen noch unfreiwillig seinen Beitrag zur deutschen Einigung von 1871.

In Hannover und Celle ist vom 17. Mai bis zum 5. Oktober die Niedersächsische Landesausstellung zum Thema zu sehen: "Als die Royals aus Hannover kamen", www.royals-aus-hannover.de