Eine österreichische Privat-Uni will am Klinikum Nürnberg Ärzte ausbilden. Das Modell sorgt für Streit unter Medizinern: Lässt sich damit der Ärztemangel beheben – oder sinkt die Qualität des Studiums?

Es ist schon ziemlich eigenartig, was da in Nürnberg geplant ist: 50 Studenten sollen von August an dort Medizin studieren und in fünf Jahren Ärzte sein – und während der ganzen Ausbildung kein einziges Mal eine Lehrveranstaltung an einer Universität oder Uni-Klinik besuchen. Fast die gesamte Ausbildung übernimmt das städtische Krankenhaus Nürnberg. Damit das alles auch als Hochschulstudium anerkannt wird, kooperiert es mit der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg (PMU). Bei den medizinischen Fakultäten in Deutschland hat das für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. Der Medizinische Fakultätentag hält das Vorhaben für problematisch. Eilig hat man ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um zu beweisen, dass derlei "Franchising-Modelle" gegen deutsches Recht verstoßen. Die PMU dagegen verweist darauf, dass der Studiengang auf österreichischem Recht basiere, und nach dem EU-Niederlassungsrecht sei es zulässig, diesen in jedem Mitgliedsstaat anzubieten. Im Übrigen behalte man sich vor, rechtlich gegen falsche Behauptungen vorzugehen.

Noch bevor die angehenden Mediziner überhaupt ein Stethoskop in der Hand halten, spalten sie bereits die wissenschaftliche Gemeinschaft im Land.

Der entbrannte Streit dreht sich dabei nicht nur um die Frage, wie wichtig die Universitäten und Universitätskliniken im Medizinstudium sind. Es geht auch um die Zukunft der Medizinerausbildung in den nächsten Jahren. Denn setzt sich das Nürnberger Modell durch, könnten sich künftig etliche kleinere Krankenhäuser eine Universität im Ausland suchen und ihre eigenen Mediziner ausbilden.

Denkt man an den Bedarf, sind solche Kooperationen erst einmal hochwillkommen: Schon heute fehlen in Deutschland Ärzte, 5.500 Stellen können allein in den Krankenhäusern nicht besetzt werden. Hinzu kommen die Regionen, wo es an niedergelassenen Medizinern mangelt, das Problem soll sich in den nächsten Jahren unter anderem aufgrund des demografischen Wandels noch deutlich verschärfen. Und der Nachwuchs? Die Zahl der Medizinstudienplätze an den staatlichen Unis in Deutschland ist seit den 1990er Jahren um fünf Prozent gesunken.

Aber kann eine Ausbildung an einer städtischen Klinik diese ersetzen?

Immerhin machen die Studenten in Nürnberg die gleichen Abschlussprüfungen wie ihre Kommilitonen an den österreichischen Universitäten mit Humanmedizinstudium. Nach fünf statt nach den sonst deutschlandweit geltenden sechs Jahren schließen sie mit einem österreichischen Studienabschluss ab, die Absolventen sind damit in Österreich approbierte Mediziner – und können zum Arbeiten unter anderem nach Deutschland gehen, wo sie dringend gebraucht werden.

Auch in Nürnberg hofft man darauf, dass ein paar der eigens ausgebildeten Mediziner später im Klinikum bleiben. Mit dem Haus und den Gepflogenheiten werden sie schließlich fünf Jahre lang vertraut gemacht. Außerdem sucht die Klinik Sponsoren, um einigen Studenten die Studiengebühren finanzieren zu können. Doch bevor überhaupt ein Student das Klinikum betreten hat, sorgen sich empörte medizinische Fachvertreter schon, diese Ausbildung werde dem Standard eines Medizinstudiums nicht gerecht.

Dabei geht es nicht unbedingt um die praktische Kompetenz. Im Gegenteil: Die Ausbildung an der Nürnberg Medical School, wie das Klinikum Nürnberg die Hochschule vor Ort nennt, wird, weil sie fast ausschließlich im Klinikum durchgeführt wird, sogar außerordentlich praxisorientiert sein. Damit ist man in diesem Bereich auf dem richtigen Weg, denn mehr Praxis in der medizinischen Ausbildung wird seit Jahren stark gefordert. So gehen inzwischen auch Medizinstudenten aus Heidelberg, Freiburg und Berlin schon in den ersten Wochen in die Klinik und bekommen dort das sogenannte Bedside Teaching, Unterricht am Krankenbett. Für Nürnberg ist das von Anfang an eine Selbstverständlichkeit. "Wir wollen so kommunikative, offene Ärzte ausbilden, die den Kontakt mit den Patienten früh lernen. Der schweigende, unnahbare Arzt soll der Vergangenheit angehören", sagt Wolfgang Söllner, Chefarzt am Klinikum Nürnberg und der Vizerektor der neuen Medical School.