"Wuscheligkeit ist keine Antwort auf die brennenden Fragen unserer Zeit", beschwert sich ein rundliches Männchen mit Hut im neuen Comicband des Duos Max Goldt und Stephan Katz. Recht hat das Männchen. Aber woher sollen die Antworten auf die brennenden Fragen bitte kommen? Von Max Goldt jedenfalls nur noch selten. Früher hielt der Schriftsteller im Satire-Magazin Titanic regelmäßig eine kolumnenförmige Standpauke, seit zwei Jahren veröffentlicht er aber kaum noch neue Texte. Das ist besonders schade, weil Goldt nicht nur ein großer Stilist ist, sondern auch eine "blendend helle moralische Instanz", wie es in Daniel Kehlmanns Laudatio hieß, als Goldt 2008 den Kleist-Preis erhielt. Als so eine Instanz vermisst man Goldt in dieser debattengebeutelten Zeit sehr. Wusste er sich doch wie kaum ein anderer nonchalant zwischen konservativ, progressiv und albern zu bewegen.

Ein Glück, dass noch regelmäßig die Comics erscheinen, die Goldt textet und Katz zeichnet. Eine Auswahl von Arbeiten aus den letzten Jahren sind in Der Baum ist köstlich, Graf Zeppelin versammelt. Und tatsächlich geht es in dem Band auch um brennende Fragen der Zeit. "Guten Tag! Ich bin Lesbe und wohne in der Niederbarinstraße", sagt in einem Strip eine Frau mit Camouflage-Hose und abrasierten Haaren. "Ich will mein Lesbischsein leben." – "Das kann man leider nicht sagen. Leben ist ein intransitives Verb. Oder wollen Sie etwa der Stadt Mainz nacheifern, deren Marketing-Slogan lautet ›Leben Sie Mainz!‹?", antworten zwei Männchen, jedes eine Eiswaffel in der Hand. Die Lesbe bedankt sich für die sprachliche Beratung, und der Comic schweift ab in eine Betrachtung der diversen Spielarten schwuler Erotik. So erwartet man es auch von Katz & Goldt, deren Markenzeichen schon immer das gekonnte Abschweifen und besonders viele Penis-Zeichnungen waren.

Denn Katz & Goldt sind trotz brennender Fragen keine politischen Karikaturisten, im Gegenteil. Oft gibt es statt Wuscheligkeit einfach gar keine Antworten, wenn ihre Bildstrecken sich ganz verabschieden von jeder plumpen Verständlichkeit und nur noch assoziativen Unsinn feiern: Igel, die sich mit Kakteen unterhalten, das Stillleben einer Raumsonde in Rahmsoße. Das ergäbe natürlich eine schöne biografische Pointe für ein Ausnahmetalent wie Goldt: dass er es zum vermutlich einzigen Kleist-Preisträger gebracht hat, der fast nur noch unverständliche Comics publiziert. Aber wer nach der Lektüre von Der Baum ist köstlich, Graf Zeppelin sofort zurück im Goldt-Rausch ist, der wünscht sich noch dringlicher, bald wieder Prosatexte von Goldt zu lesen.