Sollten die Prognosen recht behalten, dann werden die Rechtspopulisten bei den Europawahlen beängstigende Stimmengewinne verbuchen können. Glaubt man den Selbstdarstellungen dieser Parteien, dann haben sie mit der alten Rechten des 20. Jahrhunderts nichts mehr zu tun. Doch das ist ein Irrtum. Durch die Programme der neuen Rechten schimmern die nationalen Mythen der alten hindurch. Nationalisten in Deutschland oder Ungarn träumen weiter ihre imperialen Träume. Britische Isolationisten trauern der Splendid Isolation nach, die für Jahrhunderte die Vorherrschaft des Empire sicherte. Identität und Souveränität der Nation sollen Vorrang haben vor der EU-Integration. Erhalten haben sich auch die traditionellen Politik- und Ordnungsvorstellungen. Das zeigt sich in der Ukrainekrise. Während die Rechtspopulisten Europa wegen seiner Minderheitenpolitik als "Gayropa" verächtlich machen, zollen sie Putins "harter Hand" entschieden Respekt. Putin, so rühmen sie, ziehe seine roten Linien konsequenter als der "weiche" Westen – 2008 in Georgien und heute in der Ukraine.

Sogar die Partei Alternative für Deutschland (AfD) hat Sympathien für Putin. Mit Blick auf die Krim erklärte Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher der AfD und immerhin promovierter Staatsrechtler, man könne die "Legitimität" seines Handeln anders beurteilen "als seine Legalität". Putin habe sich "auf eine alte russische, zaristische Tradition besonnen: das Einsammeln russischer Erde". Das Land habe den Verlust seiner "Keimzelle", des "heiligen Kiew", nie verwunden. Diese Trennung sei "nur vergleichbar mit der Abtrennung Aachens oder Kölns von Deutschland".

Gauland ist nicht der Einzige, der auf den nationalen Mythos zurückgreift. Das Spiel mit solchen Narrativen ist brandgefährlich, weil sie beliebig erweiterbar sind: Warum etwa soll Köln für die deutsche Kulturgeschichte wichtiger gewesen sein als Königsberg? Ließe sich so nicht auch ein russischer Vorstoß auf den Bosporus rechtfertigen, schließlich war Byzanz das Herz der Ostkirche?

Bekanntlich diente "der Osten" seit dem 19. Jahrhundert gerade den Deutschen als Projektionsfläche im Kampf gegen den "westlichen" Rationalismus. Im deutschen Kaiserreich glaubte man, die Abwehrschlacht gegen die "westliche Zivilisation" zu führen. Diese Frontlinie existiert in der Propaganda der EU-Gegner heute immer noch, sie hat sich gleichsam an die Außengrenze des Kontinents verschoben.

Das Bündnis von Europa und Russland als "Achse der Zukunft"

Wurden noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die Zumutungen von Modernisierung und Demokratie auf den dekadenten Einfluss "Roms" zurückgeführt, sind heute "Globalisierung" und "Pax Americana" an seine Stelle getreten. Die Diagnose des allgemeinen Kulturverfalls ist identisch geblieben. "Multikulti", die Anerkennung von Minderheitenrechten, Gender-Mainstreaming und die Währungsunion gelten gleichermaßen als apokalyptische Reiter aus Brüssel. In der Wochenzeitung Junge Freiheit, die sich mittlerweile auf der Seite der AfD positioniert, heißt es, Russland bleibe "eine souveräne Großmacht. Seine Souveränität bietet Europa eine der wenigen Chancen, die amerikanische Übermacht auszubalancieren. Wenn hingegen Russland erst einmal in den Westen inkorporiert sein würde – und die Damen von Pussy Riot mit staatlicher Billigung auf allen Kirchenaltären tanzen –, gehen auch auf dem Kulturkontinent Europa die Lichter aus."

Diese Sicht hat auf russischer Seite durchaus Partner. Ein führender Theoretiker des "eurasischen Kontinentalbündnisses" ist Alexander Dugin. Der ultranationalistische Esoteriker und Institutsleiter an der Moskauer Staatsuniversität genießt bei westeuropäischen Neofaschisten hohes Ansehen; kürzlich hat die NPD-Jugendorganisation das Bündnis zwischen Russland und Europa mit Verweis auf Dugin zur "Achse der Zukunft" erklärt. Für Dugin haben die USA auf dem Maidan die "Büchse der Pandora" geöffnet. Die Aneignung der Krim ist für ihn nur der erste Schritt auf dem Weg nach "Novorossiya", um ganz "Eurasien" von der US-Ideologie zu "befreien".

Eng verbunden mit der Sage vom "ewigen Kampf östlicher Kultur gegen westliche Zivilisation" sind auch die geopolitischen Ordnungsmodelle der Rechten. Sie bewundern Putin, genauer: sie bewundern die Souveränitätsdemonstration eines Staates, der sich der Welt gegenüber entscheidungs- und handlungsfähig zeigt. Im autoritären Denken ist die Machtgeste ein Wert an sich. Für Arnold Gehlen, einen der letzten radikal konservativen Theoretiker mit Substanz, war es unverzeihlich, "von der Macht, die man hat, keinen Gebrauch zu machen". Gehlen konnte daher selbst der sowjetischen Intervention im "Prager Frühling" Verständnis entgegenbringen.

Es überrascht nicht, dass hier ein grundlegend anderes Rechtsverständnis im Verkehr der Nationen zum Tragen kommt, als es das "westliche" Völkerrecht formuliert. Die Wurzeln dieser Rechtsvorstellung liegen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Damals versuchte der Völkerbund im Europa der zerfallenen Imperien händeringend, die Rechte von Minderheiten im nationalstaatlichen Rahmen zu garantieren. Die deutsche Seite formulierte dazu ein Gegenmodell, das sogenannte "Volksgruppenrecht". Sein Kernsatz lautete: Das Recht der "Artgleichheit" bricht das Recht der Staatsnationen, weshalb Staatsgrenzen auch als elastisch betrachtet wurden. Darum darf man aufhorchen, wenn die AfD auf das "Selbstbestimmungsrecht" verweist und die Grenzen der Ukraine als "nicht unverrückbar" bezeichnet.

Russland als Lokomotive einer neuen konservativen Revolution

Eine Niederlage für Europa ist ein Gewinn für "Eurasien"

Einer der historischen Vordenker für ethnisch-nationale Neuordnungen war der Deutschbalte Max Hildebert Boehm, über den der Historiker Ulrich Prehn jüngst eine umfassende Monografie vorgelegt hat. Demnach sollten sich die zahllosen europäischen Volksgruppen "an die beiden niedergehaltenen Großvölker" – das deutsche und das russische – anschließen, die sich "mittelfristig wieder zu 'Gravitationszentren' entwickeln" würden. Boehm sah darin die "bestandhaftere Form" als in einer von ihm als "künstlich" erachteten Eigenstaatlichkeit. Die Pointe dabei: Boehm plädierte für ein "neuartiges Sippenrecht", das das "westliche Nationalitätsprinzip" mit seinem Minderheitenschutz ablösen sollte.

Dieses Konzept eines nach "Volksgruppen" gegliederten eurasischen Raumes wurde später von einem der wichtigsten Staatsrechtler des Faschismus, Carl Schmitt, erweitert. Schon seine Ablehnung des "kapitalistischen" zugunsten eines "volklichen" Raumdenkens lässt sich heute trefflich gegen die EU in Anschlag bringen. Auch Schmitt verwarf den westlichen Nationenbegriff und plädierte im Schatten der Sudetenkrise 1938 für ein "Volksgruppenrecht" mit "Schutzrecht für die deutschen Volksgruppen". Seine Wunschkonstruktion war eine "völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte". Nichts anderes bejubeln die Europagegner derzeit im Krieg der Oligarchen.

Zweifellos mangelt es auch in der Ukraine nicht an Nationalisten, aber sie ist kein Machtzentrum. Von dem Land geht keine politische Gravitation aus; nur ein starker Verbündeter, so das Kalkül, kann den als schädlich erachteten westlich-amerikanischen Kultureinfluss zurückdrängen. Der Wunsch nach einer "Blutsnation" anstelle der "Staatsnation" treibt Europas Rechte daher scharenweise auf die Seite Russlands. Viele "Europa-Skeptiker" sind mit der bestehenden Landkarte unzufrieden und sehen im Vorgehen Putins das Rezept für ihre eigenen territorialen Forderungen: Die FPÖ hat Begehrlichkeiten in Südtirol, die ungarische Rechte strebt eine Revision der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg an, schon wurden Ansprüche auf die Karpatenukraine laut, da dort "ethnische Ungarn" leben. Der Vlaams Belang sucht umgekehrt ein Modell für die Abspaltung von Belgien, Regionalisten in Norditalien möchten weg von Rom. Der Historiker Timothy Snyder schreibt über FPÖ, Front National und die britische Ukip: "Eine Stimme für Strache oder Le Pen oder auch für Farage ist eine Stimme für Putin, und eine Niederlage für Europa ist ein Sieg für Eurasien."

Mit einem Wort: In den geopolitischen Fantasien der Rechten gilt Russland als Lokomotive einer neuen konservativen Revolution. Als letzte kontinentaleuropäische Ordnungsmacht soll es die ethnische Homogenität der Nationen garantieren. Stabilisieren wird das nichts, denn der Konkurrenzkampf um die Führungsposition auf der europäischen Seite des eurasischen Gefüges wird in einem Europa der Rechtspopulisten zwangsläufig weitere Krisenherde schaffen.