Geht’s noch? Der künstlerische Leiter eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt begleitet, Arm in Arm mit dem Hauptdarsteller, in einem provisorischen Kinozelt die Präsentation eines Softpornos, den er ums Verrecken nicht in seinem Programm zeigen würde. Natürlich geht das! Denn das Festival heißt Cannes, der Hauptdarsteller des Films Gérard Depardieu, sein Regisseur ist Abel Ferrara, und erzählt wird der Sexskandal des französischen Politikers Dominique Strauss-Kahn.

Ferraras Film Welcome to New York, das hat die große Medienzentrifuge Cannes ja schon in alle Welt geschleudert, ist allerdings ein für jeden Skandal ungeeignetes, geradezu naives Nichts. Kaum betritt der Strauss-Kahn nachempfundene Politiker Devereaux (Depardieu) sein Büro, reiben sich auch schon zwei Callgirls an seinen Hosenbeinen. So flott ging es zu beim IWF in New York! Während der faden Nacherzählung der Ereignisse samt Verhandlung und Ehestreit sieht man Depardieu immer wieder grunzend und ächzend Kopulationen andeuten, auch mal Champagner über Köpfe schütten und Eiscreme auf nackten Brüsten verreiben. Mainzer Karneval goes porn. Strauss-Kahns Exfrau Anne Sinclair verkündete kurz nach der Premiere, auf einen Prozess zu verzichten, und verfasste im Netz lieber ihre ganz eigene Form der Filmkritik: "Ich greife diesen Dreck nicht an, ich erbreche ihn."

Kein Zweifel, ein solcher Film hat nichts verloren im offiziellen Programm des Festivals von Cannes, in diesem hehren Filmtempel und Kloster des Kinos. Er hat allerdings sehr wohl etwas verloren im – mit Verlaub – großen Bilderbordell von Cannes. Hier, wo gehörnte Plastikhelme auf dem roten Teppich den Wikinger-Animationsfilm How to Train Your Dragon 2 ankündigen und das Premierenpublikum – ob männlich oder weiblich – aussieht wie die Helden der französischen Transvestitenkomödie Ein Käfig voller Narren. Das größte Plakat des 67. Filmfestivals von Cannes zeigt nicht etwa das neue Werk der belgischen Regie-Brüder Dardenne, nicht den neuen Godard-Film in 3-D und auch nicht Lost River, das Regiedebüt des hippen Schauspielers Ryan Gosling. Das Plakat ist quer über die Fassade des Grand Hotel Ritz Carlton gespannt und macht Werbung für The Expendables 3, einen Film, der Altstars wie Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger und Harrison Ford versammelt und ebenfalls nicht auf dem Festival läuft. Vorgestellt wird er auf dem parallel zum Kinoereignis Cannes stattfindenden Filmmarkt, wo fünftausend Firmen ihre nur zu einem Bruchteil festivaltauglichen Produktionen kaufen und verkaufen. Und wenn Thierry Frémaux als künstlerischer Leiter von Cannes nun Ferraras Welcome to New York zeitgleich mit seiner Premiere als Video-on-Demand mitpräsentiert, dann heißt das letztlich nur eines: dass die Grenze zwischen Cannes, dem Tempel, und Cannes, dem Freudenhaus, stärker als je zuvor mit allerlei Türchen, Durchbrüchen, offiziellen Überführungen und geheimen Gängen durchsetzt ist.

Die kommerzielle Vulgarität oder vulgäre Kommerzialität von Cannes mag einen vorübergehenden Hoch- oder auch Tiefpunkt erreicht haben mit dem inoffiziellen Festival-Stempel für Welcome to New York. Man sollte aber nicht vergessen, dass die großen Festivals dieser Welt schon immer Event, Markt und Jahrmarkt waren. Wie andere Festivals auch muss sich Cannes die Frage stellen, wie es als physischer Ort bestehen kann angesichts der Konkurrenz durch das Netz, durch Downloads und Mausklicks. Tatsächlich scheint Cannes trotz der düsteren Prophezeiungen der letzten Jahre allen virtuellen Wirbelstürmen zu widerstehen – so wie die sich biegenden Palmen an der Croisette. Der rote Teppich lässt sich immer noch nicht digitalisieren. Und wirft nicht jeder Skandal und Pseudoskandal, jede peinlich coole Strandparty, jede Fußballerfrau auf dem roten Teppich ein Schlaglicht auf das Festival und seinen klassischen Kern? Auf diese einmalige, unwiderstehliche Einheit von Ort, Zeit und Leinwand, Publikum und Kinobild?

Eine "exquisite Regisseursfamilie" beherrscht seit Jahren das Festival

Es spricht jedenfalls für die Kraft des Kinos, dass die Show und Freakshow des Bilderproduzierens und -verkaufens in Cannes auch als solche auf die große Leinwand gebracht wird. Und zwar mit jener Selbstironie, die nur aus der Wahrhaftigkeit entstehen kann: In Maps to the Stars zeichnet der Kanadier David Cronenberg ein so grausames, abgründiges Bild von Hollywood, dass man in manchen Szenen am liebsten das Gesicht in der Plüschlehne des Kinosessels vergraben würde. Ein esoterischer Schauspielertherapeut, ein zynischer Kinderstar, eine schizophrene Pyromanin, ein hübscher Chauffeur, der Drehbuchambitionen, aber nichts in der Birne hat, und eine vom Narzissmus zerfressene Schauspielerin – das sind die Figuren von Maps to the Stars. Verbunden sind sie durch eine mystische Geschichte über eingebildeten und tatsächlichen Inzest. Der Inzest und sein Symptom, die – in diesem Fall moralische – Degeneration, schweben wie ein Fluch über Cronenbergs Aufnahmen der Hollywood Hills und ihrer luxuriösen Villen. Mia Wasikowska spielt eine junge Frau, die einst als Kind versuchte, gemeinsam mit ihrem Bruder Selbstmord zu begehen, und dabei das Elternhaus in Brand setzte. Nach Jahren in der Psychiatrie kehrt sie zurück nach Los Angeles. Als Nemesis mit vernarbtem Gesicht und schwarzen Handschuhen heuert sie als Assistentin bei einer alternden Schauspielerin mit schwindendem Ruhm (Julianne Moore) an. Cronenberg filmt Klubgespräche von Jungschauspielern, die buchstäblich ihre Scheiße verkaufen, Gagenverhandlungen als versteckte Demütigungsrituale, breitgelächelte Begrüßungsfloskeln, unter denen die Verachtung brodelt. Den Gipfel der Verlogenheit markiert eine Szene, in der die von Julianne Moore gespielte Figur Besuch von ihrer Agentin bekommt, die ihr mitteilt, dass der kleine Sohn ihrer Konkurrentin ertrunken sei. Bahn frei für die Rolle! Ganz der Profi, schafft es die Schauspielerin, noch einen Moment lang glaubwürdig Betroffenheit zu heucheln. Dann stürmt sie in den Garten, hüpfend, singend und tanzend zu einem alten Hippie-Hit: "Na, na, na, na, hey, hey, good-bye!"

Maps to the Stars ist ein kruder Reigen, ein bisschen trashig, ein bisschen chaotisch. Aber seine Bilder erschaffen eine hypercleane Unheimlichkeit. Das Schlimmste, was einem Star in diesem Film passieren kann, ist es nicht, einem profanen Gewaltverbrechen zum Opfer zu fallen, sondern: den Schädel mit einer Statue eingeschlagen zu bekommen, die weder Oscar noch Golden Globe ist.