Der Henker Gottes ist ein radikaler Islamist, er heißt Abubakar Shekau und ist Anführer der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram. Er tötet alles, was er für westlich hält, auch Christen und gemäßigte Muslime. Gerade hat er über 200 Mädchen entführt, denn für Boko Haram beten sie zum falschen Gott und müssen "umerzogen" werden. Wer sich widersetzt, wird umgebracht. "Gott ist groß."

Religionskriege, schreibt der im vergangenen Jahr verstorbene amerikanische Rechtsphilosoph Ronald Dworkin, "sind wie ein Fluch, der auf unserer Spezies lastet. Überall auf der Welt bringen Menschen andere Menschen um, weil sie deren Götter hassen." Selbst wenn kein Blut fließe, sei es trostlos, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Hier tobe ein Krieg ohne Schlacht; militante Evangelikale kämpfen gegen Andersgläubige, und eifernde Atheisten kämpfen gegen alle. Im Namen Gottes oder im Namen der heiligen Wissenschaft.

Wie kann man religiöse Fanatiker zur Vernunft bringen und den Krieg der Glaubensrichtungen beenden? Gotthold Ephraim Lessing hatte vorgeschlagen, die Religionen sollten ihren absoluten Wahrheitsanspruch relativieren, da niemand wissen könne, wer den "Ring der Wahrheit" wirklich besitze. Wer Lessings Ringparabel aus seinem Drama Nathan der Weise (1779) als Zumutung empfindet, für den ist Dworkins Vorschlag vermutlich ein Skandal: Verständigung, schreibt er, gebe es nur, wenn sich die monotheistischen Religionen aufrafften, ihren Gott für einen Augenblick zu vergessen, und mit Anders- und Nichtgläubigen in den nächtlichen Sternenhimmel schauten. Der grandiose Anblick des Kosmos müsste genügen, um die Streithähne von ihrer Zwietracht zu heilen. Jeder, der Augen im Kopf und ein Herz im Leib hat, wird überwältigt vom Schweigen der Räume, vom Tanz der Quarks und von der Unendlichkeit der Galaxien. Und das Staunen im Angesicht des Erhabenen, sagt Dworkin, ist nicht irgendein Gefühl, es ist ein religiöses Gefühl, und auch ein Atheist wird von ihm ergriffen. Man braucht keinen Gott, um vor der "leuchtendsten Schönheit" des Universums in die Knie zu gehen. "Religion ist etwas Tieferes als Gott."

Schweigen der Räume? Das erinnert an den faszinierenden Religionsphilosophen, Physiker und Mathematiker Blaise Pascal (1623 bis 1662), doch leider nur auf den ersten Blick. Pascal war absolut modern, er traute den menschlichen Gefühlen nicht und wollte lieber auf Gott wetten. Ganz anders Dworkin in seinen Einstein-Vorlesungen, die er in Bern gehalten und die er noch kurz vor seinem Tod zu diesem Buch ausgearbeitet hat: Für ihn sind die Gefühle, die uns beim Anblick des Erhabenen ergreifen, transsubjektive Empfindungen; das Numinose des Universums ist für Dworkin also weder eine Täuschung noch ein Produkt unserer Sinnesorgane – es ist die innere Repräsentation einer äußeren Wirklichkeit. Die "Ehrfurcht gebietenden Gefühle" bezeugten eine Macht, "die größer ist als wir", und diese "Macht des Wunderbaren" wohne hinter den Erscheinungen und sei genauso real wie Planeten oder Kopfschmerzen.

Mit einem Wort: Dworkins religiöser Atheismus muss keine Wetten abschließen; das Erhabene ist für ihn wirklich wirklich, es "ist nicht Teil der Natur, sondern etwas jenseits von ihr, das wir selbst dann nicht werden erfahren können, wenn wir noch die Gesetze der Physik endlich verstanden haben. Einstein glaubte fest daran, dass das Universum von einem objektiven Wert durchdrungen ist, der weder ein Naturphänomen noch eine subjektive Reaktion auf ein Naturphänomen ist."

Wer sich über so viel kosmischen Platonismus wundert, der wird erst recht über seine irdischen Weiterungen erstaunt sein. Dworkin, der berühmte Theoretiker der liberalen Gesellschaft, verbindet nämlich nicht nur Schönheit mit Wahrheit, sondern er fusioniert Schönheit auch mit Ethik und Moral – der objektive intrinsische Wert des Kosmos, der sich ästhetisch offenbart, verpflichte die Menschen dazu, ihrer Existenz Wert und Bedeutsamkeit zu verleihen. "Jeder Einzelne hat eine angeborene und unausweichliche Verantwortung, danach zu streben, ein gutes Leben zu führen." Und die moralische Konsequenz lautet: Jeder muss "das Leben anderer Menschen entsprechend achten".

Die Ableitung von (Selbst-)Verantwortung aus dem kosmisch Schönen? So etwas hat schon lange kein Philosoph mehr behauptet, aber genau das tut Dworkin. Er verstand sich als religiöser Atheist, das heißt: Er glaubte zwar nicht an Gott, wohl aber an die sinnhafte Einheit des Kosmos und die Versöhnung von Glauben und Wissen. Auf keinen Fall wollte er den Naturwissenschaften das Feld überlassen, denn angenommen, diese würden eines Tages kalt lächelnd verkünden, unsere Abscheu vor Grausamkeit gehöre einer entwicklungsgeschichtlich überholten Stufe der Menschheit an, dann stünde ein säkularer Geist mit leeren Händen da. Nicht aber der religiöse Atheist. Sein "Werterealismus" könne zeigen, dass unsere moralischen Überzeugungen nichts Erfundenes seien, sondern etwas Objektives und von uns Entdecktes – sie seien real und gehörten gleichsam zur Hintergrundstrahlung des Universums. Unsere ethischen Überzeugungen, schreibt Dworkin den postmodernen Relativisten ins Stammbuch, "könnten wir nicht haben, ohne zu denken, dass sie objektiv wahr sind".