Auf einmal liegt Europa in Hamburg. Es ist ein sonniger Nachmittag im März, bis zur Wahl am 25. Mai sind es noch zwei Monate. Und auf Kampnagel springen die Leute auf und applaudieren im Stehen für Europa.

Martin Schulz ist in Hamburg, der Spitzenkandidat der SPD zur Europawahl. Er hat soeben zum Wahlkampfauftakt eine Kampfrede gehalten, hat laut und gestenreich seine Vision von einem Europa der Bürger in den Saal gerufen. Nun steht er gut gelaunt auf der Bühne und winkt in den Raum. So sieht die Hoffnung der SPD für Europa aus.

Im Abseits steht Knut Fleckenstein. Er macht ein ernstes Gesicht und schweigt. So sieht die Hoffnung der Hamburger SPD für Europa aus.

Fleckenstein sitzt seit der letzten Wahl 2009 im EU-Parlament. Damals hatte die SPD in Hamburg mit 25,4 Prozent ihr schlechtestes Europawahlergebnis aller Zeiten eingefahren. Die Wahlbeteiligung lag bei 34,7 Prozent, das selbst ernannte Tor zur Welt hatte maximales Desinteresse an Europa gezeigt.

Aber dieses Mal soll alles anders werden. Die Europawahl ist für den SPD-Senat von Olaf Scholz eine Art Zeugnistag. Und Knut Fleckenstein soll das Ergebnis rausreißen.

Nach dem Auftakt auf Kampnagel. Fleckenstein, Zigarette im Mundwinkel, steht am Ausgang und blickt Schulz und seinen jubelnden Anhängern hinterher. "Immerhin", sagt er, "haben die Bürger mit Schulz eine Figur, an der sich die EU-Politik der SPD festmachen lässt. Das vereinfacht es den Wählern, sich zu entscheiden." Er weiß, dass es von jetzt an ein anderer Wahlkampf wird. Ohne Applaus im Stehen.

Fleckenstein ist gelernter Bankkaufmann, 60 Jahre alt. Er ist Mitglied des EU-Verkehrsausschusses und Vorsitzender der EU-Russland-Delegation. Er kümmert sich um Themen wie "Port Package III" oder die "Liberalisierung der Bodenverkehrsdienste". Kernthemen, ungeeignet für laute Sprüche.

Nein, er ist nicht der Mann, der zur Rampensau taugt. Sein Name stand schon auf dem Plakat zur Veranstaltung auf Kampnagel kleiner unter dem von Martin Schulz. Es ist die erste Europawahl, für die die Parteienfamilien EU-weite Spitzenkandidaten aufgestellt haben.

Fleckenstein nimmt es gelassen, dass er im Schatten steht. Die Jahre in Brüssel und Straßburg, sagt er mit Brummstimme, hätten ihn ruhiger gemacht. "Vielleicht weil ich jetzt weiß, was möglich ist und was nicht." Zu seinem Repertoire gehört auch der Satz: "Ich weiß es nicht." Das ist auf viele Fragen der Europapolitik zwar keine falsche Antwort, sie versetzt Wähler aber auch nicht zwingend in Begeisterung. Damit tut sich Fleckenstein ohnehin schwer, das zeigen ein paar Tage an seiner Seite, im Hamburger Europawahlkampf.

Ein Samstag auf dem Osterstraßenfest. Vor dem SPD-Stand steht ein Plakat mit Fleckensteins Foto. Die meisten Menschen bummeln einfach weiter, nur wenige sehen vom Plakat hoch, kurzer Aha-Moment: Der Kandidat ist da. Und wer ist das jetzt? Dann bummeln auch sie weiter.

Eine Frau hat Fleckenstein soeben auf das Freihandelsabkommen mit den USA angesprochen, ein seltener Moment. Seine Kernthemen, Verkehr und Russland, kann Fleckenstein sonst selten anbringen. Trotz Ukrainekrise, trotz Tarifstreit des Boden- und Kabinenpersonals auch am Hamburger Flughafen: Die Schnittmengen von Europa und Hamburg überlappen sich selten mit dem Lebensgefühl der Hamburger. Das macht Fleckensteins Sache nicht einfacher.