Bei einem geordneten Rückzug, das weiß man aus den großen Schlachten der Weltgeschichte, zieht sich eine Armee aus einem Gefecht zurück, um Schlimmerem vorzubeugen. In der Finanzwelt heißt derlei "geordnete Abwicklung", und seit einiger Zeit gibt es immer mehr Lebensversicherer, die ähnlich vorgehen: Sie stellen das Neugeschäft ein. Entweder komplett oder für einzelne Produkte. Doch was bedeutet das? Vor allem für die Kunden?

Run-off heißt das Lahmlegen von Geschäftsfeldern im Versicherungsdeutsch. Unternehmen verkaufen keine neuen Verträge mehr, sondern lassen nur noch die bestehenden Verträge auslaufen. In der Sachversicherung ist das nichts Ungewöhnliches, dort haben schon rund 85 Prozent der Unternehmen laut einer Marktstudie der Wirtschaftsprüfer von KPMG Produkte lahmgelegt: Haftpflicht-, Rechtsschutz-, Kfz- oder Unfallpolicen. Das Geschäft war für sie nicht rentabel genug.

Nun kommt es auch bei kapitalbildenden Lebensversicherungen und Rentenversicherungen zunehmend zum Ausstieg von Anbietern. Sieben von rund 90 Lebensversicherern haben ihn seit 2009 komplett vollzogen, unter ihnen die Bayerische Beamten Versicherung, Delta Lloyd mit der Tochter Hamburger Leben, Heidelberger Leben, Plus Leben, Skandia und Victoria. Andere klagen bereits vernehmlich, dass gewisse Produkte wie Riester-Policen kaum noch Erträge abwerfen. Einige erwägen wohl, aus bestimmten Produkten auszusteigen, zumindest lassen jüngste Aussagen bei Branchentreffen das vermuten. "Angesichts des heutigen Marktumfelds steht für manch einen Versicherer das Geschäft mit Lebensversicherungen nicht mehr im Fokus", fasste es der Vorstandschef der Heidelberger Leben zusammen, die künftig zur Abwicklungsplattform für andere werden will.

Die Unternehmen selbst verkaufen ihren Rückzug gern als "geschäftspolitische Entscheidungen" und begründen ihn meist mit der "Konzentration auf Kerngeschäftsfelder", "organisatorischen Anforderungen" oder "Neupositionierungen". Nur selten nennen sie "unbefriedigende Performance" als Grund. Der Branchenverband GDV sieht in den Marktausstiegen "keinen systematischen Trend", er sagt: "Es handelt sich jeweils um individuelle Entscheidungen einzelner Unternehmen." Für Analysten wie Lars Heermann von der Rating-Agentur Assekurata dagegen ist klar: "Die Konsolidierung hat eingesetzt. Die Marktbereinigung nimmt zu."

Die niedrigen Zinsen der Notenbanken erschweren es den Versicherern, mit dem Kapital der Kunden hohe Renditen zu erzielen. Zuletzt erwirtschafteten sie bei im Schnitt 4,6 Prozent. Dass sie vielen Kunden in den neunziger Jahren Garantiezinsen von vier Prozent zugesagt haben, wird da zur Last. Viele Verträge laufen erst in 20 bis 30 Jahren aus, und keiner weiß, wie lange die Zinsen so niedrig bleiben. Weitere Run-offs sind denkbar.

Indirekt wirkt sich die Einstellung des Neugeschäfts auch auf die Bestandskunden der betroffenen Lebensversicherer aus. Insgesamt sind das mehr als drei Millionen Kunden, also jeder dreißigste Vertrag in Deutschland. Es geht um rund 88 Milliarden Euro Versicherungssumme und gut 34 Milliarden Euro an Kapitalanlagen. Das sind zwar nur vier Prozent aller Kapitalanlagen. Doch spätestens seit die Victoria, eine Tochtergesellschaft des Ergo-Konzerns, 2010 ihre Aufgabe verkündete, ist klar: Nicht nur die Kleinen trifft es.

Die Kunden sind alarmiert: Müssen sie um die Stabilität der betreffenden Versicherer fürchten? Die Finanzaufsicht BaFin beschwichtigt. "Insolvenz ist derzeit ein Randthema", betont eine Sprecherin, "aber die Reaktion der Öffentlichkeit zeigt: In Deutschland gilt der Run-off immer noch als Versagen der Versicherer. Selten wird er als bewusste Unternehmensentscheidung wahrgenommen." Die Gründe für die Entscheidung geben die Anbieter meist nicht preis. Müssen sie auch nicht. Nicht einmal der Aufsichtsbehörde gegenüber. So rätseln selbst Analysten. Zwei Fälle, sagt Lars Heermann, seien tatsächlich auf die Ertragsschwäche der Versicherer zurückzuführen, "bei den meisten müssen es andere Dinge gewesen sein". Viel wird spekuliert – auch darüber, wer der Nächste sein könnte.

An Bilanzkennzahlen, wie der Solvabilitätsquote zur Eigenmittelausstattung des Versicherers, "erkennt man es jedenfalls nicht", winkt Heermann ab. Die ist bei zwei Abwicklungsunternehmen sogar ausgesprochen gut. Woran also dann? "Gute Frage, das wüssten wir auch gerne."