Die Fotos zeigen einen schmächtigen Mann mit einem Baby. Unsicher, fast scheu schaut er in die Kamera, das Bündel auf seinem Arm wirkt beinahe größer als er selbst. Der Mantel sieht aus wie vom Großvater geliehen. Neben ihm steht seine Frau, die Schultern hochgezogen, das Gesicht von einer braven Ponyfrisur eingerahmt, verkrampft drückt sie einen Strauß roter und weißer Blumen an die Brust. Wir sehen: Wladimir und Ljudmila Putin beim Verlassen des Krankenhauses nach der Geburt ihrer ersten Tochter Maria in Leningrad.

Eine andere Aufnahme, ein Jahr später: Derselbe Mann, aus dem Säugling ist ein Kleinkind geworden. Putin trägt die Haare jetzt ein wenig länger. Er schaut in die Kamera, unwillig, aber auch herausfordernd. Im Hintergrund Siebziger-Jahre-Möbel, er trägt einen Trainingsanzug: Putin in seiner Dresdner Wohnung, wo er von 1985 bis 1990 als KGB-Agent eingesetzt war. Zwei Bilder, zweimal Putin, wie er einmal war.

Wie konnte aus dieser unscheinbaren Gestalt dieser Wladimir Putin werden: der Mann, der heute ein Achtel der Weltfläche beherrscht, der sich als Inbegriff des Maskulinen inszeniert und mit bloßem Oberkörper posiert, ein Mann, den Europa fürchtet?

Kein Spitzenpolitiker ist derzeit so präsent und zugleich so rätselhaft wie Putin. Bei den doppelten Wahlen am Wochenende – in Europa und der Ukraine – steht indirekt auch Putin zur Wahl: als heimlich-unheimliche Führungsfigur der Rechten, als Vertreter eines anderen Europas.

Putins Bild ziert internationale Titelseiten, mal wird er als starker Mann gefeiert, mal als Macho inszeniert, mal als Hitler verunglimpft und mal als Dragqueen veralbert. Aus dem Hänfling von einst ist eine Ikone geworden.

Wer ist dieser Mann, was ist sein Weltbild, warum fordert er Europa heraus? Oder, provokativer gefragt: Was hat er, was der Westen nicht hat?

Biografien haben Putin als Patrioten gezeichnet, als Tyrannen, als Businessman. Doch mit dem Angriff auf die Krim hat Putin selbst alle Putin-Bilder zum Einsturz gebracht. Gerade entsteht ein neues Bild, eines, das man aus vielen Mosaiksteinen zusammensetzen muss, aus Beobachtungen, aus Gesprächen mit denen, die ihn kennen, mit ihm gesprochen haben, mit Freunden und Gegnern.

Eine Schlüsselrolle für die Geschichte von Wladimir Putin, darin sind sich die meisten Beobachter einig, spielt seine Zeit in Dresden. Im Sommer 1985 erwachte in der Sowjetunion die Perestroika unter Gorbatschow. Wladimir Putin hatte seinen sehnlichsten Jugendwunsch realisiert und beim KGB angeheuert. Er wurde nach Dresden geschickt. Putin habe hier deutsches Bier und Stollen lieben gelernt. Er wurde dick. Das berichtet seine Frau später. Ihr Mann sei mit Konfektionsgröße 46 ein- und mit Größe 52 wieder ausgereist. Wichtiger aber: In Dresden lernte Putin die Demokratie kennen. Und fürchten.

Dresden, Angelikastraße 4, 6. Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall. Wladimir Putin ist in der KGB-Zentrale mit dem Vernichten von Akten beschäftigt, da tauchen Demonstranten vor dem Haus auf. Kurz zuvor war schon die benachbarte Stasi-Zentrale besetzt worden. Panisch ruft Putin bei den russischen Streitkräften an, doch von dort kommt die Antwort, ohne Befehle von ganz oben könne man ihm leider nicht helfen.

Putin soll einen Moment lang überlegt haben, sich mit Waffengewalt zu wehren, dann wählte er eine andere Verteidigungstaktik: die Tarnung. Er sei nur der Dolmetscher, log er. Bald zogen die Demonstranten ab. Putin blieb zurück, mit der Erfahrung, in der Not allein zu sein. "Ich begriff, dass die Sowjetunion krank war. Es war eine tödliche Krankheit namens Lähmung. Eine Lähmung der Macht", erzählt Putin später in einer autorisierten Biografie.

Die Dresdener Jahre machten Putin zum Außenseiter. Er lebte als Fremder in der untergehenden DDR und entfremdete sich zugleich von seiner Heimat. Dort standen die Zeichen auf Wandel. Glasnost und Perestroika drangen zu Putin nur von ferne – aus dem Fernseher. So verpasste er jene Phase der Geschichte seines Landes, in dem erstmals seit Langem so etwas wie Pluralismus zu entstehen schien.

Der Westen blieb für Putin Sehnsuchtsort und Gegenstand großer Enttäuschung. Zwei wichtige Reden zeigen im Vergleich, wie stark sich das Verhältnis Putins zum Westen, zu Europa und den USA verändert hat – und in welchem Maße er sich selbst verändert hat: Die Ansprache vor beiden Kammern des russischen Parlaments zur Annexion der Krim im März 2014 und die Rede vor dem deutschen Bundestag 2001.

Damals trat er vorsichtig ans Rednerpult, nestelte an seiner Krawatte, räusperte sich mehrmals. "Ich rede auf Russisch, ja?" Putin erinnerte an den Fall der Mauer, als "die Ideen der Freiheit die totalitär-stalinistische Ideologie" besiegten. Er rief schließlich in einem weichen, fast gesungenen Deutsch dazu auf, Europa mit Russland zu vereinigen: "Russland ist ein freundliches europäisches Land."