13 Jahre später steht da ein anderer Putin am Pult. Einer, der fast aus dem Anzug platzt vor Selbstbewusstsein, als er im Georgsaal des Moskauer Kremls mit Stakkato-Stimme begründet, warum Russland sich die Krim habe einverleiben müssen. Zugleich klagt er den Westen an: Irakkrieg, die Bombardierung Serbiens, die Anzettelung von Revolutionen. "Unsere westlichen Partner bevorzugen das Gesetz des Gewehrs." Der Westen verhalte sich "primitiv und zynisch", erklärt der Mann, der höchstpersönlich verkündet hatte, er werde Terroristen zur Not "auf dem Scheißhaus ausradieren".

Zwischen diesen beiden Auftritten liegen der Einmarsch der Amerikaner im Irak, der Beitritt der baltischen Staaten zur Nato 2004, die Farbenrevolutionen in Georgien und der Ukraine, der russisch-georgische Krieg 2008, die Aufrüstung der russischen Armee und Militarisierung der Politik, die Putin seit seinem Amtsantritt betrieb.

Immer wieder und immer häufiger geriet Putin mit dem Westen aneinander. Hinter den Demonstrationen in Georgien und der Ukraine vermutete er die CIA, in den Demonstrationen auf dem Maidan sah er Vorboten heraufziehender Unordnung. Die Nato-Erweiterung verstand er als "Einkreisung". Bei einer Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 warf er den USA vor, mit "unbegrenzter Gewalt und Völkerrechtsbrüchen" Weltpolitik zu machen. Das war die Wende: Der Westen wurde zum Gegner.

Wirtschaftsunternehmer, Politiker, Diplomaten sind in den letzten Monaten zu Putin gereist. Er beschreibt sich diesen Gästen gegenüber als einen, der immer geworben habe um den Westen, aber zurückgestoßen worden sei. Die EU habe Russland das Gespräch verweigert, als man über das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine habe reden wollen, das der damalige Präsident Janukowitsch verhandelt hatte und in dem nun so viele eine der Hauptursachen der Eskalation sehen. Putin, so der Eindruck der Gesprächspartner, ist gekränkt.

Er trifft darin das Empfinden vieler Landsleute. Ablehnung durch den Westen ist ein altes russisches Trauma. Schon das Zarenreich und die Sowjetunion suchten westliche Anerkennung. Wenn Obama Russland als "Regionalmacht" bezeichnet, schmerzt das Putin. Mehr noch: Als einer, für den der Zerfall der Sowjetunion die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" war, fühlt er sich persönlich angegriffen.

Jetzt will er es dem Westen zeigen. Gerade war Putin in Shanghai und unterschrieb mit den Chinesen Verträge über Rohstofflieferungen in Milliardenhöhe. So zeigt er Russlands Unabhängigkeit und die Einigkeit mit China. Rohstoffabkommen sind Machtfragen und für Putin auch eine Form der Vergeltung.

Seine Landsleute nennen ihn: den Deutschen. Sie meinen damit seine nüchtern-realistische Einschätzung von Kräfteverhältnissen, seine Disziplin, seine Effizienz, seinen Sinn für Ordnung. Wenn Putin mit der Bundeskanzlerin telefoniert, dann sprechen die beiden am Anfang und am Ende ein bisschen Russisch, der Hauptteil der Gespräche läuft auf Deutsch, weil Putin besser Deutsch kann als Merkel Russisch. Die beiden duzen sich, noch immer. Putin kann witzig sein, schlagfertig. Doch wenn er sich in die Enge getrieben fühlt, erstarrt er. Merkel ist einer der wenigen westlichen Politiker, die den Gesprächsfaden zu Putin nie haben abreißen lassen. Sie ist vielleicht die Einzige, die ihm deutlich die Meinung sagt: dass die Annexion der Krim nicht akzeptabel sei zum Beispiel. In solchen Momenten beginnt Putin, Russisch zu sprechen. Er trägt dann vom Sprechzettel die offizielle Position vor, alles Konziliante ist wie weggewischt. Putin ist dann zwar am Apparat, aber nicht mehr erreichbar.

Auch Merkel hatte Putin für realistisch gehalten, kein angenehmer Gesprächspartner, aber ein verlässlicher. Im Laufe der letzten Monate musste sie feststellen: Putin ist unberechenbar geworden. Er erklärte erst, er habe kein Interesse an der Krim und keine Soldaten dort, später räumte er ein, das sei nicht wahr gewesen.

Dennoch sind ihm die Gespräche mit Merkel wichtig, Deutschland ist ihm wichtig. Er schätzt die wirtschaftliche Stärke. Putin erzählt Gästen aus Deutschland oft, welche große Bedeutung die gemeinsame Geschichte für ihn habe. Geschichte spielt auch eine wesentliche Rolle in der Ukraine-Frage. Putin brachte unlängst den Begriff Noworossija, Neurussland, auf – eine historische russische Bezeichnung für ein Gebiet, das die halbe Ukraine vom Donbass bis Odessa umfasst. Putin will Geschichte schreiben – und kontrolliert genau, wie sein Porträt in der Ahnengalerie aussehen soll. Kaum ein Präsident hatte so viel Zeit, sein Image zu prägen. Kein westlicher Politiker konnte Informationen über die eigene Person so kontrollieren wie Putin. Dabei half ihm nicht nur die Zeit beim KGB, sondern auch, dass er vor seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten 1999 völlig unbekannt war.

Nach seiner Rückkehr aus Dresden leitete Putin in seiner Heimatstadt St. Petersburg die Abteilung für Außenbeziehungen. Deshalb reiste er oft nach Hamburg. Henning Voscherau, damals Bürgermeister, erinnert sich an Putins forschen Spruch: "Herr Bürgermeister, das Problem wird in 30 Minuten nicht mehr existieren." Erst als Boris Jelzin ihn 1999 zu seinem Nachfolger ernannte, bekam Putin ein Gesicht. Als die ZEIT wenige Monate nach seinem Amtsantritt ein Interview mit ihm führte, saß Putin an einem auf Hochglanz polierten Holztisch. Wieder war er freundlich-nervös, etwas steif, schmal, unscheinbar, immer wieder blickte er zu Boden. Die Position des russischen Regierungschefs schien noch zu groß für diesen Mann, der immer im Hintergrund gewirkt hatte. Das bemerkten auch die alten Herren hinter ihm wie Jewgeni Primakow, Ex-Außenminister und einer seiner Berater.

Aus diesem Bürokraten musste ein starker Mann gemacht werden.

Putin war klein – die offiziellen 170 Zentimeter dürften großzügig aufgerundet sein, wie jeder weiß, der ihn aus der Nähe gesehen hat –, aber er war kein Hänfling mehr. Bereits in seiner Jugend hatte er Sambo trainiert, eine Kampfsportart, später war er auf Judo umgestiegen. Nun musste noch irgendeine neue Story dazukommen und ein Gegenentwurf zum betrunkenen, körperlich angeschlagenen Jelzin.

Der Tschetschenienkrieg, den Moskau 1999 vom Zaun brach, bot die Gelegenheit. Putin war zwar nicht oft an der Front, aber er verstand es, den Eindruck zu erwecken, er befehlige den Einsatz persönlich. So entstand das Image des glorreichen Feldherrn. Danach bändigte Putin die renitenten russischen Regionen. Gouverneure wurden nicht mehr gewählt, sondern von Putin bestimmt. Das Staatsfernsehen erhob ihn zum "Sammler der russischen Erde", ein alter russischer Begriff. Vom Jahr 2000 an explodierte Putins Popularitätsrate – ebenso wie der Ölpreis, der es ihm erlaubte, Löhne und Sozialleistungen kräftig zu erhöhen.

Putin feilte eifrig am eigenen Porträt. In einer autorisierten Biografie, die 2000 erschien, berichtet er von zahllosen Schlägereien auf der Straße und in den Innenhöfen von Leningrad, in denen die Kinder der Nachkriegszeit gerne spielten. "Ich war kein Pionier. Ich war ein Hooligan", sagte Putin von sich. Es sei bemerkenswert, dass ein Mann, der die Chance habe, seine Geschichte selbst zu erzählen, sich die "Autobiografie seines Schlägers" zulege, schreibt die Putin-kritische Journalistin Masha Gessen in einer nicht autorisierten Biografie.

In TV-Reportagen bekennen Russinnen seither, erotische Träume von Putin zu haben. Die Spindoktoren haben Putins durchtrainierten Körper entdeckt. Auf einmal sah man ihn überall in Heldenpose: als tauchenden Entdecker von antiken Amphoren, sexy im knappen Badekostüm. Putin, der Kampfflugzeugpilot. Putin, der Eishockeystar. Putin, der Judokämpfer. Putin, der Reiter und Bobfahrer. Putin, der Angler unglaublicher Hechte. Russland hatte einen neuen Superstar.

In dieses Bild passte die altgediente Ehefrau Ljudmila, die im Laufe der Jahre ziemlich in die Breite gegangen war, natürlich schlecht. 2013 gab das Ehepaar bei einem Theaterbesuch beiläufig die Scheidung bekannt. Seither umwehten Affärengerüchte den Präsidenten. Mal wurde ihm eine Liaison mit Alina Kabajewa nachgesagt, einer Olympiasiegerin in rhythmischer Sportgymnastik. Mal sollte die Opernsängerin Anna Netrebko seine Geliebte sein. Kabajewa hat sich – so ist zu hören – inzwischen einen Oberst geangelt, Netrebko bekam ein Kind von einem Tenor.

Anders als Silvio Berlusconi, mit dem Putin sich bestens verstand, ließ der russische Präsident sich nie demonstrativ mit Frauen sehen. Er sei "mit Russland verheiratet", ließ der Regierungschef wissen. Auch seine Töchter Maria und die in Dresden geborene Jekaterina tauchen seit Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit auf, dabei soll Putin seit zwei Jahren Großvater sein.