Putin arbeitet gern nachts, steht spät auf und zieht vormittags seine Runden im Schwimmbad, bevor er Gäste empfängt. Seine Verspätungen sind legendär, Staatsgäste lässt er bis zu vier Stunden warten, pünktlich erscheint er nur zum Sport und zur Jagd. Einer, der ihn gut kennt, erzählt, wie stolz Putin auf seinen Körper und seine Fitness ist. Ihm erzählte Putin einmal, wie er in der unruhigen Republik Dagestan mit acht Leuten durch einen Fluss geschwommen sei, während im Dickicht islamistische Rebellen saßen. Auch ein eindrucksvolles Bild: Putin, der Retter Russlands. Dieses Image ist bis heute von keinem Oppositionellen und keiner Krise erschüttert worden. Seit der Eroberung der Krim hat Putin wieder Rekordwerte in den Umfragen.

Wladimir Putin herrscht unumstritten. Der Mann, der in seiner Jugend viel Unsicherheit erlebt hat, könnte sich sicher fühlen, tut es aber nicht. Eine Restangst wandert immer mit ihm. Deshalb sorgt er vor: im Staat und in der Vorratskammer. Den russischen Staat hat er zu einer Festung ausgebaut. Die Parteien sind – mit Ausnahme der Kommunisten – Erfindungen des Kremls. Die Medien sind in Staatshand, wie die lebenswichtige Rohstoffindustrie. Neue Gesetze sollen das Internet unter Kontrolle bringen.

"Nie wieder soll Russland auf die Knie sinken wie in den neunziger Jahren" ist Putins Ziel. Also legt er Vorräte an: Russland hat unter seiner Führung fast 500 Milliarden Dollar Devisenreserven aufgehäuft. Das Land hat strategische Lebensmittelreserven, auf Rohstoffen sitzt es ohnehin. Der Staat, sagte Putin 2012, "muss gegen Schocks von außen geschützt sein".

Unabhängigkeit ist Putin auch persönlich wichtig. Schon in Dresden sparte die Familie eisern, wie Ljudmila Putina sich erinnert. Erst für ein Auto, dann für einen Fernseher, schließlich für einen Videorekorder. Seine Frau verriet, was sie in Dresden bekamen: 800 DDR-Mark und einen kleinen Betrag in Dollar.

Was Putin heute verdient und hortet, ist das bestgehütete Staatsgeheimnis Russlands. Sein offizielles Einkommen liegt bei 75.000 Euro im Jahr. Amerikanische Geheimdienste wollen wissen, dass Putin lukrative Anteile an dem Schweizer Ölhandelskonzern Gunvor besitzt. Der Geschäftsmann Sergej Kolesnikow behauptete, er habe Putin geholfen, einen Palast am Schwarzen Meer zu bauen – was Putin dementieren ließ. Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow sagte, Putin verfüge über mindestens zwanzig Villen und vier Jachten. Beweise fehlen. Biografin Masha Gessen bescheinigt Putin ein "extravagantes und auffallend egoistisches Verhältnis zum Geld". So habe Putin bereits als Grundschüler eine Armbanduhr getragen, eine Seltenheit im damaligen Leningrad, und erstaunlich, weil seine Eltern arm waren. Später als Präsident wurde Putin bekannt für sein Faible für teure Armbanduhren, die er am rechten Handgelenk trug – worauf alle Apparatschiks sofort ebenfalls die Uhren rechts getragen hätten.

Putin sei kein Imperialist, nicht einmal ein richtiger Politiker, meint Biograf Stanislaw Belkowski, sondern eigentlich ein Mann der Wirtschaft, ein Businessman. Einem guten Geschäft, meint Belkowski, würde Putin jederzeit den Vorzug vor einer Gebietserweiterung geben. So, glauben auch Gesprächspartner, sei sein Verhältnis zur Ukraine zu verstehen: Im Moment sei Putin an einer Eroberung der Ukraine nicht gelegen, sie sei zu teuer. Dass ihm die wichtigen industriellen Zentren im Osten des Landes abhandenkämen, komme aber auch nicht infrage. Putin wolle eine russlandfreundliche Ukraine, in der er Einfluss, aber nicht zu viel Verantwortung habe.

Seit schärfere Sanktionen im Raum stehen, hat Putin mehrfach Einlenken signalisiert. Die Präsidentschaftswahl am 25. Mai, die er noch kürzlich als "absurd" ablehnte, unterstützt er nun. Sein wichtigstes Interesse, das hat Putin gegenüber europäischen Gesandten erklärt, gelte der Nato, die Ukraine dürfe nicht Mitglied werden. Durch die Einnahme der Krim hat er dies auf Jahre erreicht, denn ein territorialer Konflikt ist ein Ausschlusskriterium für einen Beitritt.

Seit Beginn der Krimkrise hat Putin seine Kontakte zu westlichen Politikern reduziert – und sie ihre zu ihm. Ein für Juni geplanter Gipfel in Sotschi wurde abgesagt. So wurde Schröders berüchtigte Geburtstagssause zu einem der raren Ereignisse, bei dem die Gesprächspartner sich ein Bild des Präsidenten machen und er sich zeigen konnte.

Der 28. April ist einer dieser lichten Petersburger Frühlingsabende. Die Nord Stream AG, Betreiber der Ostsee-Pipeline, hat zum Empfang in den Theatersaal des Jussupow-Palais geladen. Ein Orchester spielt Sibelius, Händel und Brahms. Der offizielle Teil des Empfangs endet mit einem verjazzten Happy Birthday. Als die ersten Gäste bereits gehen, fährt draußen eine schwere Limousine vor. Schröder begrüßt Putin mit einer Umarmung.

Nur eine kleine Gruppe Eingeweihter wusste vorher, dass Putin seinem alten Freund die Ehre geben würde. Nach einer kurzen Ansprache Putins und einem bisschen Smalltalk an den Stehtischen beginnt der private Teil des Abends. Schröder nimmt ein paar Gäste ins Schlepptau, man zieht gemeinsam zur Newa und besteigt dort eine Barkasse. Etwa zehn Leute sitzen schließlich an Bord um einen Tisch: Putin in der Mitte, ihm gegenüber der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Mißfelder, links von Putin der ehemalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau, rechts Schröder. "Putin war absolut unprätentiös", erinnert sich Voscherau später. Die Atmosphäre sei "privat, persönlich, herzlich" gewesen. In der Ukraine wird geschossen, auf der Newa gefeiert. Ist das nun ein Zeichen für Putins besonderen Zynismus? Oder dafür, dass der russische Präsident auch nur ein Mensch ist?

Inzwischen fühlt Putin sich dem Westen ebenbürtig, ja in mancher Hinsicht sogar überlegen, vor allem moralisch. Westliche Kreml-Besucher berichten, Putin sehe den Westen als dekadent an. An solcher Schwäche sei das römische Imperium zugrunde gegangen, argumentiert er.

Dagegen baut er sein erzkonservatives Gegen-Europa auf. Hierbei spielt das Christentum eine wichtige Rolle. Zu Beginn seiner Amtszeit 2001 führt Putin seinen Freund Schröder in die Erlöserkathedrale in Moskau. Seine Mutter habe ihn als Baby heimlich taufen lassen, offenbart der frühere KGB-Mann 2012 einer erstaunten Öffentlichkeit. Mit dem orthodoxen Glauben erst wird der russische Staat zum Bollwerk gegen westlichen Liberalismus und das anything goes . So lässt sich der amtliche Hass auf Homosexuelle und die Härte gegen Abweichungen aller Art begründen. Contest-Gewinnerin Conchita Wurst steht für das Bild, das sich der Kreml vom Westen macht: unnatürlich, abnorm und verdreht (siehe auch das Interview auf Seite 5).

Solche Ansichten haben weniger mit Christentum zu tun als mit einem von Bauchgrimmen umgetriebenen Konservatismus – und mit Machismo. Damit trifft Putin das Gefühl vieler russischer Männer. So sichert er seine Macht ab und macht zugleich selbst das optische Polit-Pin-up für die Massen. Mit Gerhard Schröder hat Putin nächtens Herrenwitze gerissen. Seine frühere Frau schildert ihn als wenig einfühlsam. "Kleine Freundin, inzwischen weißt du, wie ich bin. Ich bin eigentlich kein angenehmer Mensch", so eröffnete Putin schon 1983 – als er noch ein Milchgesicht hatte – ein Gespräch. Sie war sich schon sicher, dass er gleich Schluss machen werde, da habe er vorgeschlagen zu heiraten und das Datum auf einen Julitag festgesetzt.

Ein großer Kommunikator war er auch später nicht. "Der Mann isst. Ich warte mit stockendem Herzen auf die Reaktion. Es gibt keine. ›Wie ist das Fleisch?‹, frage ich voller Erwartung. ›Trocken.‹" So beschreibt Ljudmila einen typischen Dialog mit ihrem Gatten. "Lobe die Frau nicht, damit du sie nicht verdirbst", erinnert sich Putina. "So hat er mich auf Trab gehalten."

Putin habe "eine Furcht einflößende" Aura, berichtet Platon Antoniou, der Mann, der das meistgedruckte Foto Putins gemacht hat, er habe "ein Funkeln in den Augen", man spüre seine "kalte Autorität". Man könnte auch von Charisma sprechen. Doch was Putin am meisten auszuzeichnen scheint, sind seine Widersprüche: zwischen Kühle und Wut, Beherrschung und Gewaltausbrüchen, Ängstlichkeit und Überlegenheitsgefühl. Als Held taugt er nicht, wohl aber als Projektionsfläche.