Das also hat Wladimir Putin, was der Westen nicht hat: Er schafft eine Illusion von Klarheit und Stärke, von der viele glauben, dass sie dem Westen abgehe. Er ist der unumstrittene zarengleiche Präsident, nach dem sich alles richtet – kein Premier unter 28 Gleichen wie in der EU. Er handelt, während sich der Westen in der Konsenssuche verheddert. Putin ist von Judo und Outdoor-Abenteuern gestählt – nicht zermürbt von endlosen Nachtsitzungen in Brüssel über die neueste EU-Abgasverordnung. Putin ist Chef eines souveränen Landes, das sich nur auf sich selbst verlässt – und kein Regierungschef, der vor EU-Richtlinien kuschen muss. Putin schafft Ordnung – und überlässt die Macht nicht Homosexuellen und vermeintlichen Schwächlingen. Das macht ihn so attraktiv, auch über Russland hinaus: Seine treueste Anhängerschaft hat der russische Präsident unter europäischen Rechtsradikalen und Populisten. Die ungarische Jobbik-Partei bewundert Putin ebenso wie die Chrysi Avgi in Griechenland, die British National Party und Ataka in Bulgarien. Marine Le Pen, Führerin des französischen Front National, ist gern gesehener Gast im Kreml. Alexander Gauland von der deutschen AfD erklärt die EU-Politik in der Ukraine für "unausgegoren und ungerecht gegenüber berechtigten russischen Interessen".

So schafft Putin, was die Populisten selbst nicht schaffen: Er eint die rechten Ränder und wird zur ideellen Bezugsfigur.

Er selbst hat sich von einem schwachen in einen scheinbar starken Mann verwandelt, doch die Ursachen für die fundamentale Schwäche Russlands seit den neunziger Jahren hat er nicht beseitigt: Das Land ist viel zu abhängig vom Rohstoffexport, unter Putin ist die Korruption im Staat noch angewachsen, die Bürokratie hat sich verselbständigt, die Staatselite bereichert sich und sichert sich nach unten durch einen Polizeistaat ab. Das dürfte nicht ewig gut gehen.

Die Ukraine ist Putin ein Menetekel. Präsident Janukowitsch fand nach der Revolution auf dem Maidan in Russland Zuflucht. Putins Alptraum ist im wahrsten Sinne des Wortes herangerückt: Bürger stürzen ihren Führer. Putin hat diese Rebellion als CIA-Aktion abgetan, so wie ihm auch die arabischen Aufstände als Machwerk der USA erschienen. Er ist so in seiner Inszenierung aufgegangen, dass er womöglich verdrängt, dass die Wut der Menschen echt sein könne. So echt wie die Demonstrationen in Dresden, als die Bürger riefen: "Wir sind das Volk." Putin verstand damals diesen Satz, denn er spricht Deutsch. Den Sinn des Satzes aber hat er bis heute nicht verstanden.

Mitarbeit: Matthias Naß, Stefan Schirmer