Am Abend des großen Triumphes bleibt Steffen Schäfer allein. Es ist Sonntag, kurz nach 18 Uhr, und Schäfer sollte jetzt eigentlich in München sein, um mit seinen Parteifreunden auf den Wahlsieg der Alternative für Deutschland (AfD) anzustoßen. Stattdessen sitzt er in Sandalen und Shorts auf der Terrasse seines Hauses in einem Kaff namens Burgrain, vor sich eine Grillwurst, umgeben nur von den drei Jagdhunden Finni, Bessy und Schwanzi. In München, auf der Wahlparty des AfD-Landesverbands, denken sie, Steffen Schäfer müsse auf seine Kinder aufpassen. Aber das stimmt nicht. Er hat bloß keine Lust zu feiern.

Steffen Schäfer, 42 Jahre, ein gutmütiger Riese mit randloser Brille und Kinnbart, leitet den Bezirksverband Oberbayern der AfD, einen der größten Bezirksverbände der neuen Partei. Schon vor sechs Wochen schrieb er einen Brief an seinen Landesvorsitzenden: "Es gibt organisatorische und strategische Entwicklungen, die ich nicht bereit bin mitzutragen." Damals ließ er sich überreden, noch zu bleiben. Nun aber sieht er im Fernsehen, wie Parteichef Bernd Lucke in Berlin auf die Bühne steigt und seinen Anhängern zuruft, die AfD sei freiheitlich, sozial und werteorientiert. "Na ja, vielleicht glaubt er das ja wirklich", murmelt Schäfer.

Vor 15 Monaten hat Steffen Schäfer die AfD mitbegründet, weil er fand, dass Deutschland eine Partei brauche, die für einen anderen Kurs in der Euro-Rettung stehe. Er baute die AfD in Bayern mit auf. Bei der Gründung der ersten zehn Kreisverbände war er persönlich dabei, nur einmal fehlte er, da kam seine Tochter auf die Welt. Aber so wie Schäfer hadern inzwischen viele liberale Gründungsmitglieder mit ihrer Partei. Sie fühlen sich überrannt von Nationalisten und Rechtspopulisten, von Leuten mit dumpfen Parolen.

Und so könnte sich die AfD spalten – ausgerechnet in dem Moment, in dem sie erstmals in ein Parlament einzieht.

Jede neue Partei ist zunächst ein Sammelbecken der Hoffnungen und Wünsche. Schon immer zogen neue Parteien die Enttäuschten an, notorische Nörgler, die bereits in allen Bürgersprechstunden waren. Sich von ihnen zu trennen dauerte oft lange. Die Frage ist eben nur, wer am Ende bleibt – die Vernünftigen oder die Verrückten. Daran entscheidet sich stets, ob die neue Partei überlebt.

Auch bei der AfD werden diese Kämpfe ausgefochten – und jetzt sieht es so aus, als werde der liberale Gründungskern die Partei verlassen. "Wenn der problematische Teil ein solch starkes Übergewicht hat, dann ist es sinnvoll, dass die Liberalen austreten", sagt ein hochrangiges Parteimitglied. Der problematische Teil, das sind die Nationalkonservativen und Rechtspopulisten. "Wir haben uns gewünscht, dass die AfD eine etwas konservativere FDP wird", sagt ein anderes Parteimitglied, das ebenfalls gehen will. "Man hat uns betrogen."

Kaum einer der Abtrünnigen will den eigenen Namen in der Zeitung lesen, aber im Hintergrund laufen in diesen Tagen sehr viele Gespräche, werden weitere Unterstützer gesucht. "Es geht jetzt nur noch um den richtigen Zeitpunkt", sagt einer, der gerade dabei ist, den Ausstieg zu organisieren. Statt vieler einzelner Austritte soll es einen Massenaustritt geben; man will öffentlich ein Zeichen setzen, wie sehr sich die angeblich liberale AfD zu einer Partei gewandelt hat, in der auch Ausländerfeinde und Schwulenhasser den Ton angeben. "Wir werden gemeinsam austreten", sagt ein AfD-Mitglied, "und wir werden viele sein."

Einer, der kein Problem damit hat, zu seiner Kritik zu stehen, ist Marcus Mattheis, der Generalsekretär der Liberalen Vereinigung. Das ist ein Verein, den AfDler und FDP-Mitglieder kurz vor der Europawahl gegründet haben – eine "Plattform für politisch heimatlose Liberale", wie Mattheis sagt. Mattheis ist AfD-Mitglied in Baden-Württemberg, er war mal Kreisvorsitzender in Ulm. Bis er seinen Kopf nicht mehr hinhalten wollte für Parteikollegen, die er "reaktionär und fundamentalchristlich" nennt, und für einen Wahlkampf, der ihm "ausländerfeindlich und homophob" vorkam. Manchmal, sagt Mattheis, sei er sprachlos gewesen. "Alle Moslems müssen raus! Der Islam gehört nicht nach Deutschland! – Solche Sprüche habe ich immer wieder gehört von meinen Kollegen in Baden-Württemberg", sagt er. Von der Parteispitze fühlte er sich verlassen. "Über kurz oder lang", sagt Mattheis, "wird der Austritt für viele liberale AfDler unumgänglich sein."