DIE ZEIT: Herr Bosbach, die AfD hat bei der Europawahl nicht den erhofften Erdrutschsieg erreicht, aber sie hat mit sieben Prozent einen klaren Erfolg errungen. Was folgt daraus für die CDU/CSU?

Wolfgang Bosbach: Die Strategie, die AfD konsequent zu ignorieren, in der Hoffnung, den Wählern würde dann gar nicht auffallen, dass es die Partei gibt, ist kein Erfolgsmodell. So kann man vielleicht verfahren, wenn eine Partei unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegt, um sie nicht aufzuwerten. Aber die AfD hat mit viel Geld und Engagement gekämpft und ein beachtliches Wahlergebnis erzielt. Wenn wir der politischen Auseinandersetzung mit ihr weiter ausweichen, hinterlässt das beim Publikum den Eindruck von mangelndem Mut und Sprachlosigkeit. Und die Wähler werden denken: Die großen Volksparteien interessieren sich für uns ohnehin nicht – also AfD.

ZEIT: Die CSU ist mit populistischen Tönen und dem Kandidaten Peter Gauweiler auf die AfD-Wähler zugegangen und hat verloren. Ist die Strategie, die Sie empfehlen, nicht gerade gescheitert?

Bosbach: Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob eine Partei tatsächlich eine politische Kurskorrektur beabsichtigt – oder nur taktiert. Gleichzeitig für und gegen Europa zu sein wird nicht honoriert.

ZEIT: Was wäre der richtige Ansatz?

Bosbach: Wir müssen uns intensiv mit der Frage beschäftigen, aus welchen Gründen die Bürger AfD wählen und wie sie so rasch zu einer relevanten politischen Kraft werden konnte. Die Formel "Alles Rechtspopulisten und Nationalisten" ist mir viel zu einfach. Wir brauchen beides: klare Abgrenzung, aber auch eine inhaltliche Auseinandersetzung.

ZEIT: Was heißt das genau – müssen Sie sich auch mit AfD-Vertretern in Talkshows setzen?

Bosbach: Wenn wir sagen: Mit denen setzen wir uns nicht an einen Tisch, aber mit der Linken jederzeit, werden wir jedenfalls den Eindruck verstärken, dass wir Angst vor einer Auseinandersetzung mit der AfD haben. Das aber müssen wir gar nicht.

ZEIT: Was unterscheidet denn einen konservativen CDU-Anhänger von einem Anhänger der AfD?

Bosbach: Der Unterschied ist gravierend! Viele Antworten der AfD sind einfach viel zu schlicht und hoch riskant. Die Empfehlung "Raus aus dem Euro" etwa ist unverantwortlich. Das ist eine abenteuerliche Politik mit erheblichen außenpolitischen und wirtschaftlichen Gefahren, und das sage ich trotz meiner starken Bedenken im Hinblick auf den Euro-Rettungskurs. Die AfD ist auch keine Volkspartei, wie Herr Lucke uns weismachen will. Im Gegenteil: Sie ist eine Partei, in der die Willensbildung nicht von unten nach oben stattfindet, sondern genau umgekehrt. Die Basis wird politisch von oben gesteuert.

ZEIT: Zeit: Ihr traditioneller Koalitionspartner FDP steht wohl bis auf Weiteres nicht mehr zur Verfügung.

Bosbach: Am meisten Sorgen macht mir, dass die Verluste der FDP anders als noch bei der Bundestagswahl kaum der CDU zugute kamen. Ich fürchte, dass bei den Liberalen langsam der Realitätsverlust einsetzt. Wenn Christian Lindner erklärt, dass es keine Überschneidungen zwischen AfD und FDP gebe, ist das Wunschdenken. Ich fürchte, die FDP wird noch längere Zeit im Tal der Tränen verharren, zumal sich viele Funktionswähler fragen: Warum noch die Liberalen?

ZEIT: Müssen Sie dann über die AfD als Koalitionspartner nachdenken?

Bosbach: Eine Koalition mit der AfD kann ich mir aus den genannten Gründen jetzt und in absehbarer Zeit auf Bundesebene nicht vorstellen. Auf kommunaler Ebene müsste man sich die jeweiligen Vertreter und ihre Politik genau anschauen. Die AfD weiß doch selbst nicht so genau, wo sie hinwill. Trotzdem könnte sie zum Zünglein an der Waage werden, wenn sie immer genau den Teil an Stimmen abgreift, der eine andere als eine Große Koalition ermöglichen würde. Eine Große Koalition sollte in einer lebendigen Demokratie die große Ausnahme sein. Aber je stärker die Parteienlandschaft zersplittert, umso wahrscheinlicher wird sie.

ZEIT: Sie rechnen also damit, dass die AfD bleibt?

Bosbach: Ja. Ich glaube nicht, dass die AfD eine politische Eintagsfliege ist. Sie ist eine relevante politische Kraft, die man nicht einfach ignorieren sollte.

ZEIT: In absoluten Zahlen hat die AfD keine Wähler hinzugewonnen, die Wahlbeteiligung ist zum ersten Mal seit Jahren gestiegen. So schlimm scheint es in Deutschland mit der Europaverdrossenheit nicht zu sein.

Bosbach: Wenn man gleichzeitig zum Europaparlament in zehn Bundesländern kommunal abstimmen lässt, steigert das die Wahlbeteiligung zwangsläufig, und weil es zum ersten Mal Spitzenkandidaten der Parteifamilien gab, hatten viele Bürger den Eindruck, dass sie den Kommissionspräsidenten unmittelbar bestimmen könnten.