Wenn es ihn denn gäbe, den Weltgeist, der hinter den Kulissen der Geschichte seine Hand im Spiel hat, dann hätte er sich dieses Datum nicht besser ausdenken können: Die zerrissene Ukraine wählt einen neuen Präsidenten und die Europäische Union ein neues Parlament. Die rechten und rechtsextremen Parteien sind die Gewinner, jeder Fünfte hat sie gewählt. In Frankreich erringt der Front National einen historischen Triumph, und in Großbritannien erhält die nationalistische Ukip-Partei ein Viertel aller Stimmen. Ähnlich in Österreich und Dänemark. Nun wollen sie in Straßburg eine eigene Fraktion gründen, ein Kampfbündnis gegen Brüssel, aggressiv nationalistisch, offen reaktionär und zerfressen vom Hass auf die "liberalen Eliten". Tatsächlich ist die neue Rechte ganz die alte. Sie träumt von der "Volksnation", sie will die EU zerschlagen oder auf Weltzwergformat verkleinern. Die Gespenster der Vergangenheit haben wieder eine Zukunft.

Ein paar Tausend Kilometer weiter östlich hat jemand denselben Traum, er heißt Wladimir Putin. Mit Europas Rechten ist er eine schlagende Verbindung eingegangen, sie sind seine Verbündeten im Geiste, die Partisanen hinter den feindlichen Linien. Sie durften die "Abstimmung" auf der Krim überwachen, und Marine Le Pen vom Front National war schon im Kreml, da kannte man sie hier noch gar nicht. Wie seltsam. Eben noch war der russische Präsident auf dem langen Weg nach Westen, ein ständiger Gast an der Tafel der Weltgesellschaft, und ein lupenreiner Demokrat war er sowieso. Nun probt er die hämische Absetzbewegung und die große vaterländische Sezession. Seine Panzer überrollen das Völkerrecht, sie überrollen alles, was der Westen in seinen Lehrbüchern mit der Vorstellung einer "liberalen Ordnung" verbindet. Eigentlich ist Putin schon am Ziel. Er ist der Anführer einer autoritären Internationale; zu ihr gehören bereits der türkische Ministerpräsident Erdoğan, Victor Orbán in Ungarn, vielleicht bald auch der Hindunationalist Narendra Modi, Indiens frisch gewählter Ministerpräsident. Neue Mitglieder sind im Klub stets willkommen. So kehren 25 Jahre nach dem strahlenden Sieg des westlichen Liberalismus die alten Dämonen auf die Weltbühne zurück, die Geister des Nationalen mit ihrer Verachtung für Euro-Amerika, für die "vaterlandslose" westliche Kultur.

Der Schock wird noch größer, wenn man sich an die alten Hoffnungen erinnert, an die Euphorie nach dem Mauerfall 1989. Als der Kommunismus wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel, war alle Welt davon überzeugt, nun werde sich das Modell des Siegers durchsetzen – die bewährte Kombination aus Kapitalismus, demokratischem Rechtsstaat und liberaler Kultur. Am Ende werde eine gemeinsame Weltordnung (George Bush) entstehen, die den Kampf der Nationen überwindet. Kurzum, die Meistererzählung von 1989 bestand aus drei Hoffnungen: Globalisierung der Demokratie, Globalisierung des Rechts, Globalisierung des Marktes.

Mit dem Besserwissen der Nachgeborenen sieht man nun: Die alte Spaltung der Welt ist zwar beseitigt, aber neue Feindschaftslinien sind entstanden, auch innerhalb der liberalen Demokratien. Die Meistererzählung von 1989 ist unvollendet geblieben, sie bricht, wie der französische Politikwissenschaftler Jacques Rupnik gerade in der Zeitschrift Lettre (Nr. 104) gezeigt hat, nach den ersten Seiten ab.

Globalisierung des Rechts? Keine Frage, das Recht hat sich globalisiert, es wächst und gedeiht, und der Internationale Strafgerichtshof zum Beispiel ist ein imponierender Fortschritt. Neben dem suprastaatlichen Recht gibt es ein dichtes Netz aus privatisiertem Recht mit eigener Schiedsgerichtsbarkeit, allerdings ohne direkte demokratische Kontrolle. Geschwächt hingegen scheinen die Vereinten Nationen, und wenn Wladimir Putin die Annexion der Krim mit amerikanischen Völkerrechtsverletzungen verteidigt, dann muss man sagen: George W. Bush hat es ihm leicht gemacht. Vor dem Irakkrieg hat er die Welt belogen, und zu Völkerrechtlern fiel ihm ein, dass er sie "in den Hintern treten" wolle. "Internationales Recht? Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich muss meinen Anwalt konsultieren." Das Lager Guantánamo, die Foltergefängnisse der CIA, in denen einzelne Gefangene bis zu 200 Mal mit Waterboarding gequält wurden – der US-Präsident hat einen moralisch straffreien Raum hinterlassen und das Ansehen des amerikanischen Liberalismus kompromittiert. Obamas Drohnenkrieg tut sein Übriges. Die Vereinigten Staaten waren einmal das große Vorbild, sie waren, um es mit einem viel zitierten Wort des Völkerrechtlers Martti Koskenniemi auszudrücken, der freundliche civilizer der Nationen. Nun füttert eine Parole aus der Gedankenküche des Staatsrechtlers Carl Schmitt die neueste Stimmung gegen den Westen: "Wer Menschenrechte sagt, der will betrügen."