Wer das Prinzenbad genießen will, muss es am Morgen aufsuchen, wenn die Kreuzberger Jugend noch nicht vom Beckenrand springt. Die Kälte verleiht dem Wasser etwas von einer harten Substanz, die sich mit jedem Schwimmzug teilt und an den Gliedern entlang zu schmelzen beginnt. Im Minutenrhythmus rattert die Hochbahn zwischen den nahen Häuserzeilen dahin und hält mit kreischenden Bremsen an der Prinzenstraße. Von den alten Bäumen rings ums Becken regnet dichter Pappelflaum. Weiße Watte überall, man watet durch sie hindurch, die Fahrräder der Schwimmer sind von ihr umwogt, als parkten sie in den Wolken. Auch die fein gezupften Wölkchen, die am Himmel schweben, scheinen nur Blütenstaub zu sein. Friedlich wie eine Schneekugel präsentiert sich die Szene. Selbst ein Hubschrauber liegt wie ein Kinderbuchfisch im hohen Blau. Ein Regierungsüberflug vielleicht.

Gegen Mittag belebt sich das Bad. Krauler nutzen den lunch break, um ihre Haifischbahnen zu ziehen. Arbeiter in Blau und Olive schälen sich aus ihren Overalls und entblößen käsige Haut. Die ersten Kinderschwärme besiedeln das Wasser und reißen einander die Beine weg. Ein drahtiger Herr in knapper Badehose unterhält sich mit allen und jedem. Er ist der Hausgeist des Prinzenbads, wenn er nicht herumspaziert, schwimmt er seine ewigen Runden. Die Sonnenterrasse füllt sich, ein abgestuftes Ziegelsteinplateau, auf dem manche es den ganzen Tag aushalten. Überhaupt sind Ziegel der Kreuzberger Rasen. Zwischen den Becken liegen Familien, schmusende Paare, barbusige Damen kreuz und quer über den Backsteinboden verstreut. Wer seinen Weg sucht, muss ihre Sonneninseln umzirkeln. Andere verziehen sich für Stunden auf die Wiesen, ohne das Wasser eines Blicks zu würdigen. Sie zahlen Eintritt, um im Gras zu liegen, Ascot für alle, mit Kühltaschen voller Wassermelonen.

Ein paar Schritte vom Prinzenbad steht man auf der Baerwaldbrücke. Der Blick nach Westen ist lauschig wie in Münchens Englischem Garten. Ostwärts verbreitert sich der Kanal zum Urbanhafen, Vergnügungsschiffe tauchen auf, der Prospekt ist kosmopolitisch, mit etwas Fantasie kommt Istanbul in den Sinn. Jenseits der bequemen, mehr für preußische Pferde als Autos gemachten Brücke beginnt linker Hand das Reich der internationalen Müßiggänger. Direkt unter dem Urban-Krankenhaus, einem Wahrzeichen des architektonischen Brutalismus, fällt der Rasen steil zum Wasser hin ab. Hier lagert Berlin bei Sonnenschein im schönen Einvernehmen mit der Jugend der Welt. Und wenn man an der richtigen Stelle steht, scheint Seurats Bild der Insel Grande Jatte zum Verwechseln nachgestellt. Es macht nichts, dass die Belle-Epoque-Sonnenschirme fehlen, der Geist der Pointillisten ist gespenstisch präsent. Schwäne, die am Ufer patrouillieren, ersetzen die Segel und gestärkten Blusen.

Der befestigte Kai gegenüber ist die Sonnenbank Berlins. Selbst im Winter, wenn kein Schnee liegt, strecken Wärmesüchtige sich hier im Unterhemd aus. Jetzt ist der ganze Kai eng besetzt, iPads machen ihn zum Großraumbüro, in dem man rauchen, trinken, flirten und Gitarre spielen kann. Gegen Abend verlagert sich der Tross ein paar Hundert Meter weiter zur intimen, für Autos gesperrten Admiralbrücke. Bei mildem Klima ist sie dicht besetzt, man versorgt sich im Getränkeshop mit Bier und plaudert im Schneidersitz. Weil niemand die Anwohner verärgern will, geht die Invasion beinah lautlos vor sich. Die Stimmen sind gedämpft, die Bewegungen sanft, als schliefen Kinder nebenan. Nur die Augen, die groß und fragend sind, verraten den Ausnahmezustand. Denn es ist Sommer in Berlin.