Dieser Film entstand in 39 Drehtagen, aber es dauerte zwölf Jahre, ihn zu drehen. Man hat das Kino, wie die Musik, als Zeitkunst bezeichnet, und für Boyhood gilt der Begriff in exemplarischer Weise. Sein Thema ist das Vergehen der Zeit, darin liegt seine Magie. Der Regisseur Richard Linklater begann mit den Dreharbeiten im Sommer 2002, er beendete sie im Oktober 2013. Die Crew traf sich ein- oder zweimal pro Jahr für wenige Tage und ging dann wieder auseinander. Man traf sich eigentlich nur, um festzuhalten, dass alle älter geworden waren. Boyhood handelt davon, dass aus einem sechsjährigen Jungen namens Mason ein achtzehnjähriger junger Mann wird. Und da Linklater auf Tricktechnik und Maskenbildnerkunst verzichtete, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu beobachten, wie sein sechsjähriger Hauptdarsteller Ellar Coltrane wirklich zu einem Achtzehnjährigen heranwächst. Linklater schuf einen Spielfilm mit der Evidenz eines Dokumentarfilms: Sein Ensemble spielt, über zwölf Jahre hin, ein fiktives Familienleben (Scheidung der Eltern, Pubertät und frühes Erwachsensein der Kinder), aber Reife und Verfall, dem die Körper der Darsteller unterliegen, sind authentisch.

Der kleine Mason wird von den Mitmenschen gern übersehen, nur die Kamera lässt nicht von ihm ab, sie fixiert diesen stillen Menschen, der unterginge, wenn nicht Linklaters Zwölf-Jahres-Blick auf ihm ruhte. Es wirkt fast so, als habe Linklater das unauffälligste Kind gewählt, das er finden konnte. Der sechsjährige Mason, wie Ellar Coltrane ihn spielt, ist ein zurückhaltender Junge, und aus ihm wird ein junger Mann ohne erkennbares Charisma, ohne drängende Begabung, ohne Fluch: Er macht sich nicht durch Taten angreifbar, er bleibt in der Deckung. Sein Wille manifestiert sich auf einer anderen Ebene: Man sieht, wie Mason älter wird und sich Raum erobert. Man sieht, wie er Herrschaft über sein Leben gewinnt. Und da Boyhood ein amerikanischer Film ist, ist das Auto Masons Instrument der Weltaneignung: Der Junge ist in dem Moment erwachsen, da er erstmals allein über den Highway fährt.

Immer wieder gestattet sich dieser außergewöhnliche Film Momente, da er die Vergänglichkeit, die er thematisiert, ganz naiv genießt: Er blickt sozusagen in seine eigene Vergangenheit zurück. So sieht man in einer Szene, wie der 17-jährige Mason auf dem Schreibtisch seiner Mutter ein Bild des zehnjährigen Mason erblickt. In einer früheren Szene sieht man, wie der junge Mason mit seiner Schwester in einen Harry Potter- Film geht. Auch diese sagenhafte Filmreihe begleitet sowohl ihre Figuren als auch ihre Schauspieler beim Älterwerden, und man könnte sagen: In der Begegnung mit dem Harry Potter- Projekt spiegelt sich Linklaters eigener Plan. Etwas später wiederum sieht man den nun deutlich älteren Mason in der Dunkelkammer seines Colleges. Er will Fotograf werden. Zwei Zeitkünste stehen sich hier gegenüber: Fotografie gegen Film, Zeitgerinnung gegen Zeitstrom. Der Fotograf als Räuber des Augenblicks, getragen von einem Film, der sich so elegant in seiner eigenen Zeit bewegt, als könne er mit der allgemeinen Vergänglichkeit unbehelligt und unverwundbar dahinfließen.

Die Zeitsprünge in Boyhood verbergen sich im Technischen, in den Montagenähten, sie geschehen unter der Hand – und zwar unter der Hand des Cutters: Man merkt verspätet, dass beispielsweise zwischen einer Frühstücksszene und einer anschließenden Autofahrt zum Supermarkt mindestens ein Jahr vergangen ist und Mason einen Wachstumsschub erlebt hat.

Der Film führt Figuren ein und entlässt sie wieder, eine Mitschülerin wirft ein Auge auf den 13-jährigen Mason, zwei Mitschüler bedrohen ihn in der Toilette – aber nichts löst sich ein, weder die Verheißung noch die Drohung. Mason navigiert sich wachsam und erschrocken durch die Stromschnellen des Lebens.