Mit der Heimat ist das so eine Sache. Wie wichtig sie ist, bemerkt man oft erst, wenn sie weit weg ist. Dann vermisst ein Hanseat auf einmal das Nieselwetter und ein Münchner die grantigen Busfahrer. Über beides schimpfen Nord- wie Süddeutsche oft und ausgiebig, aber fern von zu Hause verheißen selbst Dauerregen und schlecht gelaunte Nahverkehrsangestellte ein warmes Gefühl der Zugehörigkeit.

Noch komplizierter wird es, wenn nicht sicher ist, wo diese Heimat denn nun eigentlich sein soll. Wenn dieses diffuse Gespinst aus Gewohnheiten, Erfahrungen und örtlichen Gegebenheiten im Laufe der Jahre verblasst ist, weil man so oft die Städte, Länder und Kontinente gewechselt hat, dass man selbst durcheinanderkommt.

Die Journalistin und Schriftstellerin Brittani Sonnenberg ist so ein Fall. Sie wurde 1981 in Hamburg als Kind amerikanischer Eltern geboren und zog dann mit ihrer Globetrotter-Familie jahrelang in Asien, in den USA und in Europa umher. Heute lebt sie zwar in Berlin, hat aber gleichzeitig eine Gastdozentur für kreatives Schreiben in Hongkong inne.

So aufregend, weltoffen und modern sich diese Biografie anhört, so komplex sind mitunter die Verwerfungen, die das Leben im immerwährenden Transit mit sich bringt. Sonnenberg hat ihre Erfahrungen als "Third Culture Kid" – so nennen sich die Kinder der globalen Nomaden, die der Karriere wegen in der ganzen Welt zu Hause sind – nun in einem Roman verarbeitet. Heimflug kreist um den Kern dessen, was Expatriierten auch am Ende der Welt meist noch bleibt: die Familie.

In epischen Bögen und mit viel Sinn für sprechende Details erzählt sie von Chris Kriegstein, für den sein Aufstieg in einer international agierenden Firma zugleich die gelungene Flucht aus der Enge des Mittleren Westens bedeutet. Seiner Frau Elise geht es ähnlich, für sie ist das Umherziehen ebenfalls eine Befreiung – von einer nie verarbeiteten Missbrauchserfahrung und den bibelfesten Konventionen ihrer Südstaatenfamilie. Die beiden Töchter Leah und Sophie allerdings haben sich ihr "Expat"-Leben nicht ausgesucht. Die USA, ihre angebliche Heimat, kennen sie nur aus den Schulferien, ihr einziger identitätsstiftender Halt sind ein paar verstreute Freunde – und eben die Familie.

Das privilegierte Leben der Kriegsteins zwischen Shanghai und Atlanta, Hamburg und Singapur, zwischen internationalen Communitys, amerikanischen Klubs und asiatischen Hausangestellten geht so lange gut, bis eine Katastrophe das Gefühl des Fremdseins in der Welt in alle Ewigkeit zu verlängern droht.

Das alles erzählt Sonnenberg aus überraschend vielen Perspektiven. Vater, Mutter, die Töchter, Urgroß- und Großeltern, ja sogar das alte Südstaatenhaus, in dem Elise aufgewachsen ist, kommen zu Wort. Besonders gelungen sind der Autorin die weiblichen Figuren, die Mutter Elise, die sich vom Mauerblümchen zur Geschäftsfrau entwickelt, vorher aber lernen muss, sich vom Leben einfach das zu nehmen, was ihr guttut. Und vor allem Leah und Sophie, die einander in aller Rivalität auf jene unverbrüchliche Weise zugetan sind, wie es nur Schwestern vermögen.

Letztlich ist Heimflug viel mehr als ein Roman über die Auswirkungen der globalisierten Arbeitswelt auf den Einzelnen, es ist ein feinfühliger Bericht über den längsten und schmerzvollsten Weg, den ein Mensch zurücklegen kann – die Reise zu sich selbst.