Es war die Nacht, die alles veränderte. Die China zu dem Land machte, das es heute ist. Wer verstehen will, warum die Führung heute mehr Geld für die Sicherheit im Inneren ausgibt als für die Verteidigung im Äußeren, panisch Internet und Zivilgesellschaft überwacht, das Volk abhört wie ein lungenkrankes Kind, der findet die Erklärung in jener Nacht vor 25 Jahren. Damals, am 4. Juni 1989, fuhren Panzer im Herzen von Peking auf. Eröffneten Soldaten das Feuer auf die Studenten, die monatelang auf dem Tiananmen-Platz demonstriert hatten. Sie wollten, was damals viele Menschen überall auf der Welt wollten: politische Reformen und Wandel.

Das Jahr 1989 ist als Jahr der Freiheit in die Geschichte eingegangen. In Berlin fielen sich Ost- und Westdeutsche in die Arme. In Osteuropa stürzten Bürgerrechtsbewegungen ein sozialistisches Regime nach dem nächsten. Es war der Anfang vom Ende der Sowjetunion.

In China stand 1989 unter umgekehrten Vorzeichen. Es folgte nicht die Freiheit, sondern die Repression. Kurz vor Niederschlagung der Proteste erschien Generalsekretär Zhao Ziyang auf dem Platz und drängte die Studenten unter Tränen, den Platz zu verlassen. Er hatte gegen die Entscheidung der Führung protestiert. Bald darauf sollte er für den Rest seines Lebens im Hausarrest verschwinden.

In den achtziger Jahren hatten sich innerhalb der chinesischen Führung Reformer und Hardliner bekämpft. Bisweilen setzten sich die Hardliner durch, bliesen zur Jagd auf Rockmusik und Seidenstrümpfe. Dann wieder gewannen die Reformer die Oberhand. Unter ihnen waren manche, die wünschten sich die Alleinherrschaft einer liberaleren Partei. Andere, selbst in Regierungsthinktanks, strebten nach Pressefreiheit und Mehrparteienwahlrecht – auch wenn sie es nicht offen auszusprechen wagten. Man träumte von einem anderen China. Und das schien nicht so fern zu sein.

Doch es kam anders. Lange hatte die Führung gezaudert, wie sie mit den Protesten umgehen sollte. Dann ließ sie sie brutal niederschlagen. Sie vertrieb die Reformer, verfolgte Intellektuelle, Aktivisten und Andersdenkende. Das Land versank in Schockstarre. Jahrelang. 1991 machte sich Deng Xiaoping auf seine legendäre Reise in den Süden und schuf jene Formel, nach der China noch heute, 25 Jahre später, regiert wird: wirtschaftliche Liberalisierung und politischer Autoritarismus. Wirtschaftswachstum um den Preis politischen Wohlverhaltens.

Seither gilt dem Machterhalt höchste Priorität. Seither misstraut die Führung selbst leisesten Forderungen nach politischer Reform. Seither bedient sie sich des Nationalismus als ideologischer Krücke. Eines Nationalismus, der jetzt das Verhältnis zu den Nachbarländern vergiftet.

1989 treibt die KP Chinas nach wie vor um, als vielköpfiges Gespenst. Damals stand ihr der Machtverlust vor Augen. Mit dem Kollaps der Sowjetunion erlebte die Partei dann in direkter Nachbarschaft, was auch ihr Schicksal hätte sein können. Zugleich wurde ihr mit dem Zusammenbruch der sowjetischen Mutterpartei und deren Ablegern im Ostblock der ideologische Boden entzogen. Seither mutet ihre Ideologie etwas dinosaurierhaft an. Ein Eindruck, den die Partei nach allen Kräften zerstreuen will. So kritisieren chinesische Wissenschaftler auf internationalen Konferenzen die Prämissen der Sozialwissenschaften, insbesondere der Transformationstheorie. Neokolonial seien diese. Ungeeignet, Chinas Realitäten zu beschreiben. Wenn das auch teilweise stimmen mag, so erfolgt die Umdeutung doch im Dienste des Autoritarismus.

Der Autoritarismus, er soll wieder salonfähig werden. Dabei kann sich die chinesische Führung eines neuen guten Freundes erfreuen, der die Liebe zum Autoritären teilt. China und Russland, einander historisch in freundlichem Misstrauen verbunden, sind so eng wie lange nicht mehr. Putin hat China besucht, beide Länder haben einen gewaltigen Gasdeal unterzeichnet, über den sie ein Jahrzehnt ergebnislos verhandelt hatten. Unter dem Eindruck westlicher Sanktionen war Putin offenbar zu großen Konzessionen bereit, Präsident Xi Jinping ist damit der große Gewinner der Ukrainekrise.

Xi Jinping verkündet in diesen Tagen seine Vision für China: den Aufstieg unter autoritärer Führung. Auch das ist ein Traum. Nur ein ganz anderer als der, den das Land 1989 träumte.