Ganz am Ende des kleinen Romans kommen die in ihm angesammelten Kräfte ganz groß raus. Da stöhnt und rast und wimmert es, da flimmert die Luft, und es vibriert die Bauchdecke. Höchste Temperaturen, anbrandende Verzweiflung. Mut, Ohnmachtsgefühle und Selbstaufopferung. Dunkle Schwaden über gelbroten Flammenzungen ... Was hier tobt und qualmt, ist keine gemarterte Seele und kein ekstatischer Körper, es ist ein alter Brennofen, ein Brennofen in uralter Manier. Er wird per Hand mit Holz befeuert, und das Schlimme und das Schöne ist – er ist leer dabei, nichts schmilzt, zerläuft oder wird darin gehärtet. 750 Grad für nichts. Ja, so ist es, so wahr wir im japanischen Raum des Zen und der keramischen Künste sind, für NICHTS: Die Leere des Zen, Sie wissen schon! Nein, Sie wissen es doch nicht.

Christoph Peters, der Berliner Erzähler vom Niederrhein, geht es eher gemächlich an. Mit großen Schritten misst er zunächst den Raum seines Romans aus, markiert seine Eckpunkte, planiert den Tonboden und setzt behutsam Schamott- und Backstein aufeinander, jedes Stück sacht in der Hand wiegend, um schließlich die alles entscheidende Konstruktion der Kuppel anzufügen. Da steht er dann also, Thema, Gegenstand, Vorbild und Held des Romans: der japanische Ofen, steht da oben in der Holsteinischen Schweiz, in Rensen an der Ostsee. Und dann knallt und vibriert es einmal. Und aus ist.

Peters’ Roman ist seinem Freund Jan Kollwitz gewidmet, Urenkel von Käthe Kollwitz, der tatsächlich in Cismar an der Ostsee einen Anagama-Ofen betreibt und allerschönste japanisch inspirierte Keramiken produziert, die inzwischen in vielen Museen und Ausstellungen zu sehen sind. Sie bestechen vor allem durch ihre farbige Glasur, die durch den Ascheanflug im Ofen entsteht, also abhängt von Temperatur, Feuchtigkeit, Luftdurchzug und vom tagelangen Nachfeuern von Buchen- und Kiefernholzscheiten, von einer Person, mit eigenem Rhythmus, mit eigener intimer Kommunikation mit dem Ofending aus dem fernen Osten. Der 54-jährige Jan Kollwitz hat sich nämlich vor 25 Jahren von einem alten japanischen Ofenbaumeister einen traditionellen Ofen hier in Deutschland bauen lassen, eine große Seltenheit. Tatsuo Watanabe heißt das lebendige Vorbild von Peters’ Herrn Yamashiro. Und vom Weg des Ofensetzers nach Deutschland, ins Land der Mettbrötchen, Schweineschnitzel und Schinkenhäger, handelt der japanophile Roman, von einem Zen-Weg wohl, den man aber nicht als solchen erkennen muss, weil darin die Kunst der Selbstverkleinerung, des Selbst-Verschwindens wirkt. Hingabe an die Sache statt Aufrichtung von Ich und Kunst.

Eine wohlwollende Lesart des Romans wäre die Anerkennung seiner streckenweise etwas zu milden Behaglichkeit als spirituelle Übung der Reduktion: des Willens, der Mittel und des Anspruchs. Nachdem Christoph Peters zu Beginn einige weite Linien ausgezogen hat in die Vorgeschichte des holsteinischen Ortes, zu den mittelalterlichen Mönchen, die dort eine Pilgerstätte aufbauten, bis in der Neuzeit "der Glaube an die Kraft der heiligen Dinge" schwand, wendet er sich nach Japan, erzählt von den Versuchen des jungen deutschen Keramikers Ernst Liesgang, dort von einem Meister der sechs ältesten Keramikschulen aufgenommen zu werden, und schließlich vom gelingenden Transport der Stein und Steinzeug gewordenen geistigen Ideen nach Westen.

Er wählt dazu die Form des humoristischen Berichts, der sein interkulturelles Anliegen gut in der Holzwolle tagtäglicher Missverständnisse verpackt: Kannitverstan sprachlicher Natur, aber auch in Höflichkeitsregeln, Geschichtsverständnis und vor allem Esskultur. Da kennt Christoph Peters sich besonders gut aus. Er greift nämlich noch einmal den clash of dining culture auf, dem er schon in seinem vorletzten Roman Mitsukos Restaurant einige illustre Seiten abgewonnen hat. Dessen Buchumschlag zeigt eine japanische Fahne, in deren roter Sonne ein Jägermeistergeweih gezeichnet ist. Bei Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln ist es nun eine herzförmige mutmaßlich deutsche Kartoffel in der Mitte eines Sets von keramischem Essgeschirr. Bei Mitsuko ging es noch wesentlich um Liebe und japanisches Essen, obwohl auch dort zurückgeblendet wird zu historischen Brennvorgängen mit keramischen Schönheitsfolgen. Jetzt im neuen Roman geht es wesentlich um die Tiefe des technischen Vorgangs, und der alte Großmeister verliebt sich lediglich in deutsche Hausmannskost. Denn prätentiös und gewollt und genialisch kunstgesinnt und reflexiv und mitteilsam ist hier nichts. Da sei noch eine Bratwurst und ein Schnaps vor. Wo Gebrauchswert, Ritualfunktion und Poesie zusammenfallen – wie einst auch bei den angewandten Künsten im vorneuzeitlichen Europa –, wo also so viel stille Erhabenheit herrscht, da ist in der Gestik der Macher eine gewisse behagliche, manchmal derbe Schlichtheit Pflicht. Bei einem Sushi mit Altbier kann man im Roman von Christoph Peters ebendiese rustikale, vielleicht niederrheinisch-ostholsteinische Nonchalance als dessen ästhetisches Prinzip erkennen.

Ein aufwendiger Text-Bildband ist als Realitätsbefeuerung des Romans hilfreich:
Christoph Peters/Götz Wrage: Japan beginnt an der Ostsee. Die Keramik des Jan Kollwitz
Wachholtz Verlag, Neumünster/Hamburg 2013; 98 S., 19,90 €