Kluge Politiker wissen, dass Triumph und Niederlage dicht beieinanderliegen. Das bewahrt sie vor Selbstherrlichkeit. In diesem Sinne gehört Horst Seehofer nicht zu den klugen Politikern. Seit seinem Wahltriumph im vergangenen Herbst, als er für die CSU die absolute Mehrheit zurückeroberte, hat er sich gebärdet wie einer, der sich unangreifbar fühlt. Horst Seehofer hat die Alarmglocken nicht schrillen hören. Selbst als die schweren Verluste seiner Partei bei den Europawahlen längst feststanden, beschwor der CSU-Chef noch immer die Prognosen, die ihm anderes in Aussicht gestellt hatten. Drastischer hätte er nicht zeigen können, wie unvorbereitet ihn das Desaster vom Sonntag erwischt hat.

Seit Europa in die Krise geraten ist, hat sich die Seehofer-CSU mit europaskeptischen Parolen zu profilieren versucht. Und doch folgt sie seit Jahr und Tag der europapolitischen Linie, wie sie die Kanzlerin vorgibt. Dass die CSU geglaubt hat, sie könne mit dieser Strategie potenzielle AfD-Sympathisanten beeindrucken war ein Fehlschluss. Mit ihrer europaskeptischen Großmäuligkeit hat die CSU die Wähler nur darauf gestoßen, dass auf ihre Parolen kein Verlass ist. Nicht einmal die Aufnahme des notorischen Parteirebellen Peter Gauweiler in die CSU-Führung konnte das verschleiern. Auch er hat nur die Doppelzüngigkeit einer Partei unterstrichen, die zu Propagandazwecken Stimmungen bedient, um sich im Ernstfall pragmatisch zu geben. Das ist das Risiko, wenn im Grunde staatstragende Parteien sich populistisch gerieren: Sie entlarven sich selbst.

Dass die bayerischen Wähler ihre CSU nicht mehr so imponierend finden wie noch im Herbst, ist keine überraschende Entwicklung. Denn während Horst Seehofer die machtpolitische Renaissance der CSU verkörperte, wunderte man sich zugleich, warum dabei politisch so wenig herauskam. Schon bei den Koalitionsverhandlungen spielte die CSU ja keine erkennbare Rolle mehr. Und selbst auf handhabbare Konzepte zur Ausländermaut, mit der die Partei einen ganzen Bundestagswahlkampf bestritt, wartet die Republik seither vergebens. Stattdessen warf die CSU kurz nach Unterzeichnung des Koalitionsvertrags die alte Ressentiment-Maschine an: "Wer betrügt, fliegt!" Damit ist die CSU am Sonntag nicht weit gekommen.

Nun steht die CSU mit ihrer Europa-Niederlage wieder vor dem Dilemma, auf das sie schon seit zwei Jahrzehnten keine Antwort mehr findet. Auch als erfolgreiche Regionalpartei kann sie keinen bundesweiten Anspruch untermauern, der über ihren nationalen Stimmenanteil von plus/minus sieben Prozent hinausreicht. An dem Versuch, ihre nationale Bedeutung dauerhaft aufzublähen, ist die CSU bereits unter Edmund Stoiber gescheitert. Nun scheitert auch Horst Seehofer.

Dabei hat er sich schon als legitimer Erbe von Franz Josef Strauß gesehen. Bis zur Niederlage vom Sonntag glaubte er, die Erfolgsmethode dafür entdeckt zu haben. Doch das von Seehofer zur Perfektion getriebene plebiszitäre Regieren hat selbst in Bayern seine Tücken. Man kann als Politiker vielleicht eine Weile damit durchkommen, jede eigene Überzeugung den Wendungen der öffentlichen Meinung zu opfern. Aber man kann damit keine Autorität behaupten. Im Gegenteil. Sosehr Seehofer nur noch Positionen vertritt, bei denen er die Mehrheit hinter sich ahnt, so sehr schrumpft seine politische Substanz. Was übrig bleibt, ist nicht Autorität, nur autoritäres Gehabe. Seehofer hat sich mit diesem Politikstil systematisch beschädigt. Ungeniert opportunistisch ist kein Erfolgsrezept. Jetzt sucht die CSU wieder nach einem anderen.