Das Klischee von der Weltabgewandtheit der Provinz, die öde, langweilig, bar jeden Interesses sei: Dieses jüngst wieder aufgewärmte Klischee wird wirkungsvoll widerlegt durch zwei zeitgleich erschienene Bücher aus und über einen Ort, der sich nicht einbildet, mit Köln, Leipzig oder Berlin konkurrieren zu können: "Philisterburg ist eine Stadt mit 300.000 Einwohnern ... Gotische Kathedrale, Zuckerrüben, Luther-Denkmal, Messgeräte, Kirchenfüchse. Bekannt für: Baumwolle, Gummiknüppel, Schokolade, Stahlhelme u. a. Alte Zitadelle, nach dem Versailler Vertrag geschleift; an der Stelle befindet sich nun eine öffentliche Grünanlage. Große Söhne der Stadt: keine."

So illusionslos beschreibt ein zwanzigjähriger Goethe- und Heine-Verehrer aus Paris im Herbst 1930 die deutsche Provinz, wo er sich anschickt, als Französischlehrer am Gymnasium zu arbeiten: Daniel Decourdemanche verkürzt seinen Namen zu Jacques Decour und verlegt Magdeburg, das er Philisterburg nennt, kurzerhand an die Grenze zu Schlesien. Hier hört die poetische Freiheit aber auch schon auf. Alles andere, was der junge Franzose auf den 120 Seiten seines Tagebuchs notiert, ist erlebter Alltag in der Endphase der Weimarer Republik, von den Leberwurstbroten im Lehrerzimmer bis zum Dialog auf dem Schulhof: "Mit 17 scheinen sie sich schon in allen Fragen festgelegt zu haben und wissen ganz genau, was sie lieben und was sie verachten ... ›Heine ist kein Deutscher.‹ – ›Warum?‹ – ›Er ist Jude.‹ – ›Und außerdem?‹ – ›Sein Talent hat nichts Deutsches. Er gehört nicht zu uns.‹"

Der Autor hat keine Scheuklappen, im Gegenteil: Er sucht das Gespräch mit jungen Nazis, die ihm idealistischer und weniger korrupt vorkommen als die ältere Generation, obwohl ihr gewaltbereiter Fanatismus ihn erschreckt. Damit setzte sich Decour, der nach seiner Rückkehr der Kommunistischen Partei Frankreichs beitrat, zwischen alle Stühle, denn in Paris wurde Hitler bagatellisiert, und Kritik am Versailler Vertrag grenzte an Vaterlandsverrat. Decour war ein hellwacher Beobachter, der sich kein X für ein U vormachen ließ, und starb 1942, wie er gelebt hatte: als Märtyrer der Résistance, nach dem Vorbild von Goethes Egmont, den er in seinem Abschiedsbrief zitiert.

Ganz anders, liebevoll, doch frei von modischer "Ostalgie", schildert der in Berlin lebende Bernd Wagner, der 1985 freiwillig die DDR verließ, die Wiederbegegnung mit Magdeburg, das ihn 2013 zum Stadtschreiber berief: "Ich: ›Wo haben Sie hier die Wurstkonserven?‹ Verkäuferin: ›Warten Sie ...‹ Verkaufsstellenleiter: ›Moment, ich werde sie dem Herrn zeigen. Er ist doch neu in Magdeburg.‹ Ich: ›Woher wissen Sie das?‹ Verkaufsstellenleiter: ›Na, aus dem Fernsehen.‹" Bernd Wagner ist ein rastloser Wanderer, der Deutschland vom Erzgebirge bis zum Darß zu Fuß durchquert und seine Eindrücke nicht per Foto-Handy, sondern in Bildern und Gedichten festhält. Er hat als Landvermesser und Zeichenlehrer gearbeitet und vermisst die Landschaften der Erinnerung mit topografischem Blick, räumlich exakt und historisch tiefenscharf, von den Ottonen über den Dreißigjährigen Krieg bis zur DDR, der vorschnell das Etikett "ehemalig" aufgeklebt wurde: "Der Bezirk Magdeburg beschäftigte 3684 hauptamtliche Stasimitarbeiter, von denen 2000 samt ihren Familien in Suderburg lebten und von den rund 1,2 Millionen Einwohnern des Bezirkes 500.000 in Akten erfaßten ... Alle stinken nach Staub und Moder, die Worte in ihnen verbreiten Übelkeit und Entsetzen, und doch ist ihre Existenz die wichtigste Hinterlassenschaft der DDR. Sie vermittelt Einsichten in das Getriebe eines Machtapparats, der desto absurder und fürchterlicher funktioniert, je stärker er glaubt, die von ihm Beherrschten zu ihrem Glück zwingen zu können."