Eisberge sind Meisterwerke der Kälte. Besonders die gigantischen Auslassgletscher Westgrönlands schaffen eisige Riesen, die barocken Schlössern ähneln oder in Wasser gegossenen Alpengipfeln. Sie schimmern blau, türkis, mitunter sogar rot und treiben majestätisch durch die Polarmeere.

Schön sind sie. Aber auch ganz schön gefährlich, vor allem in den Nordmeeren, wenn sie die großen Schifffahrtsrouten des Nordatlantiks erreichen. Seit ein Eisberg im April 1912 das Schicksal der Titanic besiegelte, ist die Ästhetik der weißen Kolosse nebensächlich geworden. Seitdem sind sie der Feind.

Zuständig für den organisierten Kampf gegen kaltherzige Eisberge ist die International Ice Patrol (IIP) mit Sitz in Neufundland. Die Sondereinheit, an deren Finanzierung sich auch Deutschland beteiligt, feiert in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen; unterstellt ist sie der amerikanischen Küstenwache. Die Gründung der Eispatrouille ist eine Erfolgsgeschichte. Seit sie den Nordatlantik überwacht, gab es nur noch drei Schiffskollisionen mit Eisbergen. Kein Mensch kam zu Schaden. Zum Vergleich: Allein zwischen 1882 und 1890 waren es noch 50 Kollisionen.

Doch die Erderwärmung bereitet der IIP mittlerweile große Sorgen. Sogar der stabile Nordosten Grönlands kommt ins Schwitzen, wie dänische Forscher kürzlich in Nature Climate Change berichteten. Der gewaltige Eisschild dort schmilzt, die Gletscher kalben schneller – und entsenden mehr gefrorene Kolosse in die gefürchtete Straße der Eisberge südlich des 48. Breitengrads. Dort drohen sie mit großen Schiffen zu kollidieren oder Ölplattformen mit ihren scharfen Kanten zu rammen.

Bei der Eispatrouille herrscht deshalb besonders hohe Wachsamkeit. In diesem Jahr spürte sie 1.223 weiße Riesen auf. Bereits jetzt zählt das Jahr 2014 zu den zehn eisbergreichsten seit dem Untergang der Titanic. Ursache dafür ist die seltene Wetterlage im vergangenen Winter und im Frühjahr. Träge Kaltluft über Nordamerika strömte unaufhörlich auf den Atlantik und sorgte an der Ostküste für eine satte Nordlage, die die Eisberge die Küste entlang nach Süden trieb. Im Gegenzug erlebte Europa einen stürmischen und extrem milden Winter.

"Seit Januar beobachten wir eine starke Eisberg-Saison, die sich jetzt im Mai ihrem Höhepunkt nähert", sagt Michael Hicks, der wissenschaftliche Leiter der IIP. Am Ende der Saison im Juli werden es wahrscheinlich mehr als 1.500 gewesen sein. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr schafften es gerade einmal 13 gefrorene Giganten in solch südliche Gefilde. "Was die Zahl der Eisberge betrifft, die in die Schifffahrtsrouten gelangen, haben wir es mit enormen Schwankungen zu tun", sagt Hicks. Doch im Schnitt hat die Zahl driftender Eisberge seit Anfang der achtziger Jahre um die Hälfte zugenommen.

Am produktivsten ist dabei der Auslassgletscher Jakobshavn Isbræ im Ilulissat Eisfjord an der Westküste Grönlands. Keiner kalbt häufiger, zehn Prozent aller arktischen Eisberge stammen von hier, das sind durchschnittlich etwa 1500 Eisberge pro Jahr. Auch das mittelgroße Exemplar, das die Titanic rammte, stammte höchstwahrscheinlich aus dem Ilulissat Eisfjord. Die Fließgeschwindigkeit des dortigen Gletschers hat sich in den vergangenen Jahren erhöht, wie Glaziologen anhand von Satellitenbildern nachgewiesen haben. Bis zu 46 Meter pro Tag schiebt er seine Gletscherzunge in den Fjord hinein – Weltrekord. An der Kalbungsfront purzeln junge Eisberge schließlich ins Meer und schwimmen sich frei. Die Reise beginnt.

Doch ihr Weg ist lang und verlustreich, Wind und Meeresströmungen stoßen und ziehen sie durch die kalte See. Der Westgrönlandstrom schickt sie zunächst in Richtung Norden. Nach wochenlanger Reise versammeln sie sich in der Baffin Bay, nördlich des Polarkreises. Nach Süden kommen sie nur, wenn das Neufundland-Tief stark bläst – wie in diesem Winter. Dann passieren sie die Davisstraße und gelangen schließlich in den kalten Labradorstrom, der sie entlang der Ostküste Nordamerikas weiter nach Süden trudeln lässt. "Von der Geburt der Eisberge bis zum Erreichen des 48. Breitengrades kann es drei Jahre dauern", sagt Hicks. Nur die stärksten kommen durch, im offenen Meer schlagen Wellen die weißen Riesen kurz und klein. Im Begleitschutz von Packeis hingegen können ihnen die Erosionskräfte kaum etwas anhaben. Spätestens wenn sie die Flämische Kappe, einen Flachwasserbereich am östlichsten Zipfel Neufundlands, erreichen, herrscht bei der IIP höchste Alarmstufe. Dann beginnt die Jagd.