Kein Tier macht dem Menschen ein so schlechtes Gewissen wie der Eisbär. Sein unschuldig weißes Fell, seine knopfäugige Melancholie – sie erinnern uns daran, was wir sind. Klimakiller. Kohlendioxidverschleuderer. Polkappenzerstörer. Dem Eisbären schmilzt der Lebensraum unter den Pfoten weg, und schuld daran sind wir.

Doch nun hat auch der weiße Bär seine Unschuld verloren. Im Wiener Tiergarten Schönbrunn hat er einen Pfau verspeist. Bei lebendigem Leibe. Vor den Augen der Besucher. Österreichs Presse schreibt von "einem tödlichen Zwischenfall".

Schönbrunn lässt seine Pfauen – einst vier an der Zahl, seit Sonntag nur noch drei – im Tiergartengehege frei herumlaufen. Da drängt sich geradezu die Frage auf, ob das Risiko, gefressen zu werden, vielleicht der Preis der Freiheit ist? Oder ob es einfach nur pfauenhafte Eitelkeit war, eben das zu hoch erhobene Haupt, das den Blick auf das Wesentliche verstellt hat? Und ist womöglich vereitelte Freiheit einer befreiten Eitelkeit vorzuziehen?

Im Deutschen Bundestag waren am vergangenen Freitag auch zwei frei laufende Pfauen zu beobachten: Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagspräsident Norbert Lammert. Sie sind beide Freigeister, die sich am frei ausgesprochenen Wort erfreuen – am liebsten dem eigenen. Das kann man durchaus eitel nennen, womit wir wiederum beim Blick für das Wesentliche wären.

Das Erstwesentliche an diesem Tag im Parlament war die Feierstunde anlässlich des 65. Jahrestags der Verkündung des Grundgesetzes. Das Zweitwesentliche war der Festredner – und der hieß nicht Joachim Gauck. Stattdessen sprach im Reichstag Lammerts Lieblingsschriftsteller Navid Kermani. Der hat übrigens eine großartige Rede gehalten, was allerdings für diesen Text unwesentlich ist.

In Berlin hält sich seit Freitag nämlich hartnäckig das Gerücht, Gauck habe als Redner abgesagt, weil Lammert Kritik an seinen Reden geübt habe. Von denen soll er sich, so heißt es, mehr intellektuelle Tiefe gewünscht haben. Es klingt danach, als habe Norbert Lammert zu einer Partie Präsidenten-Scrabble herausgefordert: Egal, wie frei das Wort ist, am Ende zählt allein der intellektuelle Buchstabenwert.

Deshalb zum Schluss ein paar wertige und zugleich tröstliche Abschiedsworte für den freien Pfau aus dem Tiergarten Schönbrunn: Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.