Ernst Jünger war durch und durch Soldat des Ersten Weltkrieges. Auch auf einer sonnigen Erholungskreuzfahrt 1936 nach Brasilien gelang es ihm nicht, die Lebensform im Schützengraben abzulegen. "Seit dem Weltkrieg erfasste ich nicht so wachsam die Wirklichkeit. Jeder Schritt wird gezählt", schrieb er in sein Brasilientagebuch Atlantische Fahrt. Beim Betrachten des Urwaldes prasselten Eindrücke auf ihn ein wie Granaten an der Front: "Von einer Mimose schwirrt ein schnarrendes Wesen ab, das bunt metallisch leuchtet und im Fluge (...) zu explodieren scheint." Beim Anblick einer "Pfeilwurz" ergriff ihn "Schrecken, denn es offenbarte sich in ihm die höchste und sinnlichste Gewaltsamkeit". Jünger deutet Brasiliens Formenvielfalt als "Angriff" auf sein Bewusstsein: Der Anblick eines Vogelgefieders erscheint ihm "beinahe schmerzlich, als ob das Auge von einem glühenden Pfeil getroffen, die Netzhaut mit einem Stift geätzt würde".

Giftgas, Sprenggeschosse, Füsiliere, Leichen – Brasiliens Natur scheint für Jünger alles bereitzuhalten. Wie "Visionen auf einem dunklen Tuch" brechen ihre Geschosse jäh hervor, und ebenso jäh verschwinden sie wieder, ähnlich den fliegenden Fischen, die Jünger auf der Hinfahrt von der Reling aus beobachtete. "Übungen im Sehen" nennt Jünger seine Brasilienreise und stellt sie in den Kontext des Ausspähens eines feindlichen, da unbekannten Territoriums. Aber auch als passionierter Käfersammler fasziniert Jünger den Leser mit mikroskopisch genauen Pflanzenbeschreibungen aus der Nahperspektive einer "Biene, die Blüten in großer Zahl befliegt", und lässt keine Blattader, keinen Blütenstempel, Pollenkrümel oder Insektenflügel unbeschaut.

Zu Jüngers Persönlichkeit als Soldat und Zoologe gesellt sich im Verlauf der Lektüre noch eine weitere: der verschämte Tourist. Jünger, so ein Brief an den Bruder, empfand Scham über seine mitreisenden "Mangodiebe", die in den Gärten der Eingeborenen Obstbäume plünderten und neugierig in Hütten einfielen. Er selbst wollte daher auf keinen Fall für einen Touristen gehalten werden: "Ich legte einen Leinenanzug an und setzte einen Strohhut auf, da ich bemerkt hatte, dass die europäische Kleidung Aufsehen erregt. Insbesondere sind die englischen ›Knickerbockers‹ unmöglich, und unliebsames Aufsehen erregen würde der Tropenhelm."

Poesie als feinere Art der Kriegsgeschichte

In der Zivilisation werden die Bewegungen des Soldaten im leinenen Tarnanzug allerdings verhaltener als in der Natur. Jünger traute sich nicht, Fisch zu essen ("zu fremd, zu unentzifferbar erschienen mir die Zutaten"), und probierte nur zaghaft etwas Obst – "die Mangopflaume, die einem prächtig goldgelb (...) bemalten Marzipanherzen gleicht". Dafür zeigten sich ihm Städte und Menschen voll aufgeladener Erotik: Rio war "Riesin mit granitenen Brüsten", die "Häuser am Rande der Stadt (...) von einem wollüstigen Fluidum durchbadet", im Vorbeifahren bewunderte er die nackte Silhouette eines vierzehnjährigen Mädchens, die sich unter ihrem Nachthemd abzeichnete.

Poesie sei bloß "eine feinere Art der Kriegsgeschichte", schrieb Jünger im Abenteuerlichen Herzen von 1938. Wenn ihm also in Brasilien der Flug eines Kolibris als "jähe Schwängerung" und "Lustraub" erscheint, so ist dies nicht nur eine Vorwegnahme seiner Strahlungen (1949), in denen Jünger bekanntermaßen bei Burgunder mit Erdbeeren die Stadt Paris unter dem Anflug der deutschen Bomber als Blütenkelch erschien, der "zu tödlicher Befruchtung überflogen wird". In den Stahlgewittern erschien ihm, "hinterm Maschinengewehre hockend", das Gewimmel des Schlachtfeldes als "Mückentanz", in Brasilien umflogen ihn umgekehrt Insekten wie Geschosse. Als Jünger Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sein altes Kriegstagebuch zur Hand nahm, konnte er nicht genau sagen, ob die Flecken auf den Seiten Blut waren oder Wein. In Brasilien hingegen sind für ihn die "Bilder (...) der Wein", der ihn in "Trunkenheit" versetzt.

Diese Verschränktheit von Krieg und Gewalt, Natur, Sex und Alkohol zieht sich wie ein roter Faden durch Jüngers Werk. Schönheit ist für ihn immer auch Gewalt, Gewalt immer auch Dekadenz. Daher gelingt es ihm auch in Brasilien nicht, den Nervenkitzel des Schachtfeldes abzulegen. Gibt es keine Gefahr, so muss Jünger sie selbst erfinden. In Rio etwa bedauert er, keinen Zutritt zu den verwunschenen Gärten und Häusern der Reichen zu haben, und mutmaßt: "In diesen schweigenden Residenzen scheint das Unbekannte geheimnisvoll zu warten – reglos, doch wach bis zum Skorpion, der unter der Schwelle ruht."

Der poetische Schwulst des Buches, zoologische Pedanterie, touristische Unsicherheit und ein flanierender, Obst essender Soldatendandy, für den Schlachtengewimmel Entspannung und Schönheit bedeutet, schaffen die faszinierende, in Sonne gebadete brutale Milde von Jüngers Bildern. In seinem Vorwort des Jahres 1947 widmete er die Atlantische Fahrt den deutschen Kriegsgefangenen, "weil es Erinnerungen an Sonne und Raum enthält". Auch heute wirkt Jüngers entrückte Faszination mit der Ästhetik Brasiliens wie ein letztes helles Einatmen, sodass wir nach der Intensität seiner Schilderungen die Depression mitfühlen, die von ihm bei der Heimkehr angesichts des grauen Nordhimmels Besitz ergreift. Hier überkommt ihn die düstere Ahnung "der drohenden Zeiten, die sich (...) ankündigen, ja deren Flammen bereits am Horizont emporzüngeln".