Die Geschichte klingt, als stamme sie aus Thomas Manns Hochstaplerroman Felix Krull oder Jaroslav Hašeks Bravem Soldaten Schwejk: Monatelang fuhr der Husar Müller 1915 ziellos durch Deutschland – vollkommen unbehelligt, wie eine Militärbehörde später mitteilte, denn die Tarnung des Fahnenflüchtigen war nahezu perfekt. Mit gefälschten Ausweispapieren hatte er sich einen Kraftwagen der Heeresverwaltung erschlichen. Einmal stellte man den Deserteur sogar und verhaftete ihn, doch im Verhör "gelang es ihm durch die Ausweispapiere und sein sicheres Auftreten, seine Freilassung zu erwirken". So steht es in einem Bericht des stellvertretenden Generalkommandos im westfälischen Münster. Über die Herkunft dieses kühnen Deserteurs und sein weiteres Schicksal nach seiner Ergreifung gibt das Dokument leider keine Auskunft.

Der Husar war einer von vielen Soldaten, die sich im Ersten Weltkrieg dem Dienst an der Waffe verweigerten, die davonliefen oder erst gar nicht antraten, die es auf unterschiedlichste Weise vermieden, töten zu müssen und getötet zu werden. Wohl mehrere Hunderttausend entzogen sich so dem Großen Krieg, in dem zwischen 1914 und 1918 rund 60 Millionen Soldaten kämpften.

Die meisten von ihnen fuhren mit einem traditionellen Kriegsbild an die Front, manche träumten von Tapferkeit und Ruhm. Doch die Wirklichkeit ernüchterte sie brutal. Bereits nach wenigen Wochen herrschte Kriegsmüdigkeit, und so verbrüderten sich die gegnerischen Kämpfer zu Weihnachten 1914 an vielen Orten in West und Ost, tauschten Geschenke aus und sangen im zerwühlten Niemandsland zwischen den feindlichen Linien gemeinsam Weihnachtslieder. Die Kampfhandlungen ruhten für Tage, vereinzelt sogar für Wochen.

Dieser Weihnachtsfrieden blieb keine Ausnahme: Während des gesamten Krieges gab es an allen Fronten stillschweigende Vereinbarungen, nicht oder nur in ritualisierter Form aufeinander zu schießen. Der britische Soziologe Tony Ashworth bezeichnete dies 1980 als "live and let live- System". Die Armeeführungen schritten oft scharf dagegen ein – dabei war dieses "Leben und leben lassen" auch in ihrem Interesse: Beständig und überall einen Krieg mit höchster Intensität zu führen hätte die personellen und materiellen Ressourcen noch stärker überfordert, als dies ohnehin der Fall war.

Um zeitweise den Strapazen des Frontalltags zu entgehen, schossen sich manche Soldaten auch selbst in Hände und Füße, zogen sich bewusst Krankheiten zu oder simulierten deren Symptome. Rezepte für Selbstverstümmelungen kursierten in den Schützengräben und wurden auch von der gegnerischen Propaganda verbreitet. Andere Soldaten machten sich ein Dilemma der Militärgerichtsbarkeit zunutze: Da sie die Strafe für kleinere Missetaten oft in einem Gefängnis in der Etappe verbüßen mussten, waren sie für diese Zeit vor den Kriegsgefahren geschützt. Um das zu verhindern, wurde der Vollzug oft ausgesetzt – oder die Verurteilten hatten ihre Strafe in Gefangenenkompanien an der Front abzuleisten.

Klicken Sie auf das Bild, um den Weg in den Ersten Weltkrieg multimedial nachzuverfolgen.

Deserteure brachen gänzlich mit dem Zwangssystem Militär. In Italien und Frankreich betrachtete man einen Soldaten nach einer bestimmten Abwesenheitsdauer automatisch als desertiert. Im deutschen Militärstrafrecht war hingegen die Absicht entscheidend. Weil Absichten jedoch kaum nachzuweisen sind, ergingen gegen deutsche Soldaten nur wenige Urteile wegen Fahnenflucht. Das britische Militärstrafrecht behalf sich mit dem dehnbaren Passus, dass als Deserteur galt, wer sich "einer bestimmten wichtigen Dienstpflicht" entzogen hatte.

Wie aber konnten Soldaten überhaupt untertauchen? Im Stellungskrieg gab es wenig Gelegenheit, sich davonzustehlen. Auch das Überlaufen zum Gegner war höchst riskant, drohte doch Feuer von beiden Seiten. Der Vormarsch in die Stellung, ein Aufenthalt in der Etappe oder der Heimaturlaub boten bessere Gelegenheiten. Wegen der zahlreichen Kontrollen im Etappengebiet mussten sich Deserteure dafür jedoch mit gefälschten Dokumenten ausstatten. Und mit denen wurde, wie die Oberste Heeresleitung im April 1918 klagte, ein "schwunghafter Handel" betrieben: "Festgenommene sagen aus, daß sie 3 bis 20 Mark für gefälschte Ausweise bezahlt haben", heißt es in einem Bericht.

Auch wer kein solches Dokument besaß, fand mitunter einen Weg: so wie jener deutsche Deserteur, der sich als russischer Staatsangehöriger ausgab, weshalb er in ein Gefangenenlager und in ein Arbeitskommando gesteckt wurde. Dadurch "war für den Fahnenflüchtigen gewissermaßen ein Ausweis geschaffen worden", meldete die Militärbehörde, die dem Mann schließlich doch noch auf die Schliche kam. Dennoch erwies sich die eigene Armee oft als das sicherste Versteck.