Es gibt kaum ein emotionaleres politisches Thema als die Zuwanderung. Während in Frankreich und Großbritannien rechtspopulistische Parteien bei der Europawahl punkten konnten, will die Wirtschaft in Deutschland mehr ausländische Fachkräfte ins Land holen.

Migration ist seit jeher eine Reaktion auf ökonomische und humanitäre Lebensumstände. So ist die Zuwanderung nach Deutschland zuletzt auf den höchsten Stand seit 20 Jahren gestiegen, weil viele Spanier und Italiener wegen der hohen Arbeitslosigkeit im Süden Europas einen Job in München oder Berlin angetreten haben, wo die Wirtschaft besser läuft. Deutschland ist heute – wer hätte das vor ein paar Jahren vermutet – nach den USA das zweitwichtigste Einwanderungsland der Welt.

Aus wirtschaftlicher Sicht bringt das viele Vorteile mit sich: Die deutsche Bevölkerung altert rasant und ist auf ausländische Arbeitnehmer angewiesen, wenn sie ihren Lebensstandard halten will. Der Anteil der über 65-Jährigen würde nach Prognosen der Vereinten Nationen ohne Zuwanderung bis 2050 von derzeit 20,8 auf 34,6 Prozent steigen.

Und weil die meisten Zuwanderer nicht nur Leistungen in Anspruch nehmen, sondern auch Steuern zahlen – rund ein Drittel verfügt nach Zahlen der Industrieländerorganisation OECD über einen Hochschulabschluss –, entlastet die Einwanderung die Staatskasse in der Regel unterm Strich.

Auch die Heimatländer der Migranten profitieren: Ihre Sozialkassen werden geschont, und die Arbeitnehmer können sich in der Ferne weiter qualifizieren. Sie verdienen Geld und schicken es in ihre Heimat, wo es häufig dringend benötigt wird. Nach Schätzungen der Weltbank haben Migranten im vergangenen Jahr mehr als eine halbe Billion Dollar in ihre Herkunftsstaaten überwiesen – der größte Teil davon geht in Entwicklungsländer.

Auf der anderen Seite gehört es zum Kern staatlicher Souveränität, zu entscheiden, wer aufgenommen wird und wer nicht. Denn selbst wenn die Zuwanderung für die Volkswirtschaft insgesamt nützlich ist, kann die Konkurrenz um einzelne Jobs größer werden, manchmal zum Nachteil der einheimischen Bevölkerung. Umgekehrt kann es sein, dass die Herkunftsländer im Extremfall die besten Köpfe verlieren, wenn zu viele Junge und Mobile das Land verlassen. Schließlich schreitet auch in Regionen wie Nordafrika die Alterung voran.

Die pauschale Forderung nach mehr oder weniger Zuwanderung wird dem Sachverhalt also nicht gerecht. Es gehe darum, "Migration mit Blick auf die Interessen der Herkunfts- und Zielländer und der Migranten selbst besser zu gestalten", sagt Lukas Gehrke, Direktor beim International Centre for Migration Policy Development, einer internationalen Organisation mit Sitz in Wien, die sich um Migrationsfragen kümmert. Wanderungsbewegungen sollten zum Beispiel so weit wie möglich aus der Illegalität herausgeholt werden. Das trage dazu bei, Ausbeutung und Kriminalität zu verhindern.

Dabei kommt es auch auf das Motiv für die Migration an: Bei der Zuwanderung in den Arbeitsmarkt spielen die Qualifikation der Migranten und der Bedarf der Einwanderungsländer eine entscheidende Rolle. Länder wie Kanada etwa wählen streng nach Fähigkeiten aus, innerhalb der EU fehlt ein solches System weitgehend. Andere Kriterien gelten für Flüchtlinge, die ihr Land aus Furcht vor Verfolgung verlassen haben. Sie können sich auf internationale Vereinbarungen berufen. Weniger als fünf Prozent der Einwanderer in Deutschland sind aus humanitären Gründen im Land.

In beiden Fällen gilt: Es geht nicht nur darum, wer einreisen darf, sondern auch darum, was danach geschieht. In Europa etwa liegt die Arbeitslosenquote von Ausländern erheblich über der von Inländern. In klassischen Einwanderungsländern wie den Vereinigten Staaten ist das anders: Dort gibt es zumindest am Arbeitsmarkt fast keine Unterschiede zwischen Einwanderern und Einheimischen – ein Zeichen dafür, dass in den USA die Integration besser gelingt.