Das politische Europa hat sich mit dieser Wahl weder schwarz verfärbt noch rot. Es ist auch nicht gelb, grün, braun oder violett geworden. Betrachtet man die Ergebnisse in den 28 Ländern zusammen, wirkt es vielmehr so, als hätten die Wähler die Politik in eine Salatschleuder gesteckt und kräftig an der Schnur gezogen. Das Ergebnis: Viele Stücke kleben am Rand, und in der Mitte ist immer weniger.

Von einem "Rechtsruck" ist nun die Rede. Von einem Triumph der Populisten, der Antieuropäer. Das stimmt, und es stimmt nicht. Die Begriffe sind ohnehin unscharf. Weder kommen alle Populisten, die sich demnächst im Europaparlament tummeln werden, von der politischen Rechten; in Griechenland etwa ist die weit links stehende Syriza als erste Partei ins Ziel gelaufen. Noch haben die Populisten tatsächlich überall, wo sie angetreten sind, auch triumphiert. In den Niederlanden und in Finnland blieben sie hinter den Erwartungen zurück.

Trotzdem hat diese Europawahl eine Entwicklung deutlich gemacht, die sich in vielen und ganz unterschiedlichen europäischen Ländern beobachten lässt: Die Mitte ist schwächer geworden. Der politische Ort, der jahrzehntelang das Selbstverständnis der (west-)europäischen Demokratien bestimmt hat, erodiert. Die etablierten Parteien sind unter Druck geraten – das gilt für Frankreich wie für Dänemark, für Griechenland und Großbritannien, für Spanien oder auch die Niederlande. Deutschland ist da eine Ausnahme.

Die Mitte, das waren vor allem die beiden großen europäischen Parteifamilien: die Europäische Volkspartei (EVP), zu der CDU und CSU gehören, sowie die Partei der Europäischen Sozialisten (PES), zu der die SPD zählt. Aber groß scheint heute vor allem ihre Vergangenheit zu sein. Am Wochenende haben EVP und PES zusammen nur noch knapp 54 Prozent der Stimmen gewonnen. Das reicht im Europaparlament zwar mit Müh und Not für eine gemeinsame Mehrheit. Aber da sind fragwürdige Parteien wie Silvio Berlusconis Forza Italia, die ungarische Fidesz oder Rumäniens Sozialdemokraten schon mitgezählt.

Der Aufstieg der Populisten und das Schwinden der politischen Mitte lässt sich beispielsweise gut in Großbritannien beobachten.

Es ist schon Nacht, als Nigel Farage am vergangenen Sonntag das Rathaus von Southampton betritt. Der Wahlkampf hat dunkle Augenringe in seinem Gesicht hinterlassen. Parteifreunde von der britischen Unabhängigkeitspartei (Ukip) und Journalisten stürzen auf ihn zu, ein Kameramann ruft "Nigel, Nigel". Farage dreht seinen Kopf in Richtung Objektiv und grinst breit, dann fängt er an zu lachen. "Ich habe euch ein Erdbeben versprochen, und hier ist es", ruft er. "Die Volksarmee hat gesprochen!"

Obwohl Nigel Farage noch nie ins britische Parlament gewählt wurde; obwohl er Vorsitzender einer Partei ist, die den Ruf des Rassismus nicht loswird; obwohl er außer seiner Forderung nach einem EU-Austritt über kein richtiges Programm verfügt und das auch zugibt, ist der 50-Jährige zum einflussreichsten Politiker des Landes aufgestiegen.

Dass eine kleine Partei durch nur eine Wahl plötzlich stärkste Kraft wird, hat es in Großbritannien seit mehr als hundert Jahren nicht gegeben. Mit 27,5 Prozent der Stimmen hat die Ukip die oppositionelle Labour-Partei und die regierenden Konservativen auf den zweiten und dritten Rang verwiesen. Nick Clegg wiederum, der europafreundliche Chef der Liberalen Demokraten, muss wegen des schlechten Ergebnisses seiner Partei gar um seinen Posten als Vize-Premier bangen.